Wohnen an der Ostsee : Kapital schlägt Geschichte

Im ehemaligen NS-Seebad Prora auf Rügen wurden die ersten Ferienwohnungen verkauft.

Martina Rathke
Mega-Bau Prora. Die Investoren werben mit Meer, Sonne und Denkmalschutzabschreibung. Geschichte gerät da zur Nebensache.
Mega-Bau Prora. Die Investoren werben mit Meer, Sonne und Denkmalschutzabschreibung. Geschichte gerät da zur Nebensache.Foto: Stefan Sauer/dpa

Axel Bering strahlt mit der Sonne um die Wette. Vom zweiten Stock des einst von den Nationalsozialisten als KdF (Kraft durch Freude)-Seebad geplanten Megabaus in Prora auf Rügen schaut der 51-Jährige auf die Ostsee. „Das ist eine Immobilie in bester Strandlage und nicht vermehrbar. So etwas bekommt man heute kaum noch“, freut sich der Berliner Geschäftsmann. Den Kiefernwald zwischen Haus und Sandstrand haben er und sein Geschäftspartner Michael Jacobi vom Unterholz befreien lassen. Und auch im Haus selbst weicht die bis vor kurzem vorherrschende Tristesse uniformer Räume und vergilbter Wände einer lichten Freundlichkeit.

Prora, von den Nazis als 4,5 Kilometer langes Seebad mit 20 000 Betten geplant, gilt als Prototyp einer Ferienanlage, in der die Bevölkerung im Erleben eines billigen Strandurlaubs gleichgeschaltet und für die Nazi-Ideologie begeistert werden sollte. Wegen des Kriegs wurde der Bau aus dem Jahr 1940 als NS-Ferienanlage nicht zu Ende gebaut. Zu DDR-Zeiten wurde der Komplex militärisch genutzt.

Ab 2004 verkaufte der Bund das denkmalgeschützte Megaobjekt scheibchenweise auf dem freien Markt – 3000 Gästebetten dürfen nach dem Bebauungsplan in unmittelbarer Nähe zu den Hotels und Pensionen des Ostseebades Binz entstehen. Doch Historiker wie der Chef des Dokumentationszentrums Prora, Jürgen Rostock, warnten davor, dass Prora mit dem Verkauf auf dem freien Markt zum Spekulationsobjekt verkommt und ideologische Intention und historischer Kontext, unter denen die gigantische Anlage geplant und gebaut wurde, in Vergessenheit geraten.

2012 kauften Bering und sein Geschäftspartner Michael Jacobi knapp einhundert Meter des denkmalgeschützten nationalsozialistischen Erbes auf Rügen von Ulrich Busch. Der Sohn von Agitpropsänger und Linken-Ikone Ernst Busch (1900–1980) hatte den Block I und II im Jahr 2006 für 455 000 Euro vom Bund erworben und nach Diskussionsrunden mit Denkmalschutz und Baubehörden Baugenehmigungen erwirkt. Doch dann ging es nicht weiter, weil das Kapital fehlte.

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