Wohnen in Berlin vor 100 Jahren : Wo bitte geht’s zum Bad?

Nach der Reichsgründung hat sich die ehemals kleine Residenz- und Garnisonsstadt Berlin schnell in eine moderne Metropole verwandelt. Eine schöne Stadt war sie trotzdem nicht.

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Historischer Blick: Das Kaufhaus Tietz um 1930 am Alexanderplatz.
Historischer Blick: Das Kaufhaus Tietz um 1930 am Alexanderplatz.Foto: promo

Die Anziehungskraft von Berlin war vor genau 100 Jahren nicht weniger groß als heute. Jahr für Jahr nahm die Metropole Zehntausende Zuwanderer auf. 1871 zählte die Hauptstadt 826 000 Einwohner. 1914 waren es mehr als zwei Millionen. Der Original-Berliner war ein Neuankömmling. Er stammte aus Brandenburg, Ostpreußen oder Schlesien.

Die wenigen Jahrzehnte nach der Reichsgründung hatten die ehemals kleine Residenz- und Garnisonsstadt Berlin in die modernste Metropole Europas verwandelt. Eine schöne Stadt ist sie nicht geworden. „Spree-Athen ist tot, und Spree-Chicago wächst heran“, notierte der AEG-Vorstandsvorsitzende und spätere Außenminister Walther Rathenau. Mark Twain hielt schon 1891, während seines mehrmonatigen Aufenthaltes an der Spree, Chicago im Vergleich für „geradezu ehrwürdig“. „Die Hauptmasse der Stadt macht den Eindruck, als wäre sie vorige Woche erbaut worden“.

Und die Lebensbedingungen wurden nicht besser. Wohnungen mussten her, viele Wohnungen, und die Behörden genehmigten die Bauvorhaben, anders als heute, binnen weniger Tage. Das schnelle Verfahren hing auch mit der rudimentären Bauordnung zusammen. Im Grunde gab es nur zwei unumstößliche Normen für die Blockrandbebauung. Die Hinterhöfe mussten mindestens 5,34 x 5,34 Meter messen, was dem für die pferdegezogenen Feuerwehrwagen erforderlichen Wendekreis entsprach. Und die Gebäudehöhe durfte die Breite der Straße nicht überschreiten, um zu verhindern, dass bei einer Katastrophe einstürzende Fassaden das gegenüberliegende Haus trafen.

Man nahm „Schlafburschen“ auf, um die Miete zu bezahlen

Neun von zehn Berliner hausten in einer Mietskaserne und 1914 lebte fast die Hälfte von ihnen in Wohnungen mit nur einem beheizbaren Zimmer, das gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlafstube diente. Die Wohnungsgröße wurde gesetzlich anhand des Luftbedarfs der Bewohner ermittelt, was zum hunderttausendfachen Bau von kleinflächigen, aber hohen Räumen führte. Die Gemeinschaftstoilette auf der „halben Treppe“ oder im Hof benutzen oft 40 Personen.

Eine Heimarbeiterin mit sieben Mark Wochenlohn bezahlte ein Drittel ihres kargen Einkommens für Wohnen, Kohle und Beleuchtung. Schon 1868 stellte der Berliner Statistiker Hermann Schwabe eine These auf, die als Schwabe’sches Gesetz in die Lehrbücher einging: „Je ärmer jemand ist, desto größer ist die Summe, welche er im Verhältnis zu seinem Einkommen für die Wohnung ausgeben muss.“ Um die Miete zu bezahlen, nahmen viele Menschen „Schlafburschen“ auf.

Der Fabrikarbeiter Paul Göhre schrieb in seinen Erinnerungen, wie verbreitet diese Art des Wohnens war: „Wenn ich auf meinen Wohnungssuchen meinen Wunsch zu erkennen gab, ich würde gern ‚für mich‘ in einem Zimmer allein schlafen, wurde ich fast immer dahin verstanden, allein in einem Bette schlafen zu wollen.“ Es gab noch andere stundenweise Gäste. Der „Berliner Lokal-Anzeiger“ berichtete empört über diverse Fälle, in denen Hausbewohner ihr zweites Zimmer sogar an „prostituierte Dirnen abvermieteten“.

Die größte Berliner Mietskaserne stand im Wedding

An den üblichen „Ziehtagen“ immer zum 1. April und 1. Oktober karrten Zehntausende ihre Habe von einer trostlosen Wohnung in eine noch trostlosere. Sie blieben, bis die Unterkunft ausgetrocknet war und einem zahlungskräftigeren Kunden angeboten werden konnte. Der sozialdemokratische Abgeordnete Albert Südekum schrieb über eine der Umzieherinnen: „Sie konnte nur schätzungsweise sagen, dass sie durchschnittlich alle sechs Monate das Domizil gewechselt, also wohl seit ihrer Ankunft 15 verschiedene Wohnungen innegehabt hatte.“ Das Elend kommentierte er empört mit einem heute legendären Satz: „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung gerade so gut töten wie mit einer Axt.“

Die größte Berliner Mietskaserne stand im damaligen Bezirk Wedding, Bauherr war der Textilfabrikant Jacques Meyer. Der gewaltige Komplex hatte sechs hintereinanderliegende Höfe mit insgesamt 257 Wohnungen, davon je 50 Kleinwohnungen mit Stube und Küche in den zwei Seitentrakten.

In dem Wohnkoloss lebten etwa 2000 Menschen und eine Vielzahl von Gewerben war hier tätig. Ein Journalist schrieb: „Betritt man das Haus, wird man alsbald von einem verpesteten Geruch befallen, Schmutz herrscht überall und auf den Treppen balgen sich halbnackte Kinder. Zank und Streit besteht zwischen den Flurnachbarn; bei dem geringsten Anlass werden auf Korridoren und Treppen lärmende Wortgefechte in den unflätigsten Ausdrücken und blutige Raufereien ausgefochten.“

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