Immobilien : Wieviel Luxus verträgt ein Kreuzberger Kiez?

Auf das Dach eines Gasometers sollen Einfamilienhäuser gebaut werden – aber Anwohner kämpfen gegen das genehmigte Projekt

Jutta Burmeister

Gasometer, Mutter-Kind-Bunker, Lebensmittellager: Der Fichtebunker in Kreuzberg hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Jetzt sollen auf dem Dach des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes mit seiner markanten Stahlkuppel Einfamilienhäuser entstehen – so genannte Circlehouses mit gebogenen Wänden, eigenem Garten und phantastischem Blick über die Stadt. Auf dem Bunker-Gelände an der Fichtestraße waren außerdem als Blockrandbebauung ein Lofthaus sowie mehrere Townhouses geplant. Doch eine Bürgerinitiative wehrt sich gegen das Vorhaben: Das in Berlin einzigartige Gebäude aus dem Jahr 1870 dürfe nicht verändert werden, die geplanten „Luxushäuser und -wohnungen“ mit einem Quadratmeterpreis von bis zu knapp 3000 Euro fügten sich zudem nicht ins Milieu der Umgebung, so die Argumente der Gegner. Gefürchtet wird – aus Lärmschutzgründen – auch um den Bestand des nahen Sportplatzes. Schon jetzt gibt es wegen dessen Lage im Wohngebiet erhebliche Einschränkungen bei den Trainingszeiten.

Überall in der Fichtestraße haben Anwohner deshalb Plakate an die Fassaden gehängt: „Hände weg vom Bunker“ steht darauf oder „Keine Verdichte in der Fichte“. Die Bürgerinitiative kritisiert vor allem die mangelnde Bürgerbeteiligung sowie fehlende Ausgleichsmaßnahmen für die Verdichtung (siehe Kasten).

Einen ersten Teilerfolg konnten die Gegner des Bauvorhabens nun für sich verbuchen: Auf die ursprünglich geplanten sieben Townhouses will die Investorin, die Speicherwerk Wohnbau GmbH, verzichten. Am Dachaufbau und dem Lofthaus ist nach Auskunft von Kreuzbergs Bürgermeister Franz Schulz (Grüne) aber nicht zu rütteln: Die Pläne entsprächen dem existierenden Bebauungsplan für den Block und es gebe bereits einen positiven Vorbescheid für das Bauvorhaben. Ein Antrag der SPD auf Änderung des bestehenden Bebauungsplans wurde in einer außerordentlichen Sitzung des Bauausschusses Ende März abgelehnt. Auch denkmalrechtliche Bedenken bestünden nicht. „Die oberste Denkmalbehörde hat zugestimmt“, so Schulz. „Das ist abgehakt.“ Ein Lärmgutachten solle die Investorin allerdings noch vorlegen.

„Einige Wochen danach könnte dann mit dem Bau begonnen werden.“ Dabei bleiben sowohl der innere Betonausbau als auch die Backsteinfassade und die architektonisch bedeutsame Stahlkuppel des Industriearchitekten Johann Wilhelm Schwedler erhalten, sagt Paul Ingenbleek, Architekt und einer von drei Geschäftsführern der Speicherwerk GmbH. Unter der Kuppel hat Ingenbleek zwölf zweigeschossige Häuser geplant. Die „Circlehouses“ gruppieren sich im Kreis um einen Innenhof mit Wasserlauf, Steg und Vorgärten. Sie verfügen über Wohnflächen zwischen 160 und 250 Quadratmeter, die Gärten haben 70 bis 100 Quadratmeter. Es gebe verschiedene Grundrisstypen, wobei die Häuser stets symmetrisch zur Gitterstruktur der Kuppel geplant seien, sagt Ingenbleek. Alle Häuser verfügen deshalb über eine Trichterform: Auch innen sind die Wände leicht gerundet.

Ingenbleek schwärmt von der Atmosphäre auf dem Bunker: „Durch die Kuppel entsteht gleichzeitig ein Gefühl von Geborgenheit und von Offenheit. Das ist einzigartig.“ Ein Gefühl von Weite soll sich auch in den Häusern einstellen, deshalb werden die Außenfronten verglast. Da das Bunkerinnere nicht angetastet werden soll, findet die Erschließung über einen separaten Aufzugsturm statt. Eine Brücke verbindet Turm und Bunkerdach. „Das ist wie bei einer alten Ritterburg“.

Doch für die Ritter der Zukunft wird es nicht billig: Bei einem Quadratmeterpreis von 2950 Euro sind für ein Haus zwischen 472 000 und 737 500 Euro zu zahlen. Der stolze Preis ist denn auch einer der Hauptkritikpunkte des Projekts: „Die Mischung im Kiez muss erhalten bleiben. Das geht nicht mit einer Luxusinsel“, sagt Martin Hoffmann von der Bürgerinitiative Fichtebunker, die etwa 50 Mitglieder zählt. Ingenbleek verweist dagegen darauf, dass die Hälfte der Häuser schon reserviert sei – und die meisten Interessenten kämen aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Auch die Kritik, der Bunker selbst oder die Fichtestraße würden optisch zu stark verändert, weist er zurück: „Die Häuser auf dem Bunker befinden sich in der gleichen Höhe wie ein normales Dachgeschoss.“ Sie seien außerdem leicht zurückgesetzt und deshalb von unten kaum erkennbar. Noch in diesem Jahr will die Investorin mit dem rund zwölf Millionen Euro teuren Bauvorhaben beginnen, bis Ende 2008 sollen alle Häuser bezugsfertig sein. Dazu gehört auch das Lofthaus mit zwölf Wohnungen zwischen 160 und 205 Quadratmetern. „Hier werden die Elemente der umliegenden Altbauten aufgegriffen“, sagt Ingenbleek: „Balkone, Erker und hohe Räume."“

Ausgeschrieben war das Bunkergelände in den vergangenen Jahren schon mehrfach, auch Planungen gab es: zum Beispiel für ein Hotel im Bunker. Doch immer scheiterten diese an den hohen Kosten, die eine Beseitigung des Innenausbaus verursachen würde. 1940/41 war der ehemalige Gasometer nämlich als Mutter-Kind-Bunker ausgebaut worden. In 755 Zellen auf sechs Geschossen sollten rund 7000 Menschen Schutz finden. Doch gegen Kriegsende hielten sich zeitweise bis zu 30000 Menschen im Bunker auf. Etliche Kinder wurden hier geboren, zahlreiche starben. Das Licht war schummerig, eine Orientierung in den überfüllten Gängen – allein schon wegen der Kreisform des Bunkers – kaum möglich. „Noch heute ist das Gefühl im Bunker beklemmend“, sagt Ingenbleek.

Gemeinsam mit dem Verein „Berliner Unterwelten“ will er deshalb auch nach der Dachbebauung das Bunkerinnere der Öffentlichkeit zugänglich machen. Nach dem Krieg diente der Fichtebunker als Lebensmittellager, seit 1991 steht er leer. 2006 kaufte die Speicherwerk GmbH dann das Bunkergelände vom Liegenschaftsfonds.

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