Wohnen in Brandenburg : "In Brandenburg gibt’s mehr Haus für weniger Geld"

Immer mehr Berliner suchen Immobilien am Rande der Hauptstadt. Im Grünen zu wohnen, hat seine Vorteile. Nur bei der Infrastruktur muss noch einiges passieren.

Christine Siedler
Charlottenstraße in Potsdam. Das Interesse an Immobilien rund um Berlin ist groß.
Charlottenstraße in Potsdam. Das Interesse an Immobilien rund um Berlin ist groß.Foto: Jens Kalaene/dpa

"In Berlin bin ich einer von drei Millionen! In Brandenburg kann ich bald alleine wohnen!" (Liedermacher Rainald Grebe in der Spott-Hymne „Brandenburg“ (2005) )

Zahlreiche Seen, weitreichende Alleen, dichte Wälder und ein Hauch von Einsamkeit im Schatten der Bundeshauptstadt: Hierfür war Brandenburg zu Zeiten, in denen Rainald Grebe seine Hommage an den Berliner Nachbarn sang, weniger berühmt als viel mehr berüchtigt.

Die Entwicklung seit 2005 zeigt, dass vor allem aus der Hauptstadt immer mehr Menschen an diesem Vorurteil zu zweifeln scheinen. So war nicht nur in Berlin in den vergangenen Jahren ein erheblicher Bevölkerungszuwachs zu beobachten, tatsächlich war auch in seinem sogenannten Speckgürtel ein Zuzug, vor allem auch aus der Landesmetropole, erkennbar.

2015 lebten nach Angaben des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg immerhin rund 950 000 Menschen im unmittelbaren Umfeld Berlins, was einen achtprozentigen Zuwachs gegenüber der Bevölkerungszahl von 2006 bedeutet.

Gerade in den vergangenen Jahren schienen die Städte und Gemeinden am Rande der Hauptstadt attraktiver für Berliner zu werden. Etwa 210 000 von ihnen zogen von 2006 bis 2015 ins Grüne. Aber auch generell wächst der Speckgürtel kontinuierlich. Von 2006 bis 2008 zog es nur knapp 16 000 Menschen in das Berliner Umland, von 2013 bis 2015 waren es mit knapp 30 000 fast doppelt so viele.

"Es ist einfach günstiger"

Kathrin Schneider, Brandenburgs Ministerin für Infrastruktur und Landesplanung, begründet diesen Zuzug auch mit dem starken Bevölkerungswachstum Berlins. Die Stadt sei ein Ballungszentrum, in dem immer mehr Menschen miteinander lebten, weshalb viele ein Eigenheim im weniger dicht bevölkerten Brandenburg suchten. Zudem gebe es nach wie vor das Bedürfnis der Menschen, im Grünen zu wohnen und ein eigenes Haus zu besitzen, was man in Brandenburg besser als in Berlin umsetzen könne.

Im Berliner Umland lassen sich die Vorteile der Hauptstadt problemlos nutzen, ohne im Alltag unter Nachteilen einer Großstadt zu leiden. Die Einwohner sind schnell in der Stadt, haben Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitangebote in direkter Umgebung, können aber gleichzeitig naturnah und im Eigenheim leben.

Gerade deswegen suchen viele Berliner nach Immobilien in Brandenburg. Eine dieser Berlinerinnen ist Jasmin Goebel: Die selbstständige Hebamme zog kürzlich mit ihrem Mann und den vier Kindern von Berlin-Hermsdorf in das nahe gelegene Hohen Neuendorf. Für sie war der Hauptgrund: „Es ist einfach günstiger.“

Fünf Jahre habe die Familie nach einem passenden Objekt gesucht. Anfangs auch noch in der Hauptstadt. Dass sich die Suche überhaupt auf das Umland ausgeweitet hat, beruhe auf keiner freiwilligen Entscheidung. In Berlin sei alles „sehr klein und sehr teuer“ gewesen. In Brandenburg seien die Immobilien zwar auch teurer geworden, blieben aber noch bezahlbar.

Überfüllte Kitas sind ein Problem

Gerade weil der Wohnraum günstiger zu haben ist als in Berlin, richtet sich der Fokus der Immobiliensuchenden immer mehr auf den Speckgürtel. Laut einer aktuellen Studie von Immobilienscout24 und Interhyp sind die wichtigsten Lagekriterien bei der Suche nach einem Eigenheim die guten Einkaufsmöglichkeiten (67 Prozent), die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel (59 Prozent), die Naturnähe (47 Prozent), die ärztliche Versorgung (39 Prozent) und die Nähe zum Arbeitsplatz (35 Prozent).

Diese Kriterien erfüllen Immobilien optimal, die nahe der Stadt und gut angebunden, aber auch in der Natur liegen. So ist es nicht verwunderlich, dass sich 48 Prozent der Befragten für ein Eigenheim in Stadtnähe aussprechen.

Die Vorteile des Umlandes versucht Brandenburg derzeit nach Angaben von Kathrin Schneider (SPD) weiter auszubauen und Probleme wie Stau- oder Störfälle im Verkehrswesen, die den Pendlerverkehr behindern, zu beheben. Somit solle der Umzug ins Umland weiter unterstützt und gesteuert werden. Hierfür werde der bereits 2009 erstellte Landesentwicklungsplan derzeit überarbeitet und angepasst.

So wolle man beispielsweise auch die Sozialstrukturen anpassen. Auch Jasmin Goebel berichtet: „Gerade in puncto Kinderbetreuung stellt die Versorgung in Brandenburg einen Kontrast zu Berlin dar.“ Zum einen sei die Kinderbetreuung – anders als in der Hauptstadt – für Kinder ab drei Jahren nicht kostenfrei.

Auch seien die Kindergärten stark überfüllt und die Suche nach einem Platz gestalte sich überaus schwierig. So habe sie bei der Suche nach der Betreuung in einer ortsansässigen Kindertagesstätte für ihren dreijährigen Sohn die Auskunft erhalten, dass freie Plätze erst im Sommer 2018 wieder verfügbar wären.

Die vielen Berufspendler belasten den ÖPNV

Ebenfalls mit dem Verweis auf mangelnde Kapazitäten habe ihre sechsjährige Tochter eine Absage von ihrer Wunschschule bekommen. Schulen in Zuzugsgebieten wie Hohen Neuendorf seien einfach überfüllt. Da die Hortgebühren ebenfalls erheblich höher als in Berlin ausfielen, habe sie mit ihrem Mann entschieden, die Tochter an einer Privatschule ganztägig unterrichten zu lassen.

Diese verfügte über ausreichende Kapazitäten und die Klassen seien kleiner. Die Privatschule sei außerdem kaum teurer als der Hort, lediglich fünfzig Euro im Monat koste sie mehr.

Das Fehlen von Schul- und Kitaplätzen sei aber etwas, das Brandenburg aktiv beheben wolle, betont Kathrin Schneider. So erfordern die Zuzüge eine angepasste Infrastruktur. Auch müssten weiterhin Arbeitsplätze geschaffen werden, um den zusätzlichen Druck der vielen Pendler auf den öffentlichen Personennahverkehr zu reduzieren.

Um diesen zu entlasten, nehmen Berlin und Brandenburg nach Angaben der Ministerin momentan sogenannte Korridoruntersuchungen vor. Dabei untersuche der gemeinsame Verkehrsverbund die Pendlerströme, deren Entwicklung und die Zuzugsprognosen, um abschätzen zu können, welche Kapazitäten noch ausgebaut werden können oder sollten und welche bereits erschöpft sind.

So ist damit zu rechnen, dass der Trend zum Speckgürtel auch langfristig bestehen bleiben wird. Zum einen durch die Förderung Brandenburgs, die den Zuzug aktiv plant und steuert, aber auch durch die schlichten Vorteile, mit denen das Land im Kontrast zur wachsenden Großstadt Berlin besticht. Dazu zählen nicht zuletzt die im Vergleich zur Hauptstadt günstigeren Immobilienpreise. Denn, wie Jasmin Goebel so schön sagt: „In Brandenburg gibt’s einfach mehr Haus für weniger Geld.“

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