Wirtschaft : "In Deutschland gibt es schon genug Regulierung"

TAGESSPIEGEL: Auf der Welt macht sich eine neue Krisenstimmung breit.Ist die Angst vor einer neuen Weltwirtschaftskrise gerechtfertigt?

DAHRENDORF: Nein, die Vokabel kennzeichnet nur eines der möglichen Szenarien, die eintreten können.Es gibt Unsicherheit über bestimmte Elemente der Weltwirtschaft, zum Beispiel Brasilien, die auf die Welt ausstrahlen können.Schlimmer noch ist, daß ein weiteres Element davon betroffen ist, das sehr schwer wägbar ist: das Vertrauen.Was wir im Augenblick erleben, ist eine tiefe Vertrauenskrise.Das Vertrauen in Finanzinstitutionen ist in den vergangenen Monaten schwer erschüttert worden.

TAGESSPIEGEL: Was bedeutet es, wenn das Vertrauen erst einmal weg ist?

DAHRENDORF: Ich bin nicht pessimistisch, daß es wieder gelingen wird, neues Vertrauen aufzubauen.Ohne Zweifel war das Vertrauen in japanische Banken völlig zerstört.Aber es ist möglich, daß eine japanische Regierung Bedingungen schafft, unter denen sich ein hinlängliches Maß von Vertrauen wieder aufbaut.Wir stehen nicht vor dem Abgrund.Wir haben einen Einbruch.

TAGESSPIEGEL: Wie können denn die Akteure der Weltwirtschaft neues Vertrauen erwerben?

DAHRENDORF: Auf den großen Weltwährungstreffen der vergangenen Wochen herrschte allgemeine Ratlosigkeit.Deshalb waren sie für alle Beteiligten eine große Enttäuschung.Dabei aber kann es nicht bleiben, schon aus psychologischen Gründen: Nur wenige halten es aus, ständig in düsterer Stimmung herumzulaufen.Stimmungen können auch wieder umschlagen und werden es auch wieder tun.Aber ein paar stabile Regierungen würden schon helfen.Es ist überaus mißlich, daß die Vertrauenskrise in einer Zeit passiert, in der Regierungen schwach sind.In den USA, in Rußland, in Italien schwanken die Regierungen.In Deutschland wechselt die Regierung, und die Konsequenzen dieses Wechsels sind noch nicht absehbar.

TAGESSPIEGEL: Steckt die Welt in einer Führungskrise?

DAHRENDORF: Es ist eine Krise, in der nicht eindeutig zu sehen ist, wer die Signale gibt.Und das mindert die Zuversicht, einigermaßen unversehrt aus den Turbulenzen herauszukommen.

TAGESSPIEGEL: Wäre eine weitergehende Regulierung eine Möglichkeit, um die Dinge in den Griff zu bekommen?

DAHRENDORF: In Deutschland gibt es genug Regulierung.In Rußland dagegen braucht man endlich gewisse Regeln.Man muß sich in jedem Gemeinwesen darauf verlassen können, daß bestimmte Regeln eingehalten werden.Ich bin ein großer Anhänger der Regeln der Marktwirtschaft.Aber ich bin kein großer Anhänger der Bürokratisierung wirtschaftlichen oder bürgerlichen Verhaltens.Ich hoffe, daß wir in Deutschland nun nicht eine neue Phase der Planung gehen.

TAGESSPIEGEL: Trotzdem scheint es, als ob immer mehr Leute auf der Welt mehr planen wollen.Die Rede ist beispielsweise von neuen Schranken für den internationalen Kapitalverkehr.

DAHRENDORF: Das einzige, was ich mir da vorstellen kann, ist, ganz kurzfristige Bewegungen von geborgtem Kapital zu erschweren.Darüber hinaus muß man die, die eine stärkere Kontrolle des Kapitalverkehrs haben wollen, fragen: Seid Ihr gewählt worden, um die Leute im Lande ärmer zu machen? Und wenn sie darauf mit Nein antworten, dann sollen sie lieber die Finger davon lassen.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie einen Vorschlag, wie verloren gegangenes Vertrauen zurückgewonnen werden kann?

DAHRENDORF: Mir schwebt ein internationales Gremium vor, in dem Experten Wege finden und zeigen.Das wäre wichtiger, als immer wieder die nächste Milliarde für den Internationalen Währungsfonds zu verhandeln.

TAGESSPIEGEL: Wie kann sich dieses Gremium denn durchsetzen?

DAHRENDORF: Dazu muß man im kleinen anfangen, erst einmal in einigen Ländern.Ein paar Erfolgsgeschichten wären schon gut.In einem solchen Prozeß ist Ermutigung von außen sehr wichtig.Und da sehe ich eine große Aufgabe für die Europäische Union.Das ist zum Beispiel auch das eigentliche Thema ihrer Ost-Erweiterung.

TAGESSPIEGEL: Was muß die neue Bundesregierung tun?

DAHRENDORF: Ich würde gerne ein bißchen mehr darüber wissen, an welchen Fixpunkten sich die neue Regierung orientiert.Kohl galt als berechenbarer.

TAGESSPIEGEL: Welche Fixpunkte wären denn zu setzen?

DAHRENDORF: Es darf keine grundsätzliche Umorientierung geben.Es muß bei der deutschen Sowohl-als-auch-Politik bleiben.Diese Politik steht sowohl für Europa als auch für die atlantische Bindung.Niemand nimmt ernsthaft an, daß es dramatische Veränderungen geben wird.Ich würde ganz gerne das sehen, was Herr Schröder mal vorgeschlagen hat: nämlich nicht nur eine deutsch-französische Nähe, sondern eine, die auch das britische Element einbezieht.Aber wir müssen wohl noch ein paar Wochen warten.

TAGESSPIEGEL: Einer der Schwerpunkte der neuen Regierung wird ein Bündnis für Arbeit sein.

DAHRENDORF: Ein Bündnis für Arbeit stört mich überhaupt nicht.Denn für mich bedeutet die offene Gesellschaft, daß es 101 Möglichkeiten gibt, Dinge im Detail zu organisieren.Der italienische Kapitalismus ist ganz und gar anders als der deutsche, der französische, der britische und der schwedische.Alle haben es auf ihre Weise geschafft, Kräfte zu wecken, die am Ende zum Wohlstand beitragen.Das ist fabelhaft.Deswegen bin ich allerdings kein Anhänger von dritten Wegen.Es gibt 101, oder vielleicht auch 173 oder 94 Wege - jedenfalls nicht nur drei.

TAGESSPIEGEL: Brauchen wir mehr Konsens in Deutschland?

DAHRENDORF: Das ist eine überraschende Frage aus deutschem Mund.In England hätte mich die Frage nicht überrascht.Aber nein: Konsens ist nun wirklich nicht das deutsche Problem.

TAGESSPIEGEL: Wie können wir die notwendigen Reformen hierzulande umsetzen?

DAHRENDORF: Das erste ist: hinhören.Viele Leute hier sind in ihrem tatsächlichen Verhalten schon viel weiter, als die Regierenden das gerne wahrnehmen und aussprechen.Sie sparen schon für das Alter, obwohl es die staatliche Rentenversicherung gibt.Viele haben angefangen, ihr eigenes Leben zu reformieren, bevor die Regierung Reformen ersonnen hat.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben