Wirtschaft : In der Krise wird Tui zum Reise-Discounter

Preissenkungen bis zu 40 Prozent bei der neuen Marke „Discount Travel“ sollen 300000 neue Kunden anlocken

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Berlin (fw). Die Touristikkonzerne wollen mit billigen Reisen wieder mehr Kunden anlocken. Europas größter Reisekonzern, die Tui, stellte am Montag seine neue BilligMarke „Discount Travel“ vor. Der Anbieter soll in Deutschland von diesem Freitag an die Restkapazitäten der Stammmarke des Konzerns, Tui Deutschland, und der Tui-Preiswert-Marke 1-2-Fly, zu besonders günstigen Preisen verkaufen, sagte Tui Deutschland-Chef Volker Böttcher in Hannover. Die Reisen bei Discount Travel sollen im ersten Katalog laut der Tui zwischen zehn und 40 Prozent weniger kosten als zuvor. Auch der Tui-Konkurrent Thomas Cook senkt in den jetzt anlaufenden „Discount Wochen“ beim Billiganbieter Bucher die Preise.

Der Tui-Konzern rechnet nach eigenen Angaben mit bis zu 300 000 verkauften Discount-Reisen im Jahr. Dabei sollen Reisen im Einzelfall auch unter Einkaufspreis verkauft werden, um Restkapazitäten bei Tui-Flugzeugen und -Hotels zu füllen. Die Zielmarke von 300 000 Urlaubern pro Jahr bei Discount Travel entspricht knapp fünf Prozent der zuletzt von Tui in Deutschland verkauften rund 6,5 Millionen Reisen.

Die Reisebranche steckt seit über einem Jahr tief in der Krise. Zunächst schreckten die Kunden wegen der Terror-Anschläge vom 11. September vor einer Reise zurück, dann kam die Konjunkturflaute dazu. Wer Angst vor dem Verlust seines Arbeitsplatzes hat, bucht ungern eine Reise. Der Irak-Krieg und Sars verschlimmerten die Krise dieses Jahr weiter. Im Vergleich zum Vorjahr verzeichnete die Branche laut dem DRV (Deutscher Reisebüro und Reiseveranstalter Verband) von Januar bis April diesen Jahres ein Buchungsminus von zehn Prozent.

Auch die anderen Touristikunternehmen versuchen, mit günstigen Angeboten die Kunden anzulocken. Über Bucher Reisen verkauft Thomas Cook seine übrig gebliebenen Reisen zum Niedrigpreis. „Das Angebot bei Bucher hat sich in den letzten Monaten vergrößert“, sagt ein Thomas Cook-Sprecher. „Der Trend bei den Preisen geht nach unten“.

Sonderangebote bei Tjaereborg

Auch bei der Rewe-Touristik (Jahn-Reisen, ITS, Tjaereborg) setzt man verstärkt auf billig: bei dem Günstiganbieter Tjaereborg soll es von Mai bis Mitte Juni Last Minute Angebote geben, bei denen der Preis um zehn bis 30 Prozent reduziert sei, sagte eine Sprecherin. Bei Tjaereborg laufe das Geschäft sehr gut: In diesem Geschäftsjahr gebe es 5,5 Prozent mehr Buchungen als im Vorjahr. Für die Sommersaison, die am 1. Mai begonnen hat, liege der Buchungsstand bereits bei einem Plus von 7,4 Prozent.

Die Tui verkauft bereits billige Reisen über ihre Tochter „Berge und Meer“, einen Direktvermarkter, sowie als Last-minute-Reisen über L´tur. Das reicht ihr jedoch nicht. Über Discount Travel will die Tui Reisen jetzt noch billiger verkaufen können. Discount Travel müsse als Verwerter von Restkapazitäten günstige Reisen unterbieten, sagte Böttcher. Dies bedeutet extrem niedrige Gewinnmargen, in manchen Fällen den Verkauf von Reisen unter dem Einkaufspreis. „Der Veranstalter Discount Travel wird Tui aber viel Geld bringen, weil er hilft, Flugzeuge und Hotels zu füllen“, sagte Böttcher. Tui reagiere so auf massive Veränderungen in der Touristikbranche. 60 Prozent der Urlauber würden ihre Reise erst acht Wochen vor Abflug buchen. Hinzu komme die zunehmende Jagd nach Schnäppchen.

Discount Travel solle Supermarkt-Angeboten entsprechen und ohne aufwendige Werbeaktionen auskommen, sagte Ralf Horter, der als 1-2-Fly-Chef auch für Discount Travel verantwortlich ist. Der erste Discount-Katalog umfasse etwa 120 Hotels in 23 Urlaubszielen. Die Reisen sind im Reisebüro oder im Internet buchbar.

Experten sehen den Schritt der Tui als sinnvolle Reaktion auf die Buchungsflaute. „So kann das Unternehmen flexibel reagieren und über eine getrennte Marke die ohnehin übrig gebliebenen Reisen noch verkaufen,“ sagt der KPMG Tourismus-Experte Wolf-Alexander Waldthausen. „Billige Reisen ist das, was die Kunden momentan wollen“, sagt Christian Obst, Tourismus-Analyst bei der Hypo-Vereinsbank. Allerdings befürchtet er, dass langfristig eine zu große Konzentration auf Billigreisen die Gewinne des Unternehmens drücken.

Deswegen will die Tui am liebsten gar nicht zu viel Erfolg mit ihrer neuen Marke haben: „Zufrieden wären wir dann, wenn Discount Travel möglichst wenig Gäste und Umsätze generiert. Am besten gar keine“, sagte Böttcher. Klar sei, dass die Marke Tui auch künftig für „das Brot-und-Butter-Geschäft, also unser Kerngeschäft“ stehen werde.

Die Aktie von Tui legte am Montag um fünf Prozent auf 15,25 Euro zu.

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