Immobilien : Wenn Makler kleine Brötchen backen

Wohnung in München auf Monate ausgebucht

Anna PataczekD

Das Auto steht unten in der Garage. Der Einkauf für das Sonntagsfrühstück liegt im Kühlschrank. Die Heizung läuft. Die Fernbedienung liegt auf der Couch. Die zwei kleinen Mädchen zeichnen gemütlich vor sich hin an diesem Sonnabendnachmittag. Einige ihrer Bilder hängen schon an der Wand. Man könnte glatt vergessen, dass hier noch Kabel aus den Decken ragen, die Treppengeländer fehlen, der Wind durch die offenen Türen pfeift und Betonsäcke herumstehen. Dieses Haus ist noch längst nicht fertig. Nur im zweiten Stock, da scheint schon alles komplett. Die Wohlfühlatmosphäre. Und die potenziellen Bewohner. Für ein Wochenende.

Wenn man ein Auto Probe fährt, bevor man es kauft, warum sollte man das dann nicht auch beim Wohnungen dürfen? Dies fragte sich Jürgen Schorn. Er ist Geschäftsführer eines Münchner Immobilienanbieters und betont, dass es sich hierbei um ein einmaliges Serviceangebot handle. Aufmerksamkeit bekommt er dadurch auf alle Fälle. „Wir können uns vor Anfragen nicht retten“, sagt Schorn. Bis Ende März sind in dem exklusiven Neubau alle Wochenenden ausgebucht.

Überhaupt kann sich der Immobilienmakler nicht beklagen. Vier der zehn Wohnungen sind bereits vor der Fertigstellung verkauft – ohne dass jemand vorher zum Testen auf Zeit eingezogen wäre. Zwischen 170 und 320 Quadratmeter groß sind die Einheiten, zur Wahl stehen 4-Zimmer-Lösungen, ein Loft oder eine zweistöckige Maisonette-Wohnung. Der Kaufpreis liegt zwischen 5800 und 7600 Euro pro Quadratmeter. Die Bauwerk Capital bediene eine Marktlücke in München, sagt Schorn. „Große Wohnungen im begehrten Zentrum, zugeschnitten auf Familien.“ In diesem Segment strenge sich die Stadt einfach nicht an.

Die vierköpfige Familie, ein Manager aus der Automobilbranche, seine Frau und die beiden zwei und vier Jahre alten Töchter haben es sich gerade gemütlich gemacht. Ihre Namen möchten sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Schließlich geht es hier um das Privateste überhaupt, um die eigenen vier Wände. Jürgen Schorn ist ganz entzückt davon, wie die Mädchen bereits ihre pinkfarbenen Köfferchen ausgepackt haben, in die bereitgestellte Schale mit den Schokobonbons auf dem Couchtisch gleich mit der ganzen Hand greifen und immer wieder durch die offene Wohnung rennen, vom möglichen Kinderzimmer zum möglichen Elternschlafzimmer, einmal um den Esstisch und an dem Sideboard mit der schicken Designervase vorbei und zurück.

„Sehen Sie sich das an“, ruft er – und es sieht so aus, als mache ihm der Anblick wirklich gute Laune. Genauso wie die edlen Armaturen in den großzügigen Bädern aus hellem Stein, die man als Mann mit Händen voller Rasierschaum nur mit dem kleinen Finger regulieren könne, wie er erklärt. Oder die Garagenstellplätze, die ausgerüstet sind für die Zukunft. Alle haben eine eigene Aufladestation fürs Elektroauto. Oder die „flauschigen Bademäntel“, die Schorns Mitarbeiter für das Wochenende in den begehbaren Kleiderschrank gelegt haben.

Schorn kennt den Geschmack seiner potenziellen Käufer. „Bei der Einrichtung würden wir ganz ähnlich ticken“, sagt der Probewohner-Vater. „Wenn die Räume leer wären, bräuchte man sehr viel Vorstellungskraft“, fügt seine Frau hinzu. Sie fühlt sich schon nach wenigen Stunden richtig heimisch. „Das hätte ich auch nicht gedacht“, sagt sie und streichelt zufrieden ihren beiden Töchtern über die blonden Locken. „Das ist mir das Wichtigste an einer neuen Wohnung, das sich die ganze Familie wohlfühlt.“ So etwas könne man eben nur beim Probewohnen herausfinden. Außerdem kann das Ehepaar beobachten, wie das Licht zu den unterschiedlichen Tageszeiten durch die raumhohen Fenster hereinfällt. Es kann den Blick wandern lassen und überlegen, wie es die Räume einrichten würde – und am nächsten Tag beim Frühstück noch einmal darüber diskutieren. Dann war der Brötchendienst wahrscheinlich schon da, den die Immobilienfirma extra für die Familie bestellt hat.

Was Jürgen Schorn und seine Mitarbeiter hier nicht haben wollen, sind Mietnomaden und Gäste, die die Wohnung mit einer Hotelsuite verwechseln. Bewerber müssen potenzielle Käufer sein – und die erkennt Schorn im Vorgespräch. „Das spürt man dann schon“, sagt er. Außerdem muss der Probewohner 300 Euro zahlen. Im Grunde genommen sei das nur eine Kaution, die Familien bekommen das Geld zurück. Schließlich geht es in diesem Fall um 1,3 Millionen Euro.

Gleich neben der Eingangstür liegt das Au-Pair-Mädchen-Zimmer. „Das ist schon gehoben hier“ gibt der Geschäftsführer zu. „Aber nicht 1A-Lage.“ Da hat er Recht. Das Objekt L10 benannt nach seinem Standort Lilienstraße 10, liegt im Stadtteil Au, einem ruhigen Wohnquartier. Die Au war früher Arbeitervorstadt mit Tagelöhnern und Handwerkern. Seit 1796 findet die Auer Dult statt, ein traditioneller Jahrmarkt mit Antiquitätenhändlern, Messerschleifern und Schiffschaukelbremsern.

Manchmal liegt ein süßlicher Geruch über den Dächern, von der Paulanerbrauerei herüberwehend. Die Zeit bleibt trotzdem nicht stehen. „Die Sozialstruktur ist in Folge des Strukturwandels im Umbruch begriffen“, heißt es auf der Internetseite der Stadt zur Au. Jürgen Schorn gefällt die soziale Mischung, er findet es schön, dass der Arbeiter neben dem Unternehmer wohnt. Außerdem liegt die Au wirklich zentral. Von der nächstgelegenen Trambahnhaltestelle ist es nur eine Station zum Altstadtring. Die Isar ist ganz nah, dort kann man durchschnaufen, joggen oder grillen. Der Manager und seine Familie wohnen noch am südlichen Stadtrand. Jetzt zieht es sie ins Zentrum. Ob sie es ertragen können, nur den Innenhof zu sehen, wenn sie aus dem Balkonfenster schauen, das müssen sie in den nächsten 36 Stunden herausfinden.

Es ist Mittagszeit. Die Probewohner-Eltern wollen nach draußen. Sie wollen herausfinden, wo es Supermärkte gibt und ob Spielplätze in der Nähe sind. Schorns Mitarbeiter haben eine Mappe mit den wichtigsten Adressen in der Umgebung zusammengestellt, damit sie gleich loslegen können. „Los, Mädels, wir gehen raus“, ruft die Mutter. Die hängen sich an sie dran, rütteln und quäken: „Wir wollen aber da bleiben.“ Herr Schorn lächelt zufrieden. Anna Pataczek

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