Wilhelmstraße 56-59 : Fassadenabriss gestoppt

Der Konflikt zwischen Mietern und Eigentümern um den Abriss der Plattenbauten Wilhelmstraße 56-59 spitzt sich zu. Eigentümer wollen Gebäude bis Ende Juli leerziehen.

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Die DDR-Bauten an der Wilhelmstraße .
Die DDR-Bauten an der Wilhelmstraße .Foto: Mike Wolff

Wie vor einer Woche berichtet, hatten Handwerker im Auftrag der Eigentümer damit begonnen, Fassadenplatten im Hinterhof des 23 Jahre alten Gebäudekörpers abzuschlagen. Angeblich stellten die Kalksteinplatten eine Gefährdung dar, weil sie nicht mehr fest mit dem Mauerwerk verbunden waren. Nach Angaben der Bürgerinitiative Wilhelmstraße Berlin Mitte e.V. stoppte das Amtsgericht Berlin Mitte unterdessen diese – aus Sicht der Mieter – „willkürliche Demolierung“.

Die einstweilige Verfügung wurde auf Antrag von Bewohnern des Hauses erlassen, die nach Angaben der Bürgerinitiative durch Rechtsanwalt André Roesener (Berlin) vertreten werden. Dennoch begannen Arbeiter nach Angaben von Mietern am Montag erneut damit, die Fassade zu bearbeiten. Mieter riefen die Polizei, die – so die Initiative – dafür sorgte, „dass die vorsätzliche, gegen die Menschen gerichtete Zerstörung des Wohnhauses tatsächlich eingestellt wurde“. Nun wollen die Bewohner durchsetzen, dass die unterdessen schwer gezeichnete Fassade des Wohnhauses wieder hergestellt wird.

Dies dürfte indessen nicht zu erwarten sein. Denn die Eigentümer – vor Ort vertreten durch den Bauingenieur Zsolt Farkas und den Diplom-Kaufmann Oliver von Sachs – würden gerne am 1. August mit dem Abriss des Plattenbauensembles beginnen. Die ersten Wohnungen des neu zu errichtenden Gebäudes seien bereits zum Kauf reserviert, berichteten sie in einem kurzfristig anberaumten Hintergrundgespräch mit ausgewählten Pressevertretern am Dienstag. Die Arbeiten an der Fassade seien notwendig geworden, weil die vorgeblendeten Steinplatten direkt auf eine Dämmschicht geklebt worden seien. Die Platten hätten begonnen sich zu lösen. Das Bezirksamt, das eine Baugenehmigung für einen Neubau an dieser Stelle erteilt hatte, unternahm über seine Bauaufsicht nichts gegen die Rückbaumaßnahme, weil sie angeblich keine rechtliche Handhabe hatte.

Daniel Dagan, Sprecher und Vorsitzender der Bürgerinitiative Wilhelmstraße Berlin Mitte e.V., wollte auf Anfrage nicht zu den aktuellen Vorgängen Stellung nehmen; er verwies auf die Homepage seiner Intiative im Internet.

Im sogenannten Block 1 der Wilhelmstraße 56-59 befinden sich nach Eigentümerangaben derzeit 108 Wohnungen und fünf Gewerbeeinheiten. Errichtet werden soll auf dem 4174 Quadratmeter großen Grundstück ein Gebäude im Art-Deco-Stil, für das die Architekten der „Patzschke Schwebel Planungsgesellschaft“ verantwortlich zeichnen. Aus ihren Federn stammt auch das benachbarte Hotel Adlon. Das Projekt hat ein Gesamtvolumen von rund 100 Millionen Euro. Davon sind etwa die Hälfte Grundstückskosten. Geplant sind 166 Einheiten, davon stehen 33 zum Verkauf.

„Die bestehende Baugenehmigung möchten wir nicht verwirklichen“, sagte Farkas und verwies auf Absprachen mit dem Bauamt des Bezirks, die Ende dieses Monats vorgesehen sind. Nach seinen Angaben wurde den verbliebenen Mietern ein „Sockelbetrag“ von 38 000 Euro – und nach Größe der Wohnung jeweils mehr – sowie Ersatzwohnräume zu vergleichbaren Mietkonditionen als Entschädigung angeboten. Mit 23 der noch 36 verbliebenen Mietparteien seien konkrete Vereinbarungen zur Aufhebung der Verträge getroffen worden. Vier Mitglieder der Bürgerinitiative würden jegliches Gespräch mit Vertretern der Eigentümerfamilie aus Österreich verweigern. Diese lehne ein Entmietungsszenario aufgrund des Reputationsrisikos klar ab.

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