Wohnungssuche : Nach der Flucht geht es durchs Paragrafendickicht

Im Heim ist es eng, laut und nicht besonders kinderfreundlich. Auf dem Wohnungsmarkt aber sind Flüchtlinge häufig chancenlos. Hinzu kommen bürokratische Prozeduren.

Christine Siedler
Kinder in einem Hangar im ehemaligen Flughafen Tempelhof sind an den Stellwänden der Familienunterkünfte hochgeklettert.
Kinder in einem Hangar im ehemaligen Flughafen Tempelhof sind an den Stellwänden der Familienunterkünfte hochgeklettert.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

„Ich bin allein. Nichts passiert.“ Anas – 28 Jahre alt, Ehemann und Vater zweier Kinder – ist verzweifelt. Vor einem Jahr floh er aus dem Irak nach Deutschland. Vor dem Krieg, wie er sagt, in die Sicherheit, die er sich erhoffte. Seit einem Jahr lebt er nun mit seiner Familie in einer Notunterkunft in der Otto-Ostrowski-Straße in Friedrichshain. „Immer wieder bieten mir Menschen ihre Hilfe an, aber nichts funktioniert“, sagt er resigniert.

Anas, seine Frau und ihre zwei Kinder teilen sich ein kleines Abteil der zum Schlaflager umgebauten Turnhalle. Und ihr Schicksal mit 76 Menschen, die dort auf engstem Raum leben. Ein Stockbett reiht sich ans nächste, Menschen wuseln umher. Alle versuchen sich den Tag über zu beschäftigen, bevor sie abends schlafen gehen. Draußen vor der Turnhalle spielen Kinder. Der Rasen ist zertreten und von Zigarettenstummeln übersät.

Eine trostlose Kulisse, wäre da nicht das fröhliche Gelächter. Kinder jagen um ein altes zerschlissenes Sofa herum. Unter ihnen ein Mädchen, geschminkt wie ein kleiner Marienkäfer. Es ist Rimas, drei Jahre alt, Anas Tochter. Etwas unsicher läuft sie den Älteren hinterher, schenkt jedem ein Lächeln. Ihr sechsjähriger Bruder ist noch in der Schule.

Der Rasen vor der Turnhalle ist der einzige Spielplatz für Rimas und ihre Freunde. Auch Privatsphäre und Ruheräume sind für die Heimbewohner in der Unterkunft beschränkt. Deswegen ist Anas seit mehreren Monaten auf der Wohnungssuche.

Schutzbedürftige haben es etwas leichter

Zunächst versuchte er sein Glück bei dem Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF). Er wollte sich dort als Härtefall wegen „besonderer Schutzbedürftigkeit“ – wie es im Beamtendeutsch heißt – registrieren lassen. Das EJF ist seit 2014 Dienstleister des Landesamtes für Flüchtlinsgangelegenheiten und für die Beratung, Vermittlung und Antragsvorbereitung von Geflüchteten auf Wohnungssuche zuständig. Es vermittelt Wohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaften an Flüchtlinge, die wegen ihres Alters, einer Behinderung, einer Traumatisierung oder, weil sie alleinerziehend sind, als Härtefälle gelten.

275 Wohnungen pro Jahr stehen ihnen laut einem Kooperationsvertrag zwischen dem Flüchtlingsamt und den städtischen Wohnungsbaugesellschaften zur Verfügung.

Das Vermittlungsverfahren läuft in mehreren Stufen ab. Zunächst senden die Wohnungsbaugesellschaften ihre Angebote an das Flüchtlingsamt, wo sie geprüft und an das EJF weitergeleitet werden. Dort beginnt die eigentliche Vermittlung an die Geflüchteten. Ein Besichtigungstermin und eine Benennung als Mieter folgen, ein weiterer Antrag auf Kostenübernahme muss gestellt werden. Erst nach dessen Vorlage kann der Mietvertrag unterschrieben werden.

Ein Vermittler wollte 3000 Euro Miete - pro Monat

Für Flüchtlinge, die wie Anas nicht als besonders schutzbedürftig eingestuft werden, gestaltet sich die Wohnungssuche noch schwieriger. Denn sie sind auf sich alleine gestellt. Und scheitern häufig an den bürokratischen Hindernissen und mangelnden Deutsch- und Ortskenntnissen. „Ich gehe immer wieder mit Helfern zu irgendwelchen Gebäuden, aber ich bekomme nur Informationen, die ich nicht verstehe oder die mir nichts nützen“, sagt Anas.

Er berichtet, dass es Menschen gebe, die seine Hilflosigkeit ausnutzen wollten. Einmal habe ihm ein Mann, zu dem er Kontakt durch einen Helfer bekommen hatte, ein Haus für 3000 Euro Miete pro Monat angeboten. Das seien normale Preise, darunter würde er nichts finden, hieß es. Anas war bestürzt. Er dachte, er müsse tatsächlich bei jedem Angebot so viel bezahlen. „Andere Vermieter fragten mich nach meinem Glauben“, erzählt Anas. Wegen seiner Religion wollten sie ihn nicht.

Das Lageso selbst teilte dem Iraker mit, er müsse im Regelfall drei bis vier Jahre auf eine Wohnung warten. Dabei weiß er nicht mal, ob er sich nach so langer Zeit überhaupt noch in Deutschland aufhalten darf. Diese Situation macht ihm zu schaffen. Besonders, da seine dreijährige Tochter von den Lebensbedingungen der Notunterkunft immer wieder krank werde. „Dieser Stress, kein Zuhause zu haben, das macht sie krank“, sagt Anas. Auch seiner Frau ginge es nicht gut, sie wolle einen festen Platz für sich und ihre Familie. Anas würde ihr das nur zu gern ermöglichen: „Sie hat genug gelitten.“

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