Immobilien : Wundersame Wurzel

Vom blühenden Aronstab versprach man sich einst Schönheit und Glück — vor allem in der Liebe

Gert D. Wolff

Im gespenstischen Schein von Fackeln und Handlaternen zog man früher vielerorts in der Nacht vor Christi Himmelfahrt in den Wald. Dort suchte man fieberhaft nach der „Himmelfahrtswurzel“, dem blühenden Aronstab. Denn wer eine solche Waldblume fand, dem winkten nach altem Volksglauben Schönheit und Glück – vor allem in der Liebe. Und noch viele weitere Wunderkräfte sagte man der giftigen Pflanze mit dem etwas scharfen Geruch nach. Allerdings musste die nächtliche Suche unter absolutem Schweigen vollführt und die Blume vor Tagesanbruch am Himmelfahrtstag gefunden worden sein.

Von dem knolligen Wurzelstock der Pflanze mit den pfeilspitzenförmigen Blättern und dem meist gelben oder grünlichen Hüllblatt, das wie eine Tüte den kräftigen Blütenkolben umgibt, versprach man sich unter anderem Erfolg in Liebesangelegenheiten.

Nach badischem Volksglauben konnten junge Männer, die eine Aronwurzel fanden, mit baldiger Vermählung rechnen. Heiratswillige junge Mädchen andererseits legten sich, bevor sie zum Tanzen gingen, gerne Blätter des Aronstabes in die Schuhe und sprachen dabei eine Beschwörungsformel. Sie erhofften sich davon, dass sich die Chancen erhöhten, einen Bräutigam zu finden.

Weil der Blütenkolben so gut behütet im Hüllblatt steckt wie ein Säugling im Wickelkissen, legten Mütter ihren Kindern getrocknete Teile der Blume in die Wiege. Sie sollte die Kleinen vor bösen Mächten schützen. Schutz vor Blitzschlag, Feuer und bösen Geistern erhoffte man sich von der Wurzelknolle, indem man sie unter der Türschwelle vergrub. Praktischerweise ließ sich daraus aber auch eine brauchbare Wäschestärke gewinnen und der beliebte, als heilkräftig geltende Aronschnaps brauen.

In Süd- und Mitteldeutschland verwendeten Bauern den Aronstab auch als „Zeigkraut“ für ein Ernteorakel. Von der Beschaffenheit der einzelnen Pflanzenteile glaubten sie ablesen zu können, wie die kommende Ernte ausfallen würde. Der obere Teil des Kolbens stand für das Getreide, der darunterliegende für das Heu. An der Ausprägung der männlichen Blüten las man das Wachstum des Obstes ab. Die weiblichen Blüten hingegen gaben den Winzern in der Rheinpfalz Aufschluss über die zu erwartende Traubenernte. Auch für eine Wettervorhersage schien der Aronstab unseren Vorfahren geeignet zu sein: Gelbe Tüpfelchen am oberen Ende des Stabes deuteten sie als ein Vorzeichen für den gefürchteten Hagelschlag. Als Heilpflanze hielt man den Aronstab ebenfalls für besonders wirksam, wenn er Himmelfahrt gepflückt wurde. Nach alter Überlieferung ergab die Knolle, in Wein oder Essig gekocht, bis sie entgiftet war, ein vorzügliches Mittel gegen alle Magenleiden. Deshalb hatte sie auch den Beinamen „Deutscher Ingwer“. Immerhin hatten schon Hippokrates, Albertus Magnus und Hildegard von Bingen die Pflanze lobend erwähnt. Aus den pfeilförmigen Blättern braute man eine volkstümliche Medizin gegen Lungenleiden, die beispielsweise im Schwäbischen häufig gegen Atemnot verabreicht wurde. In der Homöopathie wird eine Aronstabtinktur heute gelegentlich noch zur Behandlung von Entzündungen im Nasen- und Rachenraum verwendet.

Der Name des seltsamen Gewächses spielt auf den wunderkräftigen Stab des Hohenpriesters Aaron, Bruder des Moses, an. Fromme Christen glaubten in den einzelnen Teilen der Pflanze die „Leidenswerkzeuge“ des Erlösers zu erkennen. Die auf dem Hüllblatt häufig zu sehenden rötlichen Flecken deutete man auch als „Tropfen vom Blut Christi“. Auf diese und die an den grünen Blättern mitunter zu findenden dunklen Flecken bezieht sich der botanische Name Arum maculatum, Gefleckter Aronstab.

Während der Blütezeit von April bis Juni lockt die Pflanze mit fauligem Aasgeruch Insekten an. Die gleiten am Blütenkolben hinab in den warmen, bauchigen Kessel des Hüllblattes. Dort sitzen sie in der Falle, der Ausgang wird ihnen versperrt durch eine haarige Reuse. Erst wenn die nektartrunkenen Tiere die Blüten zwangsweise bestäubt haben, welken die Borsten der Reuse und geben die kleinen Besucher wieder frei. Der Aronstab gehört deshalb zu den „Kesselfallenblumen“. Die rund zwei Dutzend Arten der Pflanze kommen hauptsächlich im Mittelmeerraum und in Westasien vor. Nur der Gefleckte Aronstab ist bei uns heimisch. Einige wenige Arten sind heute im Fachhandel als Knollenstauden für den Garten erhältlich.

VERWENDUNG

Zwei der Aronstab-Arten, die mit ihren aparten Blütenkolben einer Calla ähneln, sind winterhart und damit für den Garten geeignet: Arum maculatum (gefleckter Aronstabe) und A. pictum (korsischer Aronstab). Die frostempfindlichen Arten können in einem Kalthaus oder im Wintergarten kultiviert werden. Die roten Beeren (Foto) sind giftig.

STANDORT

Die sommergünen Stauden benötigen einen schattigen Platz und einen feuchten, humosen Boden.

VERMEHRUNG

Durch Teilung nach der Blüte oder durch Aussaat gleich nach der Samenreife.

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