Immobilien : Wie schön es gewesen wäre

RALF SCHÖNBALL

"Lebensraum Büro": Was auf eineruninteressanten Veranstaltung nicht gesagt wurdeVON RALF SCHÖNBALL Wie schön hätte es sein k=nnen.Was wir schon immer wissen wollten,wir unsere Chefs aber nicht zu fragen wagten - weil sie es gewißnicht zahlen würden: Ob ein "Lebensraum Büro" möglich ist.Aufdiese Utopie, visionär verpackt, hatten vier Dutzend Besucher einergleichnamigen Veranstaltung der Philip Holzmann Bauprojekt amDonnerstag abend gewartet.Doch erstens kam es und zweitens anders alsalle dachten: Jürgen Knirsch, Architekt und Buchautor, war gekommen,und alle mußten sich dazudenken, was er nicht sagte.Von dem, was ersagte, mehr aber noch von dem, was er zu sagen versäumte, ist hierdie Rede"Das Großraumbüro war lange Zeit die Großform, wurde aber inden sechziger Jahren zum Sanierungsfall", so Knirsch.Auf die Krisedes Großraums sei die Renaissance des Zellenbüros gefolgt; in den90er Jahren sei das Kombibüro aus Skandinavien über dieBundesrepublik "geschwappt".Der Arbeitsplatz von heute schließlichsei "multimedial, digital vernetzt".Auf diese Benennung verschiedenerBürotypen - just hier blieb das Mikrophon ein erstes Mal stumm -folgte ein "Szenario" moderner Arbeit: "Wir arbeiten im Supermarkt(sic!), im Flughafen, in der Bahn; brauchen wir überhaupt nochBüros?", so Knirsch, dem nun auch das zweite Mikrophon den Dienstverwehrte: "Haben wir uns die Zukunft verbaut, weil Büros in derfalschen Lage mit der falschen Konzeption auf Vorrat gebaut werden?"Fragen, Fragen und Bilder als Antworten - bis der Projektor dasDiapositiv verschluckte.Nicht länger zu sehen: ein "JungProfessional" vor der Anzeigentafel einer Flughafenhalle, dasBrillengestell nachdenklich im Mundwinkel - und Knirsch sinnend dazu:"Ist die Ressource Mensch nicht die wichtigste Ressource"? Nichts alsFragen, die Antworten gab es nicht auf dieser, sondern auf anderenVeranstaltungen.Und wie schön war es doch, als wir dem Referenten in der Industrie-und Handelskammer zu einem ähnlichen Thema zuhören durften.DieRessource Mensch? - Wir erinnern uns an das stupende Ergebnis einerStudie über die Produktivität von Fließbandarbeiterinnen.Ihnenhatte ein übereifriger Schichtleiter den Smaltalk verboten.DasErgebnis: Eine Verringerung der Produktivität um zweistelligeProzentpunkte.Zu ähnlichen Ergebnisse kam ein amerikanischerProfessor, der beim Münchener Architekten Gunter Henn folgendes zuberichten wußte: Die Untersuchung von Kommunikationsströmeninnerhalb von Unternehmen ergab, daß die Zahl informeller,persönlicher Gespräche in den vergangenen Jahren zunahm - trotzVideokonferenzen, trotz digitaler Schnittstellen zwischen Telefon undComputer.Im Büro wie in der Fabrik gilt, wer den Faktor Mensch denGesetzen maschineller Rationalität unterwirft, senkt dieProduktivität und verhindert Innovation.Das "multimediale Büro" ist ein Schlagwort, Maschinen, und seien sieintelligent, sind immer noch und nichts weiter als "technischeProthesen".Technische Prothesen fordern allerdings ihr Recht: Wer alsArchitekt nicht die "Wärmelasten" berücksichtigt, die Bildschirmeund Rechner in den Büros verursachen, der zerstört den Lebensraum der Büroangestellten.Mit einem wohnlichen oder bequemen Umfeld - wiedie bunten Bilder Knirschs suggerierten - hat das nichts zu tun.Es geht um die wachsende Zahl technischer Apparaturen.Auch dieSchonung von Ökologie und Ressourcen ist nachrangig: Klimatisierungkostet Geld - daß ökologisch inspirierte Architekten die bestenLösungen für natürliche Belüftung und Gebäude-"Techniken" haben,das liegt schlicht an einem anderen Verständnis von Planung.Siehaben ein Wissen wiederentdeckt, das ihre Ahnen bereits hatten, dasaber durch den Siegeszug der Maschinen in der Moderne überflüssigschien.Heute gilt wieder: natürliche Thermik statt Klimaanlagen.Luftströme, die je nach Tages- und Jahreszeit durch das Gebäudegeführt werden, klimatisieren auf natürliche Weise Büroräume.Massive Decken oder Böden dienen als Speicher für Kälte im Sommerund Wärme im Winter.Das alles gab es bereits, im alten Reichstagetwa, bevor er umgebaut und aufgeteilt wurde - in Norman Fostersneürlichen Sanierung stehen die Erfahrungen seiner Ahnen wieder imMittelpunkt.Norman Foster - wie schön hätte es kommen können: "Er wollte einökologisches Hochhaus bauen, ob es ihm gelingt ist unklar" - Knirsch.Ein ökologisches Hochhaus ist ein Widerspruch in sich; das räumendie Architekten ein und sogar Projektverantwortliche beimCommerzbank-Neubau in Frankfurt am Main.Sie geben keine Daten übererwartete Betriebskosten des 50-Stockwerke-Baus preis - wohlweislich.Unter dem Rubrum "ökologisch" falsch katalogisiert sind beimCommerzbank-Tower die Atrien, die mit Grünpflanzen ausstaffiertwurden, die zu öffnenden Fenster, trotz der Windgeschwindigkeit inüber 200 Metern Höhe, sowie die Gebäudeleittechnik, die Fenster,Licht und andere Stromverbraucher automatisch zu bestimmten Zeitenabstellt.Das alles sind technische und ästhetischeMeisterleistungen; mit Ökologie hat das wenig zu tun: Auf eineökologisch und ökonomisch teure Klimaanlage konnte nicht verzichtetwerden.Wie schön war es, als das Licht wieder anging und die Zuhörer ihrerWege gingen, wir zum schmackhaften Büffet, wo wir fanden, was wirzuvor vermißt hatten: Einen anregenden Gedankenaustausch mitinteressanten Gästen einer uninteressanten Veranstaltung.

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