Immobilien : Wundersamer Brombeerstrauch

Um den Dornbusch mit den wohl schmeckenden Früchten ranken sich seltsame Bräuche

Gert D. Wolff

Brombeeren gehören zu den Köstlichkeiten, die uns die Natur großzügig von etwa Ende Juli bis September spendiert. Und man muss noch nicht einmal an der Kasse dafür bezahlen. Denn sie wachsen überall wild an Waldrändern, Hecken, Böschungen und Feldwegen. Doch wer zu gierig nach den wohl schmeckenden, schwarz glänzenden Früchten greift, macht allzu schnell die schmerzliche Bekanntschaft mit den kräftigen Dornen an den langen Ranken des Brombeerstrauchs. Als „Pest in der Sonne“ bezeichnete ihn daher schon der Römer Plinius. Zugleich aber betonte er, dass uns die Natur zum Trost für die Schmerzen ja die guten Früchte gibt.

Den Bauern waren Brombeerranken, wenn sie an Feldrändern wucherten, stets ein Dorn im Auge, weil sie ihre Arbeit behinderten. Um sie dauerhaft auszurotten, half nach alter Überlieferung nur eines: Am Karfreitag oder an Mariä Geburt (8. September) vor Sonnenaufgang die Pflugschar dengeln und damit das Feld pflügen. Was den Bauern ein Gräuel war den Winzern andererseits willkommen: Brombeerhecken am Rand von Weinbergen sollten helfen, Traubendiebe fern zu halten. So macht vielleicht auch die alte Wetterregel Sinn: Viele Brombeeren im Herbst versprechen ein gutes Weinjahr.

Einer alten Legende nach wuchs der Brombeerstrauch, dessen Zweige sich stets bogenförmig dem Boden zuneigen, einst aufrecht. Einmal ritt die Muttergottes vorbei und blieb mit ihrem Haar an den Dornen hängen. Daraufhin verfluchte sie den Strauch, so dass seine Zweige seither am Boden kriechen müssen. Tatsächlich bildet die sehr anpassungsfähige Pflanze mit dem botanischen Namen Rubus fruticosus aus der Familie der Rosengewächse lange Schösslinge, deren Spitzen zu Boden hängen und dort neue Wurzeln schlagen. Diese natürlichen Bögen aus Dornen bewehrten Ranken mit Wurzeln an beiden Enden galten nach früher weit verbreitetem Volksglauben als besonders heilkräftig und zauberwirksam. Unter ihnen musste man hindurchkriechen, um Hautausschläge, Husten, Albträume, einen Kropf oder andere Krankheiten gewissermaßen abzustreifen und auf den Dornenstrauch zu „übertragen“. Zugleich sollte diese Methode vor Verzauberung schützen.

Frisch Vermählten riet man, die Bettfedern durch einen Brombeerkranz hindurch einzufüllen, damit Hexen und Dämonen dem Paar nichts anhaben konnten. Volkskundler führen diesen alten Heilbrauch auf den primitiven Glauben an eine magische Wiedergeburt zurück. Diesen Brauch kennen auch Naturvölker. So konnte der Ethnograf Richard Andree schon vor rund hundert Jahren nachweisen, dass Eingeborene im Südosten Afrikas beim Ausbruch epidemischer Krankheiten unter einer gekrümmten Rute hindurchzukriechen pflegten, deren beide Enden in die Erde gesteckt waren.

Abgesehen von der zweifellos mühsamen und wahrscheinlich nicht immer schmerzfreien „Brombeerkur“ früherer Zeiten hat man sich schon immer die aromatischen Beeren schmecken lassen. Wie Funde von Brombeersamen aus Pfahlbauten beweisen, bereits in der Jungsteinzeit. Und stets wurden aus dem Brombeerstrauch hergestellte Mittelchen auch zu Heilzwecken genutzt.

Die antiken Ärzte Theophrast, Galenos und Dioskurides empfahlen Brombeermedizin zur Kräftigung des Zahnfleisches, bei Darmerkrankungen und Blutfluss. In der Volksheilkunde wird noch heute ein Tee aus den Blättern zum Gurgeln bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum, bei leichten Durchfallerkrankungen, bei Husten und zur Blutreinigung verwendet. Die Blätter enthalten unter anderem Gerbstoffe, Flavonoide und Vitamin C. Vor allem aber die von Ende Juli bis September reifenden Beeren bieten, frisch gepflückt, als kulinarische Delikatesse unendlich viele Verwendungsmöglichkeiten. Sie lassen sich mit Sahne, Milch, Jogurt oder etwa Quark kombinieren, oder man bereitet aus den Früchten Marmelade, Saft, Kompott, Likör oder Wein. Wer das Abenteuer des Brombeersammelns auf herkömmliche Art mit den meist unvermeidlichen Blessuren an Armen und Händen scheut, braucht dennoch nicht auf den Spaß des Selbstpflückens zu verzichten. Seit einigen Jahren bietet der Fachhandel auch dornenlose amerikanische Kultursorten für den eigenen Garten an.

Standort. Der sehr dornige Strauch schätzt mittelschwere, durchlässige und leicht saure Böden und einen sonnigen, Wind geschützten Platz. Brombeeren können an Gartenzäunen oder Pflanzgerüsten gezogen werden. Bei Hecken sollte zwischen den einzelnen Pflanzen ein Abstand von drei bis vier Metern eingehalten werden.

Pflanzzeit. Die jungen Sträucher werden meist im Container angeboten. Sie können somit – außer bei gefrorenen Böden – das ganze Jahr über gepflanzt werden. Geerntet wird zwischen Juli und September.

Inhaltsstoffe . Die Beeren sind reich an Vitaminen und Mineralstoffen. Sie enthalten – mehr als andere Beerensorten – viel Calcium.

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