Immobilien : Wir sind das Haus

Mit einem leer stehenden Gebäude im Garten fing alles an. Dann kamen die Investoren, jahrelange Prozesse und das Senatsprogramm zur „Wohnungspolitischen Selbsthilfe“: Die Geschichte einer Genossenschaft

Olga Blumhardt

Als Ende 2001 der knappe Zuschlag für ein Grundstück mit zwei baufälligen Häusern in der Berliner Lottumstraße fiel, hatte keiner der sechzehn neuen Eigentümer auch nur die geringste Ahnung davon, was das eigentlich für jeden Einzelnen bedeuten würde. Der Gedanke vom unabhängigen Wohnen und Arbeiten hat sie zusammengeführt – und in der „demokratisch-autodidaktischen Wohnungsbaugenossenschaft Mikropolis“ auf eine unerwartet harte Probe gestellt. Ein Erfahrungsbericht.

Entspannt sitzt mir Lukas Schoener im Schneidersitz auf einer großzügigen Liegelandschaft gegenüber, seiner unkonventionellen, orientinspirierten Alternative zur klassischen Wohnzimmercouch. Er ist kein Freund von gesellschaftlichen Diktaten und den Traditionen, die daraus entstehen. Noch nie gewesen. Und das ist vielleicht auch der Grund, warum wir nun als Nachbarn, Freunde und Interviewpartner die letzten Jahre Revue passieren lassen. Denn wäre Lukas Schoener mit seinem Drang nach alternativen Lebensentwürfen nicht gewesen, dann wären wir beide (und der Rest der Hausbewohner) jetzt nicht Miteigentümer zweier sanierter Häuser in Berlins blühender Mitte.

Aber beginnen wir ganz von vorne, in einer orientierungslosen Stadt kurz nach dem Mauerfall Anfang der 90er Jahre, dessen Osten sich schnell zum Tummelplatz für Investoren mit zweifelhaftem Ruf, für mittellose Studenten und Künstler aller Art entwickelte. „Ich bin ein halbes Jahr jede Woche zur damaligen Hausverwaltung gegangen, bis sie mir das leer stehende Gartenhaus vermietet haben. Ich hatte es auf einem meiner Streifzüge entdeckt, und vom ersten Moment war klar, dass sich die ehemalige Fabrik ideal für Ateliers und Studios, für interdisziplinäres Arbeiten eignet. Der Dunstkreis, aus dem ich kam, machte Theater, Film, Mode und Musik, und wir brauchten Raum, um Neues entstehen zu lassen.“ So erzählt Lukas Schoener von den Anfängen, als das 823 qm große Grundstück und die Häuser in zwei harmonisch koexistierende Lager aufgeteilt waren: die Altmieter vorne und die „Freaks“ hinten.

Acht Jahre ging das gut, bis einer schriftlichen Mitteilung über den Eigentümerwechsel auch sofort die Räumungsklage und sechs Gerichtsverhandlungen folgten, die schließlich zu einem Geschäft zwischen David und Goliath führten. „Wir wollten auf gar keinen Fall kampflos aufgeben, und die neuen Investoren haben jedes legale und illegale Register gezogen, um uns rauszukriegen. Irgendwann sind nur noch die jungen Leute übrig geblieben und die Nerven lagen blank, bei allen Beteiligten. Unser Kauf des Grundstücks war daher eine Zwangsentscheidung, es gab keine andere Möglichkeit. Und uns war klar, dass ein ordentlicher Sanierungsplan die Voraussetzung dafür war“, erinnert sich der Medienkünstler Dieter Jaufmann, ebenfalls Protagonist der ersten Stunde und Gründungsmitglied der Wohnungsbaugenossenschaft „Mikropolis“.

Das Grundstück unweit des Alexanderplatzes wurde 1860 als eines der ersten in der Lottumstraße bebaut, die heute unter Bestandsschutz stehenden Häuser zu DDR-Zeiten notdürftig modernisiert. Ohne Instandsetzung wäre der Traum vom selbst verwalteten Eigenheim rasch zum bröckelnden Desaster geworden. Schnell war klar, dass die „Wohnungspolitische Selbsthilfe“, ein Anfang der achtziger Jahre vom Berliner Senat eingeführtes Programm zur Unterstützung der bürgernahen Stadtentwicklung, eine realistische Chance bot, um Kauf und Sanierung finanziell tragen zu können. Bestandteil der Förderung, der obligatorische kleine Haken an der Sache, war eine zwanzigprozentige Beteiligung der Eigentümer an den gesamten Baumaßnahmen.

Die Millenniumseuphorie war schnell verflogen. Der Pleitegeier zog immer weitere Kreise über Berlin. Und in solchen Zeiten kann das Leid des einen gleichzeitig das Glück des anderen bedeuten. Die „Wohnungspolitische Selbsthilfe nach ModInstRL 96“ wurde 2001 aus finanziellen Gründen aus dem staatlichen Förderprogramm genommen. Der Antrag der Wohnungsbaugenossenschaft Mikropolis konnte nicht mehr berücksichtigt werden. Wir waren zu spät gekommen. Schicksal oder Zufall, dass das letzte vom Senat bewilligte Projekt in letzter Minute scheiterte und wir doch noch als allerletztes Haus in der Geschichte nachrückten.

Plötzlich gab es also kein Zurück mehr. Fünf Künstler/-innen, sechs Film- und Theaterschaffende, zwei Architekten, eine Journalistin, ein Fotograf und ein Anwalt waren von heute auf morgen Bauherren – und gleichzeitig unerfahrene Hilfsarbeiter auf ihrer eigenen Baustelle. „Das Ausmaß konnte man erst nach und nach erkennen. Unsere anfängliche romantische Vorstellung vom ‚ab und zu ’ne Schubkarre schieben’ mündete in Zehn- stundentagen, an denen es kein Erbarmen gab. Weder für Männer noch für Frauen“, schmunzelt Noel Nasir heute, einer der beiden hausinternen Architekten. Gemeinsam mit dem verantwortlichen Architekturbüro Scholz & Son war er als Selbsthilfebauleiter immer Bindeglied zwischen Theorie und Praxis.

Sechzehn unterschiedliche Vorstellungen und Interessen prallten auf Grenzen der Machbarkeit und Finanzierung, dazu kam die Kombination aus Wohnen und Arbeiten, die gelöst werden musste. „Es war unheimlich spannend zu sehen, wie jeder Einzelne mit dem Bestandsgrundriss umgegangen ist. Das Gartenhaus war ja ursprünglich eine Fabrik mit spätklassizistischer Klinkerfassade, das Vorderhaus wurde für die damalige Arbeiterschicht gebaut. Im zweiten Hof standen noch die Pferdeställe. Der Altbau hat also in den meisten Fällen nicht hergegeben, was bei allen ganz großes Thema war: viel Licht, Luft und Transparenz“, erinnert sich Noel Nasir.

Die einzelnen Wohnateliers und Wohnungen variieren zwischen 30 und 180 Quadratmetern, allein drei Maisonette-Lösungen und die Integration von zwei Entresols stellten die Architekten vor spezifische Herausforderungen. Dazu kamen zwei Dachgeschosse, ein 80 qm großer Gewerberaum im Souterrain und sechzehn Individualisten, die alle ihren eigenen Kopf hatten. „Überall wurden Wände eingerissen, große Durchbrüche gemacht, Oberlichter eingebaut, Türen vergrößert oder durch doppelflügelige ersetzt. Für mich war der Wechsel von der reinen Papierarchitektur zum praxisnahen Bauen eine unglaublich lehrreiche Erfahrung, die ich jedem Kollegen nur empfehlen kann. Die Funktionen von Details sind genauso wichtig wie die handwerkliche Umsetzung, dafür ist eine intensive Auseinandersetzung mit jedem Gewerk sehr vorteilhaft“, sagt Noel Nasir.

Natürlich war die physische und psychische Belastung in der von ursprünglich 20 auf 36 Monate verlängerten Bauphase für alle Beteiligten ein prägender Einschnitt in den gewohnten Alltag. Es gab harte Rückschläge, die es auch zu Schlagzeilen in der Berliner Tagespresse brachten, nachdem der gefürchtete „Feuerteufel vom Prenzlauer Berg“" das gerade fertiggestellte Dachgeschoss des Gartenhauses angezündet hatte. Und es gab die Notwendigkeit, Schöngeister an harte körperliche Arbeit zu gewöhnen. Die Staffelei, Bühne und Computertastatur gegen einen Schlaghammer oder eine Motorsäge einzutauschen, fiel den meisten erst mal sehr schwer. „Diese Erfahrung auf der Baustelle ist nicht die Art Selbstbestätigung, die ich unbedingt brauche“, gibt Lukas Schoener ehrlich zu.

Als Vorstände der Genossenschaft hatten er und Dieter Jaufmann zusätzlich die nicht minder grenzwertigen Bürokratieexzesse zu bewältigen, die ein Förderprogramm dieser Größenordnung nach sich zieht. Das Durchhalten war nur möglich, weil die Gruppe als absolut demokratische Gemeinschaft funktionierte und in Krisensituationen das Projekt vor den persönlichen Belangen der Einzelnen stand. Dass das immer so war, ist vergleichsweise ungewöhnlich und auch, dass heute jeder Hausbewohner bereit wäre, den Prozess noch einmal durchzumachen – weil das befriedigende Ergebnis und die starke Identifikation mit den Häusern bleibt, während die Erinnerung an harte Arbeit und hitzige Diskussionen blasser wird.

„In einer Großstadt in einem Haus zu leben, in dem die Anonymität aufgelöst ist, finde ich sehr beruhigend“, resümiert Gitti Fuchs, die während der Bauphase ihren Job als Kostümbildnerin nur noch bedingt ausüben konnte. „Es gab eine Zeit, da dachte ich, diese Hölle wird nie ein Ende haben. Heute weiß ich, dass ich alles schaffen kann, wenn ich nur will.“

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