Widerspruch : "Der schönste Schaden" ist Schadenfreude pur

Eine Fotoausstellung mit fragwürdigem Motto flankiert den "Tag der Sachverständigen Berlin-Brandenburg".

Stephen-Michael Dworok, Bernhard Freund
Angesichts von Bildern wie diesem kann man wohl nicht von einem "interessanten Schaden" sprechen.
Angesichts von Bildern wie diesem kann man wohl nicht von einem "interessanten Schaden" sprechen.Foto: dpa

Am Tag der Sachverständigen Berlin-Brandenburg wird die Architektenkammer Berlin gemeinsam mit den beteiligten Bestellungskörperschaften für Sachverständige aus Berlin und Brandenburg am 29. September 2016 eine Fotoausstellung eröffnen. Der Fotowettbewerb trägt den Titel: „Mein schönster Schaden“. Die Auslober bitten um Einsendung der interessantesten, schönsten oder eigenwilligsten Fotos aus der Sachverständigentätigkeit mit einer kurzen schriftlichen Erläuterung

Der erste Gedanke setzt im Gedächtnis die Suche nach einem spektakulären Schaden frei. Gefolgt von einem zweiten Gedanken, der den ersten sofort stoppt: „Kann ein Schaden überhaupt schön sein“?

"Der Titel der Ausstellung grenzt an Geschmacklosigkeit"

Schäden entstehen in der Regel als Folge menschlichen Versagens, komplex wirkender Alterung und Abnutzung sowie durch Naturkatastrophen. Im günstigsten Fall hat ein Schaden nur wirtschaftliche Folgen. Es können aber auch Leib und Leben betroffen sein. Was soll daran „schön“ und spektakulär sein?

Ist es also schön und spektakulär, vielleicht die Reste eines verkohlten Kinderbettes nach einem Wohnungsbrand oder Überreste menschlichen Gewebes nach dem Brückeneinsturz am 15. Juni 2016 in Hessen zu fotografieren und voyeuristisch zu präsentieren?

Der Titel der geplanten Fotoausstellung grenzt an Geschmacklosigkeit. Hat die zunehmende Empathielosigkeit in der Gesellschaft nun auch unsere Kammern des öffentlichen Rechts erreicht und breitet sich dort aus?

Es ist erstaunlich, dass die bestellenden Sachverständigenkammern von Berlin und Brandenburg wenig Einfühlungsvermögen bewiesen, dem geplanten Fotowettbewerb einen passenden Namen zu geben. Umso mehr vor dem Hintergrund, dass unlängst das Strafgesetz für Voyeuristen im Straßenverkehr und Gaffer erweitert und berechtigt verschärft wurde. Vielleicht hat man ja in aller Euphorie nur die Begriffe „Schaden“ und „Mangel“ verwechselt, deren Bedeutung eine wesentliche Grundlage der Sachverständigentätigkeit ist.

"Wer den Schaden hat, braucht keine Schadenfreude"

Wer den Schaden hat, braucht sicher keinen Fotowettbewerb – und keine Schadenfreude

Hätte man im Fotowettbewerb dazu aufgerufen, den skurrilsten Mangel vorzustellen, wäre aus meiner Sicht Sachverstand und Angemessenheit aller Beteiligten eingehalten und gesellschaftspolitisch korrektes Auftreten gewahrt geblieben.

Die moderne Sachverständigentätigkeit ist heute präventiv auf Schadensvermeidung ausgerichtet, denn Schäden sieht man nicht gern und der, der den Schaden hat, schon gar nicht. Zu guter Letzt: Wer den Schaden hat, braucht sicher keinen Fotowettbewerb – und keine Schadenfreude.

Dr. Ing. Stephen-Michael Dworok ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger der IHK zu Berlin für Schäden an Gebäuden.

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