Wirtschaft : In der Sackgasse der Einfallsarmut

Günter Rexrodt

Das Warten auf den Regierungsumzug reicht als Konzept nicht ausVon Günter Rexrodt

Schaufenster Deutschlands, Brücke Europas und Treffpunkt der Welt ­ diesen Dreiklang hatte sich der Westteil Berlins zu Zeiten der Spaltung als Überlebensprogramm auf die Fahne geschrieben.Im politischen Alltag von heute klingt das ein wenig blutleer, fast schon hilflos.Zu diesen vagen Zielen sind seit dem Fall der Mauer nur wenig konkrete Konzepte gekommen, die für ­ sagen wir einmal ­ die ersten 25 Jahre des nächsten Jahrhunderts taugen würden.Zukunftsangst bei vielen jungen und alten Bürgern der Stadt scheint eher von dieser Konzeptionslosigkeit herzurühren als von den harten Sparprogrammen und Verkehrsproblemen von heute. Man kann die regierenden Berliner Parteien nur eindringlich davor warnen, auf diesem Weg der Einfallsarmut weiter zu gehen.Berlin trägt zwar die Krone der Hauptstadt, aber die anderen Bundesländer sind davon überhaupt nicht beeindruckt.Im politischen Alltag sehen sie sich als harte Konkurrenten Berlins, die nicht zur Provinz absinken wollen, sondern in ihren Landeshauptstädten teilweise gigantische Projekte verwirklichen wollen.Wenn Berlin sich nicht jetzt dieser Offensive stellt, verschläft es seine Zukunft.Natürlich gibt es Felder, auf denen Berlin auch heute offensichtlich an der Spitze Deutschlands steht.Es ist Kulturhauptstadt, es muß sich mit seinem unvergleichlichen kulturellen Erbe und den großartigen Ensembles (noch) vor keiner deutschen Stadt verstecken.Aber Berlins Vorsprung schmilzt.Nehmen wir nur die Theater in Hamburg und die Oper in München.Auch hat man auf einigen modernen Feldern Berlin längst abgehängt.Wiederum München und Hamburg, aber vor allem Köln powern in die mediale Zukunft, sie sind auf dem Weg in die Informationsgesellschaft schon viel weiter.Daß Nachbar Brandenburg hier ganz gut mithält, ist für Berlin kein Trost.Noch gibt es in Deutschland nichts wie ein Silikon-Valley, diese einmalige Zusammenballung von hochmodernen Firmen, Ideen und kreativen Menschen ­ noch nicht einmal im Ansatz.Das birgt eine der großen Berliner Chancen.Wer Visionen nicht nur beschwören will, sondern auch Schritt für Schritt realisieren möchte, muß sich konzentrieren auf Spitzentechnologie.Das ist nicht modisch, das ist fürs Überleben unverzichtbar.Bei Umwelttechnik, Gen- und Biotechnologie braucht Berlin Investoren, Investoren und nochmals Investoren! Natürlich ist es erfreulich, daß wir in der Stadt heute schon einige Vorreiterfirmen haben.Es reicht aber nicht.Berlin muß ein einziges großes Erprobungsfeld für die Informationsgesellschaft werden.Dann kommen auch Menschen in die Stadt, deren Phantasie die Grundlagen schaffen hilft für die Arbeitsplätze von morgen und übermorgen. Forschungsinstitute, Lehrstühle und später innovative Produkte werden weltweit in anderen Metropolen aus dem Boden schießen.Der globale Wettbewerb wird nicht langsamer, er wird sich beschleunigen.Berlin braucht für dieses Kerngebiet seiner Zukunft neue Rahmenbedingungen.Der Volksmund sagt: man kann nicht auf jeder Hochzeit tanzen.Für Berlin heißt das: kein Sparen mit dem Rasenmäher, sondern kluges Investieren in Schwerpunkt-Technologie der Zukunft.Wir wissen alle noch, wie die Biotechnologie aus Deutschland abgewandert ist, weil das Umfeld nicht stimmte.Heute kehren die ersten deutschen Firmen in die Heimat zurück, auch wenn nur in geringer Zahl.Und selten nach Berlin.Warum? An unseren Schulen gibt es ein weitverbreitetes Desinteresse an Technik.Manche sagen: mehr bei den Lehrern als bei den Schülern.Das muß sich ganz schnell ändern.Jede D-Mark, die sinnvoll in die Computer-Ausbildung von Lehrern gesteckt wird, die keinen Horror vor der Informationsgesellschaft empfinden, trägt dazu bei, letztlich Arbeitsplätze für ihre Schüler entstehen zu lassen.Und deshalb braucht Berlin eine Vision von der Spitzentechnologie in der Stadt und im Umland.Rasch und nicht bis ins letzte bemäkelt von den politischen Vertretern eines neuen Biedermeier.Berlin hat sein Ziel sehr früh definiert als Drehscheibe zwischen West- und Osteuropa.Die Stunde ist da: Mit der Osterweiterung der Europäischen Union und der Nato kommt in den Begegnungs- und Kooperationsprozeß auf dem Kontinent eine völlig neue Dynamik.Berlin hat alle geographischen Trümpfe in der Hand, Zentrum des sich vereinigenden Europas zu sein.Das wird aber nur kommen, wenn die deutsche Hauptstadt gewaltige Anstrengungen im Abbau von Hindernissen unternimmt, die heute noch den Weg zum Nachbarn verbauen.Zu allererst gilt dies für die moderne Verkehrsinfrastruktur.Was sich da um Straßen und Flughäfen als hemmende Diskussionen in den letzten Jahren abgespielt hat, ist fast beschämend.Wenn Berlin lebendiges Drehkreuz sein will zwischen Ost und West, braucht es als Schwerpunkt den kompletten Ausbau der Infrastruktur.Nicht in zwanzig Jahren, sondern jetzt. Lange Jahre hat der Standort Deutschland nicht vor allem unter berechtigter Kritik gelitten.Es war das pauschale Herunterreden, in Deutschland mehr als im Ausland, das uns allen geschadet hat.Jetzt kehren sogar deutsche Firmen wieder aus Ostasien zurück ­ ist Berlin bereit, solchen Rückkehrern die besten Investitionsbedingungen zu bieten? Das könnte nur ein Teil einer großen Gesamtanstrengung sein, die teilweise entindustrialisierte Stadt wieder an die Märkte von übermorgen heranzuführen."Berlin tut gut", sagten wir früher.Heute sollten wir sagen: "Berlin arbeitet gut". Es gibt noch viele wichtige Steine, die zusammen das Zukunftsmosaik einer erfolgreichen und lebens- und liebenswerten Weltmetropole abgeben.Auf einigen Feldern ist Berlin auf gutem Weg, auf anderen noch nicht einmal aus den Startlöchern.Das Rennen hat längst begonnen, aber manche Berliner warten immer noch darauf, daß sich auf wundersame Weise alles ändern und alles bessern wird durch den Bonner Umzug.Auch wenn die Vorboten des Gesamtumzugs heute Berlins spektakulärste Bühne abgeben ­ die Hauptstadt will nicht nur erneuert und ausgebaut werden, sie soll zukunftsfit werden.Auch wenn die Zeiten nicht leicht sind: Berlin und alle, die es lieben, müssen endlich wieder zukunftsfroh an die Arbeit für eine moderne deutsche Kapitale und eine faszinierende Metropole im Herzen Europas gehen. Der Autor (Foto: Kai-Uwe Heinrich) ist Bundeswirtschaftsminister.

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