Immobilien : Wenn Kunst auf wenig Freude trifft

Was Hauseigentümer und Mieter gegen Graffiti an Fassaden tun können

Christian Hunziker
310801_3_xio-fcmsimage-20091119224341-006000-4b05bc0db88ec.heprodimagesfotos810120091121graffitiwand.jpg
Das wäre doch gelacht. An einem Wohnhaus in der Liebigstraße war dieses Graffiti zu sehen. Doch sind Graffitis mehr oder minder...dpa

Kunstwerk oder Sachbeschädigung? Unter den Autoren des populären Online-Nachschlagewerks Wikipedia tobt ein heftiger Meinungsstreit, unter welchem Aspekt Graffiti zu betrachten sind. Für Hauseigentümer und Mieter dagegen ist der Fall in aller Regel klar: Schriftzüge und Farbkleckse an der Hausfassade sind für sie kein Ausdruck kreativen Schaffens oder freier Meinungsäußerung, sondern schlicht ein teures Ärgernis.

Dabei sind sich die Fachleute einig: Das beste Mittel gegen Graffiti ist, sie möglichst umgehend zu beseitigen. „Die schnelle Entfernung von Besprühungen lässt diese Stellen schnell uninteressant werden“, hält die Berliner Polizei in einem Informationsblatt fest. „Ist erst mal eine Besprühung längere Zeit vorhanden, werden anschließend viele folgen.“ Diese Einschätzung bestätigt Manfred Sperling, Vorstand der Gütegemeinschaft Anti-Graffiti: „Jede saubere Wand bedeutet eine Hemmschwelle.“ Wenn dagegen bereits erste Schmierereien vorhanden seien, hätten Sprayer keine Bedenken mehr, weitere anzubringen.

Wie aber kriegt man die Zeichen und Bilder weg? Recht unproblematisch ist dies, wenn die Graffiti auf einer gestrichenen Putzfassade angebracht sind. „Dann sagen Sie einfach dem Hausmeister, dass er drüber streichen soll“, erklärt Sperling. Befürchtungen, auf diese Weise entstünden farbliche Unsauberkeiten, seien unbegründet: Mittels spezieller Geräte seien Malerfachbetriebe mittlerweile in der Lage, den exakten Farbton der Fassade festzustellen und die entsprechende Farbe mischen zu lassen.

Zudem bieten zahlreiche Firmen eine Schutzbeschichtung an, welche die Entfernung von Graffiti erleichtern soll. Fachmann Sperling hält jedoch solche großflächigen Schutzschichten bei Putzfassaden für wenig sinnvoll. Anders verhält es sich nach seinen Worten bei Fassaden aus Klinker, Sandstein oder einem anderen Naturstein. Denn Sprayer arbeiten in der Regel mit Autolacken, die bei Baustoffen mit hohem Wasseraufnahmevermögen mehrere Millimeter tief eindringen können. Ist jedoch eine Schutzschicht angebracht, so können Fachleute die Farbe mittels eines Gels leicht lösen und dann mithilfe eines Heißwasser- Hochdruckreinigers entfernen, ohne dass der Stein in Mitleidenschaft gezogen wird.

Dabei gibt es mehrere Varianten von Schutzschichten. Temporäre Systeme müssen nach jeder Reinigung neu angebracht werden; Experten sprechen deshalb auch von Opferschichten, da die Schutzschicht durch die Reinigung gleichsam geopfert wird. Permanente Schutzschichten dagegen halten dauerhaft. Das Problem dabei: Sie weisen eine geringe Wasserdampfdurchlässigkeit auf, weshalb der Stein unter Umständen nicht mehr richtig atmen kann.

„Die Anforderungen an eine solche Schicht sind widersprüchlich“, hält denn auch André Laschewsky, Forschungsbereichsleiter am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung in Potsdam-Golm, fest. „Einerseits darf sie die Poren nicht versiegeln, damit die Luft zwischen Gebäude und Außenraum weiterhin ausgetauscht wird. Andererseits soll die Graffitifarbe nicht in die Poren eindringen.“ Beide Anforderungen erfüllt laut Laschewsky ein neuartiger Lack, den das Fraunhofer-Institut gemeinsam mit polnischen Partnern entwickelt hat.

Praktiker Sperling, seit dreißig Jahren im Geschäft der Graffiti-Entfernung tätig, kann über die Meldung aus Potsdam-Golm indes nur milde lächeln. Mindestens einmal pro Monat werde jemand mit einem angeblich ganz neuen Verfahren bei der Gütegemeinschaft Anti-Graffiti vorstellig – doch in Wirklichkeit sei in den letzten Jahren kein einziges wirklich innovatives Mittel auf den Markt gekommen. Erfindungsreichtum ist dafür gefragt, wenn es darum geht, den Sprühern die Freude gleich im Ansatz zu verderben. Manfred Sperling berichtet von einer Wand, die immer mal wieder Gegenstand von Graffiti-Attacken wurde. Die „Verzierung“ ließ er jedes Mal mit einer anderen Farbe überstreichen, bis ein bunter Fleckenteppich entstand – und seither ist Ruhe. Ein weiterer Tipp: Die Berankung einer Fassade mit Efeu oder Wein stellt einen wirkungsvollen Schutz vor Graffiti dar. Vandalismus können auch Bewegungsmelder in Verbindung mit Licht vermeiden. Und als Vorbeugung gegen besonders heimtückische Verunstaltungen durch Fettstifte empfiehlt Manfred Sperling, Lochbleche anzubringen: Dann gleiten die Filzschreiber ständig ab, und die Lust am Kritzeln schwindet.

Und wie halten es die Vermieter? Die Berliner Wohnungsbaugesellschaft Gewobag zum Beispiel setzt in erster Linie auf die schnellstmögliche Beseitigung von Graffiti und versucht darüber hinaus, durch im Quartier patrouillierendes Sicherheitspersonal Vandalismus jeder Art vorzubeugen. Zudem würden Jugendliche durch soziale Aktivitäten zu einer sinnvollen Freizeitgestaltung motiviert, heißt es bei der Pressestelle.

Gute Erfahrungen haben Wohnungsunternehmen in Frankfurt (Oder) mit einem Vorhaben namens „Graffiti im Projektunterricht“ gemacht, wie David Eberhart, Pressesprecher des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU), berichtet. Jugendliche wurden von Fachleuten des Polizeipräsidiums über die strafrechtlichen Konsequenzen von Graffiti-Aktivitäten informiert, hatten aber auch die Möglichkeit, ihre künstlerischen Fähigkeiten in einem Graffiti-Wettbewerb auszuprobieren. Die unterschiedlichen Anstrengungen scheinen zu fruchten: Bei den Mitgliedsunternehmen des BBU sind die Vandalismusschäden von 7,7 Mio. Euro im Jahr 1998 auf 2,6 Mio. Euro im Jahr 2008 zurückgegangen.

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