Wirtschaft : In Blut verschwimmende Schriftzüge

Kleine Buchhändler stellen sich mit speziellen Angeboten dem Überlebenskampf

Johannes Pennekamp

Buchhandlungen leben davon, dass sie Geschichten verkaufen. Aber manchmal erzählen die Buchhandlungen auch selbst eine. „Marga Schoeller“ ist so eine Buchhandlung. Ende der 20er Jahre eröffnete Marga Schoeller ihre Bücherstube am Ku’damm. Als kurz darauf die Nazis die Macht übernahmen und in den Geschäften nur noch zensierte, nationalistische Bücher verkauft wurden, leistete Marga Schoeller stillen Widerstand. Im Verkaufsraum bot sie unbedenkliche Kochbücher und Pferdezeichnungen an, im Keller hortete sie Romane verbotener Autoren. „Weil sie nie Nazi-Literatur verkauft hat, bekam sie nach dem Krieg als eine der Ersten eine neue Verkaufslizenz“, erzählt Thomas Schaal, der heute bei Marga Schoeller englischsprachige Bücher verkauft. Auf diese Nische hat sich das Geschäft, das mittlerweile in die Knesebeckstraße umgezogen ist, spezialisiert.

In dem kleinen, verwinkelten Laden türmen sich dunkelgrüne Holzregale bis unter die Decke. Ein brauner Teppichboden dämpft die Schritte der Kunden. Es ist ruhig, fast wie in einer Bibliothek. Nichts soll die Kunden vom Stöbern ablenken. „Sagen Sie mal, haben Sie schon das neue Buch von Ian McEwen gelesen?“, fragt eine Kundin. „Ja. Stilistisch brillant, aber das Thema hat mich nicht sonderlich interessiert“, antwortet Thomas Schaal. Die Kundin, eine Englischlehrerin, kauft es trotzdem. Sie kommt häufig in den Laden, weil sie von Angebot und Beratung begeistert ist.

„70 Prozent der Kunden sind Stammkunden. Ohne sie könnten wir diesen Überlebenskampf auch gar nicht bestehen“, sagt Schaal. Überlebenskampf deshalb, weil das Stadtzentrum vom Ku’damm abgewandert sei und das Internet viele Kunden koste. „Aber wir schaffen es immer noch“, sagt der Buchhändler. Wenn er ein Buch empfehlen müsste: No one belongs here more than you. Erzählungen der New Yorker Autorin Miranda July.

Bei „Hammett“ in Kreuzberg hängt ein schwarzes T-Shirt im Schaufenster. „Mord ist mein Beruf“, steht in gelben Buchstaben auf der Brust. Daneben Bücher mit Titeln wie „Die Chemie des Todes“ oder „Die dunklen Wasser von Aberdeen“. Im Laden noch mehr Grausamkeiten. Auf den Buchdeckeln sind ermordete Menschen zu sehen. Schriftzüge verschwimmen in Blutlachen. „Der Anteil der Mainstream-Kunden ist hier sehr gering“, sagt Christian Koch, der hinter der Kasse sitzt und der Besitzer dieser Krimibuchhandlung ist. Auf 35 Quadratmetern bietet er 8000 Kriminalromane an. Die Hälfte ist gebraucht. Der Laden ist eng, der Dielenboden knarzt, es riecht nach Buch. Historische Krimis, Berliner Krimis, wirklich geschehene Krimis.

Christian Koch übernahm 1999 die Buchhandlung. „Ich fand die Idee einfach irre“, sagt der 43-Jährige. Das Geschäft laufe gut. Krimifans aus ganz Berlin kämen zu ihm. „Den neuen Grisham kriegen sie überall. Bei mir gibt es auch Raritäten“, sagt Koch. „Rumble Tumble“ zum Beispiel. Ein Krimi von Joe R. Landsdale aus dem kleinen Berliner Verlag Shayol ist einer seiner Verkaufsschlager.

Klaus König, ein älterer Herr, steht jetzt schon länger vor der Krimihandlung und durchstöbert die Bücherkisten. Mit seiner Lesebrille und dem etwas kauzigen Blick würde er selbst einen guten Kriminalermittler abgeben. Kaufen wird er heute nichts, aber ganz bestimmt bald wiederkommen: „Das hier ist noch ein richtiger Buchhändler. Er hat ein gutes Angebot und ist ein Fachmann“, sagt König. Viele der kleineren Buchläden spezialisieren sich und bauen auf einen guten Service. Christian Koch hat keine Angst, dass Internet und Großbuchhandlungen sein Geschäft kaputt machen. „Die Leute wollen wieder persönlich beraten werden.“ Seine persönliche Empfehlung: Der Lumpenadvokat. Eine fesselnde Geschichte der französischen Autorin Hannelore Cayre. Johannes Pennekamp

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