Weltstädte : Zuzug in Berlin: "Umwelt, Kultur und Soziales immer berücksichtigen"

Stadtentwicklungsexpertin Birgit Detig plädiert für ein infrastrukturelles Gesamtkonzept. Ihr Arbeitgeber Arcadis versammelt Interessengruppen, um Städte gemeinsam zu planen.

Reinhart Bünger
Birgit Detig ist Leiterin Site Development bei Arcadis Deutschland. Das Unternehmen bietet weltweit Beratungs-, Projektmanagement- und Ingenieurleistungen in den Bereichen Infrastruktur, Wasser, Umwelt und Immobilien an.
Birgit Detig ist Leiterin Site Development bei Arcadis Deutschland. Das Unternehmen bietet weltweit Beratungs-, Projektmanagement-...Foto: Promo

Ihr Unternehmen hat Berlin in das Stadtentwicklungsprogramm „Global Cities“ aufgenommen. Hier wollen Sie mit Bürgermeistern, weiteren Städtevertretern, Wirtschaftsförderern, Investoren, Projektentwicklern und Politikern Konzepte für die Stadtentwicklung erarbeiten. Was kann Berlin mit Blick auf die Bewältigung der Flüchtlingskrise von Metropolen wie Sao Paulo, Shanghai oder New York lernen?

Die genannten Metropolen sind schnell wachsende Städte, die in den letzten Jahren einen enormen und schnellen Zuzug aus dem Umland und anderen Ländern meistern mussten. Das ist vergleichbar mit der aktuellen Situation in Berlin.

Aus anderen internationalen Städten wissen wir auch, dass es keine gute Lösung ist, für Neubürger aus dem Ausland Wohnraum außerhalb der Städte zu schaffen, da es Integration verhindert. Die neuen Mitbürger benötigen Teilhabe an kulturellen- und Bildungsangeboten, die es im Stadtinneren reichlich gibt.

Anders als in anderen Metropolen hat Berlin noch viele Kapazitäten für städtische Verdichtung. Daher gehen wir davon aus, dass für die Flüchtlinge, die langfristig hier bleiben, Wohnraum innerhalb der Stadt bereitgestellt werden kann, wenn jetzt zügig Maßnahmen ergriffen werden. Der schnelle Zuwachs der Bevölkerung bedeutet aber auch, dass Schulen ausgebaut werden müssen, mittelfristig auch die Infrastruktur. Auch hier profitiert Berlin von internationalen Beispielen.

Der Saldo aus Abwanderung und Zuwanderung betrug in Berlin in Vorjahren ein deutliches Plus von mehr als 40.000 Menschen pro Jahr, nun wird von 80.000 Menschen gesprochen. Welche Ausbaumaßnahmen sehen Sie in der deutschen Hauptstadt vordringlich?

Die Schaffung von finanzierbarem Wohnraum innerhalb der Stadt ist natürlich dringend. Aber auch Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, kulturelle Einrichtungen sowie der öffentliche Nahverkehr müssen angepasst werden. Nicht zu vergessen der Bau von Büro- und Gewerbeflächen.

Glauben Sie, dass die Strukturen der Verwaltung Berlins Flexibilität und Bewegungsspielräume haben, um Konzepte für die Stadtentwicklung rasch umzusetzen?

Es bleibt der Verwaltung nichts anderes übrig, sie muss schnell Maßnahmen ergreifen. Die Frage ist, ob diese gut durchdacht werden und langfristig tragen. Jetzt besteht die Chance, nachhaltige Strukturen zu schaffen, die ergriffen werden sollten.

Andere Strukturen braucht es nicht, aber die Stadt sollte eng mit Experten zusammenarbeiten. Sie ist für das Wohl der Bürger verantwortlich. Hintergrund ist, dass Umweltfragen sowie Kultur, Soziales und Infrastrukturmaßnahmen immer mitberücksichtigt werden sollten bei allen Entwicklungskonzepten.

Lernen kann Berlin zum Beispiel von Rotterdam, wo der zentrale Bahnhof bei laufendem Betrieb mit 100.000 Reisenden pro Tag renoviert und um einen Neubau ergänzt wurde. Oder auch von Los Angeles im Bereich Masterplanung. Dort wird ein 33 Hektar großer Innenstadtbereich um das vorhandene Kongresszentrum um ein neues Mischgebiet aus Wohnungen, Büros, Gastronomie, Hotels und Kino ergänzt.

Die Verdichtung von Innenstädten, die Neuerschließung von Industrie- und Handelsflächen, die Bebauung von Brachen sind Ziele, die mitunter entweder gar nicht oder erst nach einem Ablauf eines Jahrzehnts erreicht werden. Daran kann doch ein Unternehmen wie Arcadis nichts ändern – auch wenn Sie sich als „führendes globales Planungs- und Beratungsunternehmen“ bezeichnen.

Es ist ja nicht so, dass wir uns erst seit heute mit Stadtentwicklung befassen oder mit Berlin. Wir haben sowohl in Berlin als auch deutschlandweit Nachnutzungsprojekte begleitet, beispielsweise den Rückbau und die Nachnutzung von Industrieanlagen.

Sinnvoll ist, Projekte, die strukturell ähnlich sind, zusammenzufassen und aus einer Hand zu managen. So werden Probleme, die sonst bei jedem einzelnen Projekt auftauchen, präventiv für all diese Projekte gelöst. Außerdem werden Abstimmungs- und Organisationsfehler vermieden. So lassen sich Maßnahmen deutlich schneller und effektiver umsetzen. Durch den Flüchtlingszustrom sind die Behörden außerdem zum Handeln gezwungen, es bleibt gar keine andere Wahl als zu reagieren.

Welche konkreten stadtplanerischen Konzepte konnten Sie in Megacities mit Entscheidern durch- und zum Wohl des Gemeinlebens umsetzen?

In New York wurde die ohnehin veraltete Infrastruktur des U-Bahnsystems durch Überflutung nach dem Wirbelsturm Sandy zusätzlich belastet. Durch innovativen Hochwasserschutz werden die Bürger von New York zukünftig ein verlässliches und sicheres U-Bahnsystem erhalten, das den hohen Standards entspricht, die Mobilität verbessert und die Lebensqualität steigert.

Oder das derzeit in Ausführung befindliche „Grand Paris Express“-Projekt, das mit 200 Kilometer Metrostrecke Vororte rund um Paris miteinander verbindet, die derzeit nur durch das Stadtzentrum miteinander verbunden sind.

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