Immobilien : Wohnen wie im Hotel

Kubistische Formen, gerade Linien und funktionale Grundrisse bestimmen den Architekturtrend bei Neubauten

Tong-Jin Smith
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Gut gedacht. Die Zimmerleute Wolfram Kienappel (l.) und Rüdiger Erdmann bauen in Marlow den Giebel für ein Fertighaus der ScanHaus...ddp

Ob Einfamilienhaus, Reihenhaus oder Stadthaus, der Trend geht zu klarem Design und Naturmaterialien. Gepaart mit solider und umweltverträglicher Dämmung sowie einer flexiblen Raumaufteilung, ist das Eigenheim auch für die Zukunft gerüstet. Schließlich soll das Haus auch noch passen, wenn die Kinder aus dem Haus sind, das Büro nach Hause umzieht oder mehrere Generationen zusammen unter einem Dach leben möchten. Wer also beim Bau auch an eine künftige Nutzung denkt, liegt voll im Trend.

„Gerade im städtischen Bereich muss man Kosten und Nutzen abwägen“, sagt Julia Dahlhaus, Architektin aus Berlin. „Die Raumproportionen müssen stimmen, wobei man die Räume auch anders unterteilen können muss. Außerdem muss das Haus, ob nun horizontal ausgerichtet oder als Maisonette, städtebaulich in seine Umgebung passen.“ Dahlhaus hat sich auf Entwürfe und Projektrealisationen für Baugruppen spezialisiert und lebt selbst mit ihrer Familie in einer mit drei weiteren Parteien gebauten Gemeinschaft.

„Eigentlich sind Baugruppen schon fast ein alter Hut“, sagt sie. „Aber ich finde sie immer noch spannend.“ Es sei eine gute Möglichkeit für Bauherren, durch viel Eigeninitiative architektonische Qualität zu bezahlbaren Preisen zu realisieren. Dabei zeige sich, dass es nicht unbedingt darum ginge, eine Art große Familien-WG zu bilden. „In den meisten Baugruppen überwiegt der Pragmatismus“, sagt sie. Auch seien das in erster Linie Menschen, die gerne mit ihren Familien in der Stadt leben möchten, aber die passende 4- oder 5-Zimmer- Wohnung nicht finden. Also schaffen sie sich diese selbst und kreieren im Idealfall im gleichen Atemzug noch eine grüne Oase drum herum.

Dabei dominieren schnörkellose Häuser, die eine klare Linienführung haben und im Inneren viel Raum für Individualität lassen. Ein großzügiges Badezimmer und eine moderne, funktionale Küche seien dabei die markantesten Trends, wie Dahlhaus bestätigt. Auch stellt sie fest, dass Holz als Fußbodenbelag zum absoluten Favoriten geworden ist. „Es ist heute geradezu Standard in neuen Häusern Holzdielen oder etwas dickeres Industrieparkett in Kombination mit einer Fußbodenheizung zu verbauen“, sagt sie.

In puncto Raumaufteilung und Raumnutzung hat sich in den letzten Jahren ein Trend herausgebildet, der teilweise vom modernen Hoteldesign befruchtet wird und den man die Öffnung des Raums nennen könnte. Zum einen überwiegt heute in der Badezimmergestaltung der Wellnessgedanke gegenüber der schlichten Funktionalität der klassischen Nasszelle und so öffnen sich heimische Badezimmer immer öfter in den Schlafbereich. „Eine Badewanne im Schlafzimmer ist heute keine Seltenheit mehr“, sagt Innenarchitektin Corinna Kretschmar-Joehnk. Andererseits verschwindet das traditionelle Wohnzimmer in einem loftartigen Wohnraum, der in der Durchlässigkeit zwischen Küche und Loungebereich entsteht. Dieser multifunktionale Raum beherbergt dann Küche, Essbereich und Couchlandschaft. „Die Hotels haben das vorgemacht“, so Kretschmar-Joehnk, die gemeinsam mit ihrem Mann in Hamburg ein Designbüro betreibt, das sich auf Hotels spezialisiert hat. „Die verschiedenen Bereiche haben sich einander geöffnet, sind nicht mehr getrennt und dadurch transparenter – was ja auch viel schöner, freier und kommunikativer ist.“

Drinnen überwiegt – wie draußen – ein klares Design. „Dabei muss man aufpassen, dass man nicht zu langweilig wird“, sagt Kretschmar-Joehnk. „Kleine Brüche oder ein Augenzwinkern bei der Gestaltung der Innenräume sind erwünscht. Sie geben einem Haus auch eine eigene Persönlichkeit.“ So rät sie dazu, nicht alles aus einem Guss zu gestalten und das Badezimmer nicht mehr komplett zu verfliesen. Das sei zum einen teuer, zum anderen sei ein Bad ohne Fliesen oder nur teilweise mit Fliesen belegt, viel wohnlicher. Klares Design sei aber nicht gleichbedeutend mit Kühle oder Sterilität, sondern vielmehr Ausdruck von Ruhe und Balance. Naturmaterialien, die mit der Zeit Patina entwickeln, seien hierbei auch voll im Trend. „Die Zeit der glänzenden Oberflächen und der Stahl-Glas-Kombinationen ist vorbei“, sagt Corinna Kretschmar-Joehnk. „Holz, Naturstein, Leder und andere Materialien, die Wärme und Lebendigkeit ausstrahlen sind viel zeitgemäßer.“

Dabei ist hier nicht zwingend die Rede von Design- oder Architektenhäusern. Auch im Fertighausbau gibt es viel Raum für Individualität, etwa für die vom Bauhaus geprägten und bei Bauherren beliebten kubischen Formen und funktionalen Grundrisse. Auch im 90. Jahr seit der Gründung der stilgebenden Bauhaus-Schule in Dessau zeigt sich so, dass die damals von Walter Gropius postulierten Prinzipien und Ideen noch heute ihre Gültigkeit haben. Nicht nur das Designprinzip, dass die Form der Funktion folgen sollte, sondern vor allem seine Idee, mittels vorgefertigter Bauteile individuelle Häuser zu bauen, ist heute so zeitgemäß wie 1926, als Gropius begann, sich mit dem Prinzip des Fertighauses zu beschäftigen.

Das bestätigt jetzt der Bundesverband Deutscher Fertigbau BDF trotz rückläufiger Baugenehmigungszahlen im Eigenheimbau und einem krisenbedingten schwachen Vorjahr. „Unsere aktuelle Herbstumfrage lässt einen Umsatzanstieg von 4,6 Prozent für dieses Jahr erwarten“, so BDF-Präsident Detlef Bühmann. „Die Anzahl der gebauten Häuser wird sogar um 7,6 Prozent zulegen.“ Dass moderne Fertighäuser nicht nur funktional und flexibel, sondern obendrein durch den Einsatz von Holz bestens gedämmt und somit nachhaltig in ihrer Bauweise sind, würde auch Walter Gropius freuen.

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