In der Krise : Europas Pharmabranche liegt vorn

In der globalen Pharmaindustrie vollzieht sich derzeit ein Führungswechsel. Die großen europäischen Hersteller, darunter der in Berlin ansässige Pharmakonzern Bayer Schering, machen weiter Boden gut gegenüber der einst übermächtig erscheinenden US-Konkurrenz.

Siegfried Hofmann
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Viel in der Pipeline. In Berlin wirbt der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen auf dem Potsdamer Platz für die Leistungen...dpa

Frankfurt am MainFrankfurt am Main - In der globalen Pharmaindustrie vollzieht sich derzeit ein Führungswechsel. Die großen europäischen Hersteller, darunter der in Berlin ansässige Pharmakonzern Bayer Schering, machen weiter Boden gut gegenüber der einst übermächtig erscheinenden US-Konkurrenz. Ein Trend, der sich schon seit einigen Jahren andeutet, scheint sich im Krisenjahr 2009 weiter zu verstärken. Zwar werden durch die bevorstehende Übernahme von Wyeth durch Pfizer und Schering-Plough durch Merck künftig wieder zwei amerikanische Hersteller die größten Unternehmen der Branche stellen. Operativ haben aber die europäischen Pharmahersteller die besseren Karten.

Dafür sprechen nicht zuletzt die jüngsten, überwiegend schwachen Quartalszahlen der US-Pharmakonzerne. Pfizer meldete am Mittwoch für das zweite Quartal einen Rückgang des Umsatzes um neun Prozent auf knapp elf Milliarden Dollar und einen Gewinnrückgang um ein Fünftel auf rund 2,2 Milliarden Dollar. Die Fusionspartner Merck und Schering-Plough verbuchten Umsatzrückgänge von jeweils rund fünf Prozent, beim Gesundheitskonzern Johnson & Johnson schrumpften die Arzneimittelumsätze im letzten Quartal sogar zweistellig. Etwas günstiger sieht es beim US-Branchenvierten Eli Lilly aus, der dank der Übernahme von Imclone Systems um drei Prozent zulegte.

Demgegenüber dürften die Zahlen der großen europäischen Pharmakonzerne im Schnitt deutlich besser aussehen. Der Novartis-Konzern, der ebenfalls in Dollar bilanziert, berichtete für das zweite Quartal ebenfalls drei Prozent Umsatzplus und ein währungsbereinigtes Wachstum von elf Prozent. Die anderen europäischen Konzerne legen ihre Zahlen erst in den nächsten Tagen vor, dürften jedoch kräftige Umsatzzuwächse ausweisen. Bayer Schering, nach Umsätzen das sechsgrößte Pharmaunternehmen in Europa, öffnet am 29. Juli die Bücher.

Noch deutlicher wird die Verlagerung der Gewichte im längerfristigen Vergleich. So haben die größten zehn Unternehmen der europäischen Pharmabranche (einschließlich der israelischen Teva) seit 2000 ihren Umsatz auf Dollarbasis fast verdreifacht und ihren globalen Marktanteil um fast sieben Prozentpunkte ausgebaut. Demgegenüber büßten die führenden US-Konzerne rund fünf Prozent ihres einstigen Weltmarktanteils ein. Noch deutlicher reflektiert die Börsenbewertung den relativen Niedergang der großen US-Pharmakonzerne. Seit Anfang des Jahrzehnts ist deren Wert um rund 40 Prozent gesunken. Alleine Pfizer hat in diesem Zeitraum fast zwei Drittel seiner einstigen Marktkapitalisierung verloren.

Zum Teil basiert die Verlagerung auf Faktoren, die mit dem operativen Geschäft wenig zu tun haben. So sind die US-Konzerne von der Dollarabwertung stärker betroffen als die Europäer, da sie einen größeren Anteil ihrer Umsätze im Dollarraum erzielen. Zum anderen haben die Europäer in den vergangenen zehn Jahren stärker expandiert, darunter die Fusionen von Bayer und Schering 2006 oder von Sanofi und Aventis. Erst 2009 meldeten sich die US-Pharmariesen im Fusionskarussell zurück.

Seit zwei bis drei Jahren sind die US-Konzerne indes auch beim organischen Wachstum ins Hintertreffen geraten. Geht man von den publizierten währungsbereinigten Wachstumsraten aus, lagen sie im vergangenen Jahr um drei bis vier Punkte hinter den Europäern.

Der europäische Erfolg liegt auch an der Spezialisierung. Mangels Masse, Finanzkraft und Forschungserfolgen mussten sich etliche europäische Pharmahersteller auf Marktnischen beschränken. Das entpuppt sich heute als gewisse Stärke. Denn diese einstigen Nischen des Arzneimittelmarktes sind weniger stark von Preisdruck, Patentrisiken und Zulassungsproblemen betroffen als das Massengeschäft mit Medikamenten für die Allgemeinmedizin.

Ein typisches Beispiel dafür sind etwa Krebsmedikamente, die in den 1990er Jahren noch eine ganz untergeordnete Rolle für die Pharmabranche spielten, inzwischen aber zur umsatzstärksten Einzelkategorie der Branche mit mehr als 40 Milliarden Dollar Jahresumsatz aufgestiegen sind. HB

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