Zwangsversteigerungen : Mit Spürsinn und starken Nerven

Wer Haus oder Wohnung ersteigern will, sollte sich gut informieren – und sein Limit kennen.

Christian Eigner
Unter dem Hammer. Neulinge sollten nicht gleich bei der erstbesten Immobilie zuschlagen, sondern einer Zwangsversteigerung erst mal zusehen.
Unter dem Hammer. Neulinge sollten nicht gleich bei der erstbesten Immobilie zuschlagen, sondern einer Zwangsversteigerung erst...Foto: Mascha Brichta/dpa-tmn

Amtsgerichte in Deutschland haben 2013 mehr als 47 000 Immobilien versteigert. Nach Angaben des Ratinger Beratungsunternehmens Argetra waren rund 70 Prozent davon Eigentumswohnungen sowie Ein- und Zweifamilienhäuser. Wer jedoch glaubt, Topimmobilien gingen reihenweise zum Schnäppchenpreis weg, irrt sich. „Viele Objekte werden aufgrund der hohen Nachfrage sogar über ihrem Verkehrswert ersteigert“, berichtet Claudia Kammermeier vom Bundesverband deutscher Rechtspfleger.

Für Interessenten komme es darauf an, eine geeignete Immobilie herauszufiltern und sich gründlich darüber zu informieren. Erste Anhaltspunkte lieferten die Bekanntmachungen der Gerichte, die einige Wochen vor dem Termin per Aushang, in der Tagespresse und oft auch im Internet unter www.zvg-portal.de veröffentlicht würden. Anfänger sollten zunächst ein paar Versteigerungen als Beobachter besuchen. „Wer mitbieten will, sollte unbedingt das Wertgutachten lesen, das ein Sachverständiger im Auftrag des Gerichtes erstellt“, rät Kammermeier. Auf dessen Grundlage werde der Verkehrswert der Immobilie festgelegt. An das Gutachten gelangen Interessenten auf der Internetseite des versteigernden Gerichtes oder in dessen Geschäftsstelle. Oft hat auch die Gläubigerbank eine Kopie.

Danach sollten Interessenten das Objekt gründlich in Augenschein nehmen. Oft ein schier unüberwindliches Hindernis – denn der Vorbesitzer ist nicht verpflichtet, jemanden einzulassen. „Doch auch von außen gewinnt man wichtige Informationen über Lage und Verkehrsanbindung“, sagt Eva Reinhold-Postina, Sprecherin des Verbandes privater Bauherren (VPB). „Eine Menge verrät auch der äußere Zustand des Hauses.“ Obendrein könne man versuchen, Informationen von Nachbarn zu erhalten.

Bieter müssen zehn Prozent des Verkehrswertes hinterlegen

Reinhold-Postina rät, die Immobilie mit einem Sachverständigen zu besichtigen. „Ein erfahrener Experte kann etwa anhand von Dach und Fassade Rückschlüsse auf Feuchteschäden ziehen. Auch der Zustand der Fenster ist von außen recht gut zu beurteilen.“ Auf diese Weise lasse sich der Investitionsbedarf abschätzen. „Wenn ich 400 000 Euro habe, aber schon 200 000 für die Sanierung ausgeben muss, bleibt mir nur noch die Hälfte zum Ersteigern übrig“, sagt Reinhold-Postina. Sein absolutes Limit sollte man auch im Eifer des Bietgefechtes nicht überschreiten.

Zum Versteigerungstermin müssen Bieter zehn Prozent des Verkehrswertes hinterlegen – als Verrechnungsscheck oder Bankbürgschaft. Dieser Punkt gestaltet sich für viele schwierig. „Damit eine Bank mitspielt, will sie die Immobilie als Sicherheit haben“, sagt Christian Kraus vom Finanzierungsvermittler Interhyp AG. „Doch die besitzt der Kunde ja noch gar nicht.“ Da obendrein nicht klar sei, wie viel das Haus am Ende koste, seien die Banken sehr zurückhaltend. „Anders sieht die Sache oft aus, wenn jemand nachweist, dass er den Kaufpreis aus eigener Tasche bestreiten kann und nur die Sanierung finanzieren muss“, berichtet Kraus.

Am Tag der Versteigerung gilt es, den Personalausweis nicht zu vergessen, pünktlich zu sein und von der ersten Minute an die Ohren zu spitzen. „Gleich zu Beginn wird bekanntgegeben, wer welche Forderungen geltend macht“, sagt Claudia Kammermeier. „Bieter sollten sich vor allem dafür interessieren, ob sie Rechte an der Immobilie übernehmen müssen.“ Dies könnten etwa im Grundbuch eingetragene Wohn- und Wegerechte, aber auch eine Grundschuld sein. Deren Wert werde am Schluss zum Höchstgebot addiert.

Alle Rechte und Pflichten gehen mit dem Zuschlag

Dann beginnt die Versteigerung. Interessenten haben mindestens 30 Minuten Zeit, Gebote abzugeben. „Im besten Fall erhält der Meistbietende den Zuschlag sofort“, sagt Kammermeier. Liegt das Höchstgebot unter 50 Prozent des Verkehrswertes, werde der Zuschlag versagt und ein neuer Termin anberaumt, bei dem die Obergrenze wegfällt. Liegt das Höchstgebot unter 70 Prozent, hat der Gläubiger das Recht, einen Zweittermin zu beantragen. Er kann sich auch eine Bedenkzeit ausbitten. Dann muss der Höchstbietende ein bis zwei Wochen auf die Entscheidung warten, kann bis zum Verkündungstermin aber selbst nicht mehr zurücktreten.

Alle Rechte und Pflichten gehen mit dem Zuschlag – nicht erst mit der Grundbuchänderung – auf den neuen Eigentümer über. Dieser muss sich dann unter anderem sofort darum kümmern, die ersteigerte Immobilie zu versichern. Was aber, wenn der bisherige Eigentümer sich weigert auszuziehen? Claudia Kammermeier: „In vielen Fällen sind starke Nerven gefragt. Lässt sich keine Einigung erzielen, kann der neue Eigentümer die Immobilie zwangsräumen lassen.“ Sind Haus oder Wohnung vermietet, dürfe er Mietern zum nächstmöglichen Zeitpunkt mit drei Monaten Frist kündigen. dpa

Neben Zwangsversteigerungen gibt es auch sogenannte freihändige Grundstücksauktionen, bei denen Eigentümer ihre Immobilien über ein Auktionshaus anbieten. Am 1. Juni findet eine solche Auktion der Plettner & Brecht Immobilien GmbH in den Räumen des Tagesspiegels am Askanischen Platz 3, 10963 Berlin statt. Mehr Infos unter: www.plettner-brecht.de

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