Immobilien : WOHNEN AM WASSER: "Der Druck des Marktes erschwert die Entwicklung lebendiger Viertel"

TAGESSPIEGEL: Welche unerwartete Probleme gab es bei der Planung und Realisierung von Wohnen am Wasser in der Rummelsburger Bucht?

BRENNER: Das Hauptproblem bestand und besteht auch heute noch darin, die Mitte zu finden zwischen einer landschaftlich betonten Wohnform einerseits und dem Anspruch nach städtischem Wohnen andererseits.Städtisch bedeutet hier, öffentliche Räume am Wasser zu schaffen und dennoch eine möglichst hohe Dichte zu erreichen, also viele Wohnungen auf kleinem Raum.Diese Qualitäten konkurrieren mit dem Anspruch, teuren Wohnraum am Wasser privat zu nutzen.Viele Anleger haben die Haltung, wenn ich schon viel Geld ausgebe, dann möchte ich dafür auch möglichst viel für mich selbst bekommen.Diese Auseinandersetzung wird wohl an jeder Wasserlage geführt.

TAGESSPIEGEL: Kritiker sagen, sie hätten an der Rummelsburger Bucht nur große Blöcke errichtet, und deshalb seien die Wohnungen auch so schlecht zu vermarkten...

BRENNER: Das stimmt nicht.In der Bucht gibt es zwei ganz verschiedene Maßstäbe.Wir haben auf der Halbinsel eine eher kleinteilige Bebauung, die auf den Typus der Stadtvilla zurückgreift.Diese Häuser und Wohnungen wurden sofort verkauft.Dann haben wir an der Lichtenberger Seite große, zum Wasser geöffnete Blöcke errichtet, die wir Hofgärten nennen.Auch diese Wohnungen sind alle vermietet.

TAGESSPIEGEL: Steht also also alles zum Besten an der Rummelsburger Bucht?

BRENNER: Nein.Die Realisierung der weiteren Bauabschnitte geht viel zu langsam vonstatten.Das liegt einerseits an dem zum Teil komplizierten Grundstücksmanagement und andererseits an der Zurückhaltung der Investoren.Wie man weiß, haben Bund und Land fast alle Förderungen drastisch zurückgefahren.Das drückt die Immobilienpreise und verschlechtert die Vermarktungschancen.Deshalb droht das städtebauliche Konzept auf der Rummelsburger Bucht auf Jahre hinaus ein Fragment zu bleiben.Mit schwerwiegenden Folgen.Denn für diese, vom städtischen Kontext etwas abgelösten Wasserlagen ist es sehr wichtig, daß sie eine in sich lebensfähige Welt entwickeln.Mit Kneipen, Läden, Kitas und vor allem attraktiven öffentlichen Räumen wie Plätze und Promenaden.Solange aber nicht alles gebaut ist, fehlt es an diesen Einrichtungen.

TAGESSPIEGEL: Sehen Sie diese Gefahr auch für die neuen Wasserlagen, für die Architekten in der aktuellen Tagesspiegel-Serie neue Entwürfe gezeichnet haben?

BRENNER: Diese Gefahr besteht immer.Zudem verstehe ich nicht, daß man nicht vordringlich die attraktivsten Wasserprojekte in der Stadt, die Rummelsburger Bucht und die Wasserstadt Spandau, zügig und mit aller Macht realisiert.Diese Projekte müssen ihren modellhaften Charakter behalten.Allerdings ist es unter dem Druck der Vermarktung schwer, über anspruchsvolle Konzepte zu diskutieren.Ein Investor möchte natürlich am liebsten leicht zu vermarktende Reihenhäuser oder Einfamilienhäuser direkt am Ufer bauen und alle anderen Grundstücke außer Acht lassen.Aus Sicht der Öffentlichkeit kann das aber keine tragfähige Lösung sein.Da nun aber andererseits die Immobilienpreise drastisch gesunken sind, kann man Investoren auch nicht dafür schelten, daß sie für modellhafte Lösungen so lange nicht zu gewinnen sind, wie sie die Wirtschaftlichkeit ihrer Investition gefährdet sehen.Das ist das Dilemma.

TAGESSPIEGEL: Einiges spricht dafür, daß sich die Lage im nächsten Jahr durch den Regierungsumzug und seine Folgewirkungen entspannt.Wie würden Sie dann das modellhafte Wohnen am Wasser gestalten?

BRENNER: In den innerstädtischen Wasserlagen muß eine großzügige Form von Wohnen entstehen.Sie müßte außerordentlichen Wohnkomfort verbinden mit städtebaulicher Großzügigkeit.Wir brauchen Wohnhäuser, die sich nicht ableiten aus dem Typus Villa, Reihenhaus oder Einfamilienhaus, sondern aus großzügigen Formen städtischen Wohnens, wie man sie in der Geschichte Berlins im Städtischen Wohnpalais findet.Diese Häuser standen vorzugsweise im Bezirk Mitte und waren im 19.Jahrhundert Wohnsitz aristokratischer oder großbürgerlicher Familien.Dieser großzügige Gebäudetypus findet sich in moderner Form auch heute noch in Großstädten wie London, Mailand oder Paris.

TAGESSPIEGEL: Der Unterschied dürfte aber darin liegen, daß das Bürgertum im vergangenen Jahrhundert gleich ein ganzes Palais bezogen hat.Heute kann sich das kaum mehr jemand leisten, und deshalb ist der Ruf nach der Idylle im Reihenhaus groß.Wollen Sie diesen Menschen eine unliebsame Alternative aufnötigen?

BRENNER: Die von mir genannten Beispiele für moderne Wohnpalais in europäischen Großstädten zeigen, daß die zeitgenössische Adaption sehr wohl angenommen wird.Die Bauten befinden sich keinesfalls im Privatbesitz einer Familie, sondern meist bezieht je ein Eigentümer eine Etage.Das Bedürfnis nach dem Einfamilienhaus ist Ausdruck fehlender Angebote großzügiger Wohnformen in der Stadt und zugleich Zeichen der Entwöhnung der deutschen Bevölkerung von der Stadt.Die damit verbundene Provinzialisierung des städtischen Lebens wird hoffentlich durch den Regierungsumzug und die damit verbundenen Veränderungen korrigiert.

TAGESSPIEGEL: Glauben Sie, daß man den Berlinern Ihre Vorstellungen vom urbanen Stadtpalais schmackhaft machen kann?

BRENNER: Dazu bedarf es die erwähnte großzügige städtebauliche Disposition.Sie ist angesichts der Provinzialität der zuständigen Bezirksverwaltungen aber schwer durchsetzbar.Deswegen ist es notwendig, an besonders wichtigen Stellen der Stadt, repräsentative Modellbauvorhaben zu realisieren.Dazu bedarf es wohl auch besonderer Förderungen.Das Geld müßte aus den Förderprogrammen für den Wohnungsbau kommen, die der Bund auflegt.So könnte beispielsweise die derzeit gültige Eigenheimzulage umgewandelt werden in einen Zuschuß für diese Art von Städtebau.Das Ergebnis wären dann hochwertige Stadtquartiere, die sich am internationalen Maßstab orientieren.

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