Weniger Quadratmeter, weniger Probleme : Kleiner wohnen

Immer mehr Deutsche wohnen auf immer mehr Quadratmetern. Eine Trendwende ist bisher nicht in Sicht. Dabei haben kleine Wohnflächen einen großen ökologischen Vorteil. Und billiger würde das Bauen auch.

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Platz ist in der kleinsten Hütte. Es muss ja kein Hamsterkäfig sein.
Platz ist in der kleinsten Hütte. Es muss ja kein Hamsterkäfig sein.Foto: imago stock&people

Weniger ist mehr – auch beim Wohnen, findet der Bauunternehmer Ernst Böhm von B&O aus Bad Aibling. Zwölf Thesen zur Baukostenreduzierung trug Böhm kürzlich bei der Neubautagung der Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmen vor. „Kleinere Grundstücke nutzen, weniger Quadratmeter, intelligente Grundrisse“ waren Vorschläge des Fachmanns. Das sei ökologischer, als viel Geld in energieeffiziente, aber teure Haustechnik zu stecken.

Kleiner ist die Wohnfläche in Deutschland bisher aber nicht geworden. 46,5 Quadratmeter pro Kopf waren es 2014. Das sind 6,5 Quadratmeter mehr als im Jahr 2000 und mehr als doppelt so viel wie nach dem Krieg.

Zumindest in Berlin aber fordern die hohen Baupreise ihren Tribut. „Wir haben viele Objekte, in denen die Wohnungen kleiner werden, weil sonst keiner mehr die Preise stemmen kann“, sagte die Leiterin des Amtes für Stadtentwicklung im Bezirk Mitte, Tanja Lier, vergangenen Herbst, auf Nachfrage des Tagesspiegels. Mit „leicht zu finanzierenden Wohnungsgrößen“ warben zur gleichen Zeit die Vermarkter des „Guardian“, einem Neubau an der Schützenstraße, im ehemaligen Zeitungsviertel.

Mehr Fläche pro Person ist aber nicht nur auf großzügige Grundrisse im Neubau zurückzuführen, sondern auch auf die höhere Zahl von Singlehaushalten. „Eine einzelne Person in einer Wohnung hat eine Küche, ein Bad und einen Flur für sich. Eine zweite Person nur ein Zimmer mehr“, sagt die Architektin Anja Bierwirth. Sie forscht am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie zum Thema Gebäudeeffizienz. In jedem Fall muss eine größere Wohnfläche beheizt und beleuchtet werden. Das alles kostet Energie, und der gefürchtete Rebound-Effekt tritt ein, der alle Einsparungen aufzehrt.

Möglichkeit des Wohnungstauschs wird selten genutzt

Bierwirth sieht am wachsenden Platzbedarf auch das Problem des Bodenverbrauchs. Immer noch werden in Deutschland 70 Hektar pro Tag in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewandelt. 30 Hektar pro Tag hat sich die Bundesregierung für 2020 als Ziel gesetzt. „Das ist noch nicht in Sicht“, sagt die Expertin.

Zur Lösung des Problems will sie unter anderem attraktive Alternativen für ältere Menschen ermitteln, die allein im ehemaligen Familienhaus wohnen. „Es geht nicht darum, die alten Leute aus ihrem Haus zu verjagen“, sagt Bierwirth. Aber die Grenze zwischen „Ich wohne in einem Haus und das ist Wohlstand“ und „Ich wohne in einem Haus und das ist eine Belastung“, sei fließend. Wenn ältere Menschen zwei Straßen weiter in ein Mehrgenerationenhaus ziehen und dort selbstbestimmt leben könnten, würden sicher viele diese Alternative wählen, glaubt die Architektin.

Immerhin die Möglichkeit eines Wohnungstauschs bieten die sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften in Berlin für ihre Mieter an. Seit 2013 können diese eine größere Wohnung gegen eine kleinere tauschen. Dabei sichern die Vermieter zu, dass die Miete unter der der alten Wohnung liegt. Bisher machten aber nur gut 500 Mieter von dieser Möglichkeit Gebrauch, informiert die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Das ist nicht eben viel bei über 300.000 Mietern der Landeseigenen. „Die Ursache der geringen Umzugsbereitschaft liegt vermutlich darin, dass es nicht ausreichend kleinere Wohnungen gibt, die zur Verfügung stehen“, sagt Sprecher Martin Pallgen.

Ob der Trend bei den gerade angeschobenen Neubauprojekten der Landeseigenen zu eher kleineren Wohnungen geht? „Das ist nicht gut zu beantworten, weil wir in den letzten Jahren gar nicht so viel gebaut haben“, sagt Gabriele Mittag, Sprecherin der Gewobag. „Wir haben ja im August 2015 erst unser erstes Neubauprojekt in der Kiefholzstraße fertiggestellt.“ Um über eine Entwicklung zu reden, sei es deshalb noch zu früh. Wie alle anderen Gesellschaften aber baue die Gewobag viele Ein- und Zwei-Zimmerwohnungen.

"Jung kauft alt" ist ein voller Erfolg

Eine weitere Möglichkeit zu kleineren Wohnflächen zu kommen, sind neue Wohnformen mit kleinen Privatflächen und größeren Gemeinschaftsflächen. Wie das geht, zeigt beispielhaft ein Mietshaus in der Malmöer Straße 29 in Wedding. Die Zimmer der 22 Bewohner sind alle nur 16 Quadratmeter groß, berichtet der Architekt Oliver Clemens. Hinzu kommen aber mehrere Küchen und Bäder, was 32 Quadratmeter pro Person ergibt. Zählt man noch drei Seminarräume dazu, die auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, haben die Mieter in der Malmöer Straße trotzdem „nur“ 37 Quadratmeter pro Person zur Verfügung.

Für gemeinschaftliches Wohnen muss man allerdings die richtigen Mitstreiter finden und wohl etwas alternativ gestrickt sein. Oliver Clemens aber sieht kleinere Wohnflächen als großen ökologischen Vorteil: „Sobald der Energieeffizienzstandard sehr hoch ist, nimmt der technische Aufwand extrem zu. Das sind dann eher Luxuswohnungen, bei denen die Erstellungskosten sehr hoch sind“, sagt er. „Vielleicht reicht einer vierköpfigen Familie auch eine gut geschnittene 80-Quadratmeter-Wohnung“, ist seine Alternative.

Wie man Wohnraum auch effizient nutzen kann, macht die westfälische Gemeinde Hiddenhausen mit dem vielkopierten Programm „Jung kauft alt“ vor. Seit 2007 fördert die Kommune den Kauf eines mindestens 25 Jahre alten Hauses mit bis zu 9.000 Euro. Nicht immer, aber häufig, ist der Verkäufer ein älterer Mensch, der vorher allein in dem Haus gewohnt hat. „Seitdem haben wir – bis auf eine etwa fußballfeldgroße Fläche – keine Neubaugebiet mehr ausgewiesen“, berichtet Amtsleiter Andreas Homburg. Stattdessen wachse die Gemeinde nach innen.

Die Anfangsinvestitionen in das Förderprogramm werden sich auf längere Sicht rechnen, hat eine Bachelorarbeit über „Jung kauft alt“ ergeben. Zwar bekommen die Gemeinden von den Investoren der Neubaugebiete die Infrastruktur in Gestalt von Straßen, Kanalisation oder Kindergärten hingestellt. „Doch wenn diese später erneuert werden müssen, rächt sich das“, sagt Homburg. „Mit dem Förderprogramm lastet die Kommune die vorhandene Infrastruktur besser aus, und wir halten die Gemeinde jung und fit.“

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