Wilhelmshagen : Grabenkämpfe um jedes Ufergrundstück

Neu-Venedig ist ein Ort zum Träumen. Wer hier aber wohnen möchte, muss Geduld und Geld mitbringen.

von
Eine der 13 Brücken in Neu-Venedig ist die Rialtobrücke. Das Siedlungsgebiet für Berliner Wassersportler entstand durch die Entwässerung der Spreewiesen durch Kanäle. Heute ist es ein sehr gefragter Wohnort.
Eine der 13 Brücken in Neu-Venedig ist die Rialtobrücke. Das Siedlungsgebiet für Berliner Wassersportler entstand durch die...Foto: Gerd W. Seidemann

Es ist eine überraschend lange Reise von Kurfürstendamm bis zur Rialtobrücke. Nach knapp 50 Kilometern tut sich dann allerdings in Neu-Venedig eine Welt für sich auf.

Gewiss, hier auf den Kanälen des ehemaligen Sumpfgebiets sind keine fotogenen Gondolieri in Sicht – und überhaupt, wer die Siedlung im Köpenicker Ortsteil Rahnsdorf, genauer: Wilhelmshagen, besucht oder gar dort wohnt, bewegt sich bewusst abseits des Getriebes der Großstadt Berlin, sucht schon gar nicht den Rummel, wie er heute fast das ganze Jahr über in Italiens Lagunenstadt herrscht.

„Wasser und Ruhe“ sind die vornehmlichen Gründe, warum es Menschen in diese beschauliche Ecke im Südosten Berlins zieht. Das versichern nicht zuletzt Immobilienmakler, die zumindest in Anzeigen gern das unerquickliche Thema „BER-Flugrouten“ unter den Tisch fallen lassen. Wie im gesamten Bezirk locken Verkäufer und Vermieter von Einfamilienhäusern und Wohnungen vor allem intensiv mit „Wasserlage“. Interessenten sollten jedoch genau hinschauen, denn der Begriff wird ausgesprochen großzügig ausgelegt.

Die Lage hat ihren Reiz - und ihren Preis

Wer wollte in der Großstadt nicht am Wasser wohnen und sich so zumindest den Hauch der Illusion schaffen, er lebte besonders naturverbunden, abseits der Zivilisation gar?

Das hat fraglos seinen Reiz, allerdings auch seinen Preis. In Köpenick genauso wie in Zehlendorf. Die Bandbreite bei den Preisen im Südosten ist dabei erstaunlich, die Zahl der überwiegend von Maklern angebotenen Objekte hingegen überschaubar, in der Regel ein Indiz für große Nachfrage beziehungsweise Verkaufsunwilligkeit.

Grafik: TSP/Reinheckel/Pieper-Meyer

Wer als Kaufinteressent Courtagen nichts abzugewinnen vermag, wird „von privat“ auch schon mal bei „ebay Kleinanzeigen“ fündig. Wir haben uns an Ort und Stelle umgeschaut: In Rahnsdorf, insbesondere in Neu-Venedig und dem benachbarten „Hessenwinkel“ am Dämeritzsee, wo es nicht ganz so idyllisch, dafür in Bezug auf die Immobilien etwas schicker und vor allem größer zugeht.

Frei zugänglich sind die Ufer kaum

Der einsame Angler auf der Rialtobrücke ist schweigsam, antwortet nicht. Der Wasserlage Neu-Venedigs kann jedenfalls auch er etwas abgewinnen. Und mit den Fischen klappt die Kommunikation mittels Maiskörnern offenbar prächtig. Ein paar an Land gezogene Plötzen sind ausreichend Beleg.

Sein Angelplatz ist nicht zufällig gewählt: Die von uns gezählten neun Brücken, die über die Kanäle dieses stillen Winkels führen, gehören nämlich zu den ganz wenigen Möglichkeiten für Nicht-Ortsansässige, zu Fuß überhaupt in Wassernähe zu gelangen. Allein der Sommergarten der Gaststätte der „Gemeinschaft der Wasserfreunde Neu Venedig e.V.“ gibt ein paar öffentlich zugängliche Ufermeter frei.

Von der Debatte um einen „Uferweg für alle“ hat der Mann im Rentenalter, der eben mit seinem Bello auf dem Rialtoring in Richtung Biberpelzstraße strebt, lange nichts gehört. „Das wäre aber wohl auch das Letzte!“, entfährt es ihm. Dieses Vorhaben „käme ja einer Enteignung gleich“. Damit haben gleichwohl einige Bewohner der Idylle so ihre Erfahrung. Wasserlagen am Müggelsee oder in dessen Nähe wurden schließlich einst zum Privileg derjenigen, die mit ihrem Staat DDR besonders gut konnten.

Die wahren Eigentums- und Besitzverhältnisse spielten da nicht immer eine tragende Rolle. Nach dem Mauerbau nämlich wurden Datschen in Eigentum etwa von West-Berlinern durch den Bezirk Köpenick verwaltet und verpachtet – Nutznießer waren Minister, Betriebsdirektoren, Parteifunktionäre und Künstler auf Linie. Nach der Wende musste mancher von denen das Feld räumen, Alt-Eigentümer beziehungsweise ihre Erben durften sich freuen.

1 Kommentar

Neuester Kommentar