Wirtschaft : In der Sanierungsfalle

Telekom-Chef Ricke soll den Konzern wieder fit machen. Während er im Ausland Erfolge feiert, wächst in Deutschland die Kritik

Corinna Visser

New York - Wenn Kai-Uwe Ricke vom amerikanischen Arbeitsmarkt spricht, gerät er ins Schwärmen. Der Chef der Deutschen Telekom lobt nicht nur dessen Flexibilität, sondern freut sich vor allem über die Begeisterung, mit der die Mitarbeiter der Konzerntochter T-Mobile US sich für die Firma einsetzen. „Die Menschen sind stolz auf das, was sie erreicht haben“, sagt er. Das ist nicht nur ein wohltuender Gegensatz zu der herben Kritik, der sich der Telekom-Chef von Mitarbeitern, Gewerkschaften und Aktionären in Deutschland ausgesetzt sieht. Ricke ist auch darauf angewiesen, dass das Geschäft in den USA wächst. Denn weil dem Konzern in Deutschland die Kunden davonlaufen, setzt der Chef immer mehr auf die Töchter im Ausland. „Das Geschäft außerhalb unseres deutschen Heimatmarktes gewinnt für uns eine immer größere Bedeutung“, sagte er in New York.

In den USA hat die Telekom gerade erst 3,3 Milliarden Euro in neue Mobilfunklizenzen investiert und am Freitag angekündigt, bis 2009 weitere 2,1 Milliarden Euro in den Ausbau des Netzes für schnellen Datenverkehr (UMTS) zu investieren. Im Jahr 2010, so das Ziel, soll die US-Mobilfunktochter die größte Einzelgesellschaft im Konzern sein und ein Viertel des Konzernumsatzes erwirtschaften. Heute sind es bereits 22 Prozent. Das US-Geschäft ist dabei ein wichtiger Bestandteil des Auslandsengagements, aber nicht der einzige. 45 Prozent des Umsatzes von knapp 30 Milliarden Euro im ersten Halbjahr erwirtschaftete die Telekom im Ausland.

Wichtige Märkte sind dabei die Wachstumsregionen Osteuropas, aber auch entwickelte Volkswirtschaften wie Großbritannien. In Österreich hat die Telekom vor wenigen Monaten die Mobilfunkfirma Telering erworben, in Polen kämpft der Konzern seit Jahren um die vollständige Übernahme des größten polnischen Mobilfunkanbieters PTC, die ihr der französische Konzern Vivendi streitig macht. Inzwischen haben Telekom- Manager die Mehrzahl der PTC-Vorstandsposten besetzt, und vor einigen Tagen bestätigte ein Wiener Schiedsgericht, dass die Telekom Eigentümerin von 97 Prozent der PTC-Anteile ist. Damit kommt die Mobilfunksparte T-Mobile auf insgesamt 101 Millionen Kunden, davon 30 Millionen in Deutschland. Zum Vergleich: Im deutschen Festnetz, dem ursprünglichen Hauptgeschäft der Telekom, hatte der Konzern zuletzt nur noch 34 Millionen Anschlüsse. Allein im ersten Halbjahr 2006 verlor die Telekom eine Million Festnetzkunden.

Während die Telekom im Ausland vergleichsweise unbeschwert als Herausforderer alteingesessene Wettbewerber angreifen kann, geht es Ricke in Deutschland vor allem darum, Marktanteile zu verteidigen. Dabei ist es politisch gewollt, dass die Telekom Marktanteile abgibt, damit es überhaupt Wettbewerb gibt. Zuletzt waren die Konkurrenten jedoch erfolgreicher als die Telekom erwartet hatte, im August musste der Konzern seine Umsatz- und Ergebnisprognose reduzieren. Der Aktienkurs stürzte ab. Anfang September legte Konzernchef Ricke ein neues Sieben-Punkte-Programm vor. Dazu gehört neben einem neuen Sparprogramm und einer Service-Offensive – auch hier soll die US-Tochter Vorbild sein –, dass die Telekom in Deutschland nach der Integration von T-Online nun verstärkt darauf setzt, alle Kommunikationsdienste aus einer Hand anzubieten. Neue Kombinationsprodukte aus Festnetz, Internet und Mobilfunk sollen die Kunden an den Konzern binden.

Der Aufsichtsrat, in dem auch ein Vertreter der US-Investmentfirma Blackstone sitzt, billigte das Programm und stärkte Ricke damit offiziell den Rücken. Das bedeutete jedoch nicht das Ende der Gerüchte, Blackstone fordere die Absetzung Rickes. Blackstone hat seit dem Erwerb von 4,5 Prozent der Telekom-Anteile vor einigen Monaten viel Geld verloren. Und Rickes 2007 auslaufender Vertrag steht im kommenden Monat zur Verlängerung an. Dabei fiel das Urteil der Analysten über das Sieben-Punkte-Programm sehr verhalten aus: Nichts Neues, heißt es, oder auch: nicht radikal genug.

„Die Telekom muss flexibler werden“, sagt ein Analyst. „In Deutschland konkurriert sie ausschließlich mit kleinen agilen Firmen, die sich auf lukrative Nischen konzentrieren.“ Ricke wird dabei immer wieder vorgeworfen, er reagiere anstatt zu agieren und handele zu zögerlich. Zwar ist es ihm seit seinem Amtsantritt im November 2002 gelungen, aus dem hoch verschuldeten und defizitären wieder ein profitables Unternehmen zu machen. Doch nun fehle es ihm an zukunftsweisenden Ideen und an Mut. Außerdem habe Ricke viel zu lange zugesehen, wie die einzelnen Konzernsparten Festnetz, Mobilfunk und Geschäftskunden mehr gegen- als miteinander arbeiteten.

Durch die neue Verteilung von Zuständigkeiten im Vorstand hofft Ricke, dieses Problem nun in den Griff zu bekommen. In seinen Augen ist der Wandel der Telekom von einem Monopolisten im Staatsbesitz zu einem „normalen“ Unternehmen eine Generationen übergreifende Aufgabe.

Doch so viel Geduld hat die Börse nicht. Das größte Problem in den Augen der Analysten bleibt der enorme Personalüberhang. Und der bestehe auch dann noch, wenn wie geplant 32 000 Mitarbeiter Ende 2008 die Telekom verlassen haben. Doch genau hier sind Ricke die Hände gebunden. Ein noch radikalerer Einschnitt ist mit der Gewerkschaft Verdi nicht zu machen. Auch politisch ist er nicht durchsetzbar. „Wenn man ein Bauernopfer sucht“, sagt ein Analyst, „dann muss Ricke gehen. Aber unter den Rahmenbedingungen in Deutschland und dem Druck von Verdi sehe ich nicht, wie ein anderer das Steuer kolossal herumreißen soll.“

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