Wirtschaft : In den guten Händen Trichets

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Der Stil mag sich geändert haben, aber der Inhalt ist derselbe. JeanClaude Trichet sieht nicht aus und spricht auch nicht wie sein Vorgänger Wim Duisenberg. Aber wenn man Trichets Interview im „Wall Street Journal“ gelesen hat, das erste Interview seitdem er Chef der Europäischen Zentralbank ist, hört man die gleiche Botschaft: Europa braucht Reformen. Der engagierte Franzose hat es genau wie der gestrenge Holländer begriffen. Selbst in zyklischen Aufschwüngen der Wirtschaft hinkt Europa den USA hinterher. Die USA sind fähiger, Wirtschaftswachstum und verbesserte Produktivität zu erzeugen.

„Deswegen müssen wir diese strukturellen Reformen des Arbeitsmarktes, des Sozialstaates und der Erziehung und Ausbildung durchführen. Dies wird unser Wachstumspotenzial steigern und Wachstum und Arbeitsplätze schaffen“, sagte Trichet unserem Korrespondenten. Das sind nicht einfach trockene Lehrbuchsätze aus einer Wirtschaftseinführung sondern ein konkretes Rezept, um das Wohlergehen der Europäer zu steigern. Die europäische Bevölkerung wurde von der politischen Panikmache vor dem freien Markt derartig verängstigt, dass es kein Wunder ist, dass sie vor den Risiken zurückschreckt – und damit auch vor den Vorteilen. Die Europäer können die größere Gefahr nicht erkennen, die das Verharren in der staatlichen Protektionspolitik, die in der globalen Wirtschaft nichts mehr taugt, birgt.

Die Lösung? „Unermüdliche Aufklärung ist essenziell“, sagt Trichet. „Das Hauptproblem ist, den Völkern Europas zu erklären, dass sie alle besser leben könnten, wenn wir Reformen gestalten und durchsetzen könnten.“ Trichet lässt sich auch nicht darauf ein, Vorträge über die negative Leistungsbilanz der USA zu halten. Stattdessen erinnert er daran, dass die Welt aus wechselseitigen Abhängigkeiten besteht und dass das Defizit der USA für Produzenten in anderen Ländern, einschließlich Europa, eine Wohltat ist. Offensichtlich ist die Europäische Zentralbank bei Wim Duisenbergs Nachfolger in guten Händen.

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