Wirtschaft : "In Deutschland wird jede Kleinigkeit aufgebauscht"

MARGARITA CHIARI URSULA WEIDENFELD

Peter Witt (59) ist seit 1991 Chef der Deutschen Waggonbau AG (DWA).Nach dem Verkauf an Bombardier 1998 übernahm er die Aktivitäten der kanadischen Gruppe in Deutschland, Österreich und Osteuropa.Außerdem ist der Präsident des Deutschen Bahnindustrieverbandes.

TAGESSPIEGEL: Herr Witt, Managerjobs in der Schienenfahrzeugindustrie sind derzeit Schleudersessel.Die Vorstandsvorsitzenden der Konkurrenz mußten bereits gehen.Haben Sie Angst?

WITT: Nein, ich leide nicht unter Existenzängsten.

TAGESSPIEGEL: Warum sind die deutschen Schienenfahrzeughersteller krank?

WITT: Was heißt krank? Wir gehören auch zur deutschen Bahnindustrie und fühlen uns ganz wohl.Die Industrie hat jetzt auf der Messe in Berlin tolle Leistungen vorgestellt und viel Anerkennung gefunden.

TAGESSPIEGEL: Was unterscheidet Sie von den anderen?

WITT: Wir haben mit dem Restrukturierungsprozeß früher anfangen müssen.Die DWA war ein ostdeutsches Unternehmen und hatte einmal 25 000 Beschäftigte, Ende 1996 waren es gerade noch 3827.Darauf bin ich nicht stolz, aber es zeigt, daß wir schon in einer Zeit restrukturieren mußten, als es allen anderen noch gut ging.Wir haben die Firma runderneuert, unsere Wettbewerber haben damit später begonnen - und sie haben es vielleicht bisher nicht so intensiv gemacht, wie wir es damals mußten.Heute sind wir in der glücklichen Lage, Geld zu verdienen, obwohl wir fast dieselben Aufträge haben.

TAGESSPIEGEL: Wird es weitere Fusionen geben?

WITT: Das kann ich nicht ausschließen.

TAGESSPIEGEL: Gehen Sie mit Siemens zusammen - zumindest in Teilbereichen?

WITT: Das habe ich auch mehrfach von Dritten gehört.Da ist aber nichts dran.Wir arbeiten mit Siemens in verschiedenen Konsortien gut zusammen, etwa beim neuen Hochgeschwindigkeits-Neigezug ICT.

TAGESSPIEGEL: Jedem Unternehmen Ihrer Branche sind in den vergangenen Monaten Schlamperei und die Auslieferung fahruntüchtiger Produkte vorgeworfen worden.Hat das etwas mit dem Umbruchprozeß der Branche zu tun?

WITT: Machen wir uns doch nichts vor: Die Autohersteller haben tausende von Autos in die Werkstätten gerufen, um Teile auszutauschen.Oder sie haben die Autos gar nicht erst ausgeliefert.Da nimmt man das offenbar so hin.Bei uns dagegen erregt jede Rückrufaktion, so nichtig der Anlaß auch sein mag, ein erhebliches öffentliches Aufsehen.

TAGESSPIEGEL: Vielleicht, weil in einem Auto gewöhnlich nicht mehr als vier Personen sitzen, in Eschede dagegen mehr als hundert Menschen ums Leben kamen?

WITT: Es ist längst nicht klar, wie das schreckliche Unglück technisch zu bewerten ist.Da laufen noch Untersuchungen.

TAGESSPIEGEL: Aber die Bahn hat danach auch andere Züge zurückgerufen.

WITT: Diese Rückrufaktionen sind anders gelagert.Wir zum Beispiel haben Doppelstockwagen zurückgerufen.Wir diskutieren heute noch darüber, ob es so überhaupt notwendig war.Wichtig ist, daß zu keiner Zeit ein Sicherheitsrisiko bestanden hat.

TAGESSPIEGEL: Geht die Bahn anders mit Ihnen um als zu der Zeit, als sie noch ein staatliches Unternehmen war?

WITT: Da hat es in der Tat gravierende Veränderungen gegeben.Früher hat die Bahn einen ihrer Lieferanten zum Generalunternehmer bestimmt, hat aber die Komponenten selber eingekauft.Der Generalunternehmer hat diese Komponenten zusammengebaut.Das heißt, daß die Bahn am Bau und der Entwicklung der Waggons beteiligt war.Sie hatte die Verantwortung für das Ganze.Dann wurde die Bahn privatisiert, und das Rollenspiel veränderte sich.Dieselbe Bahn hat angefangen, komplette Fahrzeuge zu bestellen.Die Hersteller haben diese Fahrzeuge in eigener Verwantwortung gebaut.

TAGESSPIEGEL: Und das können Sie nicht?

WITT: Natürlich können wir das.Aber zugleich sind Innovationsschübe von statten gegangen, wie wir sie bislang nicht kannten.Die Eisenbahn ist nicht mehr aus Eisen, sondern aus Aluminium.Sie ist leichter, sie ist komplizierter geworden.Die Elektronik hat die Elektrik abgelöst.Diesen Verlagerungsprozeß mußte die Industrie alleine bewältigen, den Integrationsprozeß vollziehen, ohne daß die Bahn sich daran wie gewohnt beteiligt hat.Hier hat es die von Ihnen angesprochenen Pannen gegeben.Es sind Fahrzeuge ausgeliefert worden, die waren noch nicht ausgereift und genügend erprobt.Und es sind Fahrzeuge in den Betrieb gegangen, die haben dann nicht funktioniert.Da ist dann mal eine Tür nicht richtig zugegangen oder die Neigetechnik hat versagt.

TAGESSPIEGEL: Wegen einer Tür wird kein Zug zurückgerufen.

WITT: Doch, das ist ja das Fatale.Früher fuhr ein Zug auch dann noch an, wenn eine Tür nicht richtig zu war.Heute geht das nicht mehr.Die Fahrzeugtechnik ist heute so vernetzt, daß Sie einen Zug nicht mehr aus dem Bahnhof bekommen, wenn eine Kleinigkeit nicht stimmt.

TAGESSPIEGEL: Verlangt die Bahn mehr von Ihnen, als Sie leisten können?

WITT: Das kann man so generell nicht sagen.Wenn Sie ein neues Auto kaufen, dann wollen Sie auch das Neueste haben.Das ist das natürliche Verhalten eines Kunden.Wir müssen uns bei den technisch hoch komplizierten Fahrzeugen von heute nur längere Entwicklungs- und Erprobungszeiten ausbedingen, dann können wir jedem Verlangen gerecht werden.Aber zurück zu den Pannen: Wir nehmen Probleme bei der deutschen Bahn ganz anders wahr als solche, die beispielsweise die französische Bahn mit ihren Lieferanten hat.Es ist schon vor Jahren beklagt worden, daß in Deutschland jede Kleinigkeit aufgebauscht wird.Die Franzosen haben da einen ganz anderen Corpsgeist.Da lesen Sie über solche Probleme nichts.

TAGESSPIEGEL: Sind die Medien schuld?

WITT: Natürlich nicht.Aber die Bahnindustrie ist nun einmal eine nationale Veranstaltung, die national wahrgenommen wird.An Auswirkungen für heimische Arbeitsplätze denkt natürlich keiner, wenn eine ganze Industrie kritisiert wird.

TAGESSPIEGEL: Die Franzosen verkaufen ihre nationale Veranstaltung weltweit, wir nicht.Warum ist das so?

WITT: Der ICE ist ein hervorragendes Zugsystem.Und wenn Sie sich beide ansehen, den ICE und den TGV, dann sieht man auch, daß es sich doch um unterschiedliche Fahrzeuge handelt, was die Ausstattung angeht.Das führt zu Preisunterschieden, und es wird heute einfach sehr viel über den Preis und über die Finanzierung verkauft.Gerade da haben die Wettbewerber zum Teil große Vorteile gegenüber der Industrie in Deutschland.

TAGESSPIEGEL: Und das nehmen Sie einfach so hin, wenn Sie Ihren Zug trotz intensivster Werbebemühungen im Ausland nicht verkauft kriegen?

WITT: Das wird nicht einfach so hingenommen.Aber erstens hat es bedauerlicherweise noch gar nicht so viel Bedarf für Hochgeschwindigkeitszüge gegeben, weil die Systeme komplex und teuer sind.Und zweitens haben die Deutschen so schlecht gar nicht abgeschnitten.Immerhin ist der ICE in die Niederlande verkauft worden, und eine Kombination aus ICE und TGV hat gute Aussichten, in Taiwan zum Einsatz zu kommen.Aber man muß sich immer klar sein, daß Schienenfahrzeuge ins Ausland in der Regel nur als Blaupausen verkauft werden.Ausländische Auftraggeber verlangen, daß ein großer Teil der Fertigung der Fahrzeuge im Land selbst stattfindet.

TAGESSPIEGEL: Welche Rolle spielt das sogenannte Kompetenzzentrum Berlin noch, wenn die Aufträge doch nicht hier gebaut werden?

WITT: In Berlin kann man wie in keiner anderen Stadt das Zusammenwirken verschiedener Verkehrssysteme erleben.Hier ist die Industrie ansässig, hier weiß man eine Menge über Verkehr und über Verkehrssysteme.Dann aber ist Berlin auch eine idealtypische Stadt, in der einfach alles vorhanden ist.Flughäfen, S- und U-Bahnen, Busse, Tram-Bahnen, Fernverkehrszüge, Hochgeschwindigkeitssysteme, Binnenschiffe.Das alles finden Sie hier auf einer überschaubaren Fläche und im Zusammenwirken.

TAGESSPIEGEL: Und wenn Ihre Geschäftspartner in Tegel landen und mit dem Bus weiterfahren müssen?

WITT: Es ist sicher noch nicht alles perfekt.Die Berliner Verkehrssituation ist immer noch ein Produkt der Teilung der Stadt.Aber Tegel wird ja wohl geschlossen.Die Vorzeigeverkehrsstadt Berlin sehe ich erst, wenn die Bahn ihre großen Investitionen abgeschlossen hat, wenn aus drei Flughäfen zwei geworden sind und Schönefeld vernünftig ausgebaut wurde.

TAGESSPIEGEL: Zwei Flughäfen?

WITT: Ich finde, der Flughafen in Tempelhof sollte in jedem Fall erhalten bleiben.Für die Regierung und die regionale Anbindung.

TAGESSPIEGEL: Braucht Berlin den Transrapid?

WITT: Wir können und wollen uns der technischen Entwicklung nicht in den Weg stellen.Jeder, der sich mit Verkehrsbewältigung beschäftigt, weiß, daß der Magnettechnik in Zukunft eine überragende Rolle zukommen kann.Und wenn bei den Kosten vielleicht doch nicht alles ausgereizt ist, Einsparungen also noch möglich sind, dann kann das ein großer Erfolg werden.Das sollten wir uns als Gesellschaft erlauben können.

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