Wirtschaft : In einem Sack mit der schwarzen Katze

EDITH HELLER

WARSCHAU .Im Stadion im Warschauer Stadtteil Praga weht ein kalter Wind.Schon lange werden hier keine sportlichen Wettkämpfe mehr ausgetragen.Auf der Zuschauertribüne reiht sich ein Verkaufsstand neben den anderen.Hier arbeiten etwa 9000 Verkäufer und 27 000 Zulieferer.Vom Handel im Stadion - Polens fünftgrößter "Firma" mit zuletzt fast einer Mrd.DM Jahresumsatz - leben etwa 250 000 Menschen.Aber nun geht die Angst um: Die Krise in Rußland kann für den Moloch das "Aus" bedeuten.

Auf dem Parkplatz vor Polens größtem Basar stehen nur noch drei, vier Busse mit russischem Kennzeichen - ein Zehntel dessen, was normalerweise hier anzutreffen ist."Schauen Sie sich doch um", meint ein Verkäufer von wattierten Nylonjacken - "früher konnte man sich hier kaum durchzwängen.Und jetzt?" Mit einer vielsagenden Geste zeigt er auf die nahezu menschenleere Tribüne.Billige Kleidung, Schuhe, Kosmetik, Elektroartikel - alles ging bislang vor allem an Kunden aus Rußland, Weißrußland und der Ukraine.

Direkt betroffen von dem Einbruch des Rubels sind etwa 20 000 polnische Firmen, die ihre Produkte entweder in die GUS exportieren oder auf den Basaren in Polen an russische Kundschaft verkaufen.Seit Beginn der Krise vor einem Monat reduzieren die Russen ihre Bestellungen oder kündigen bestehende Verträge.So erlitt etwa der an der Warschauer Börse notierte Lebensmittelexporteur Animex einen Verkaufsrückgang von 50 Prozent.Stanislaw Gomulka von der London School of Economics und Berater der polnischen Regierung schätzt das zu erwartende Loch in Polens Handelsbilanz auf ein bis zwei Mrd.Dollar ein.

In einer schwierigen Lage ist auch der Gasimporteur Bartimpex, der Lieferungen im Wert von 400 Mill.Dollar pro Jahr bislang mit polnischen Produkten bezahlte.Nun - so fürchtet man in polnischen Regierungskreisen - wird der russische Lieferant Gasprom auf Devisenzahlung drängen."Da Polen 70 Prozent seines Gasverbrauchs aus dem Osten importiert, hätte eine Gaskrise sofortige Auswirkungen auf zahlreiche polnische Firmen", befürchtet der Berater des Finanzministers, Miroslaw Gronicki.Erdöl könnte Polen auf anderen Märkten kaufen, müßte aber dann mit einer Teuerung von zwei Dollar pro Barrel rechnen.

Polens Banken hingegen haben weniger gelitten als manches westliche Finanzinstitut.Ihr gesamtes Rußland-Engagement wird von Experten auf umgerechnet nur 250 Mill.DM geschätzt.Viele von ihnen begrenzten ihre Rußland-Kredite schon seit einigen Monaten.Denn, sagt Marcin Olkowicz von der polnischen Investmentbank PBI, "diese Krise zeichnete sich schließlich bereits seit Monaten ab".Auch die Präsidentin der polnischen Nationalbank, Hanna Gronkiewicz-Waltz, hatte Anfang August vor einer bevorstehenden Finanzkrise in Rußland gewarnt.

Voll erwischt hat die Rubelkrise jedoch die Warschauer Börse.Schon in den ersten Tagen fiel der Warschauer Börsenindex WIG um 9,5 Prozentpunkte, im Laufe eines Monats betrug der Rückgang 30 Prozent.Von 164 an der Börse gehandelten Aktien melden fast alle Kursverluste.Einige Firmen, die im Herbst neu an die Börse gehen wollten, haben ihr Debüt verschoben, und in Warschau wird spekuliert, ob die für Oktober vorgesehene Privatisierung der polnischen Telekom nicht verschoben wird.

Auf dem Finanz- und Aktienmarkt ist die Tendenz jedoch nicht eindeutig negativ.Viele ausländische Investoren - so etwa der amerikanische Reifenhersteller Goodyear und einige westliche Banken - nutzen die Baisse, um günstig einzukaufen.Auch die Investment-Bank Dresdner Kleinwort Benson riet in ihrem Anfang der Woche veröffentlichten Report zum Kauf polnischer Aktien."Wenn man die sehr gute Situation der polnischen Wirtschaft in Betracht zieht, haben wir mit einer hervorragenden Gelegenheit zum Aktienkauf zu tun", heißt es in dem Bericht.

Nach dem Abzug von kurzfristigem Spekulationskapital und dem daraus resultierenden Kursverlust des Zloty stieg die Nachfrage ausländischer Investoren nach längerfristigen polnischen Staatsobligationen.Das führte sogar zu einem vorübergehenden Anstieg des Zlotykurses.Obwohl der Wert des Zloty seit Beginn der Krise um etwa acht Prozent gesunken ist, stiegen die Devisenreserven der Nationalbank im gleichen Zeitraum um 600 Mill.Dollar auf 25 Mrd.Dollar.

Aufgrund solcher Wirtschaftsdaten werden die Folgen der Rußlandkrise für Polens Wirtschaft von Experten nicht dramatisiert - im Gegenteil.Stanislaw Gomulka erwartet einen Rückgang des Rußlandexports um 20 Prozent - mehr nicht, denn der Großteil des Exports besteht aus Grundnahrungsmitteln und Hygieneartikeln, auf die Rußland auch weiterhin nicht verzichten wird.Dies würde einen Rückgang des für dieses Jahr geplanten Wirtschaftswachstums um einen Prozentpunkt von 6,1 auf 5,1 Prozent des BIP bedeuten.Damit würde die polnische Wachstumsrate weiterhin zu den höchsten in Europa zählen.

Einige polnische Wirtschaftsexperten hoffen sogar, daß ihr Land von der gegenwärtigen Krise profitiert - so zum Beispiel Barbara Jarzembowska von der staatlichen Agentur für Auslandsinvestitionen PAIZ.Sie rechnet damit, daß "diejenigen, die in dieser Region investieren wollen und bislang Rußland in Betracht zogen, sich nun für Polen entscheiden könnten".Etwas weniger optimistisch ist der einstige Chef der Warschauer Börse und heutige Leiter von Deloitte & Touche in Polen, Leslaw Paga."Aus ausländischer Sicht steckt unser Land in einem Sack mit Rußland.Selbst wenn in einem Sack mit schwarzen Katzen auch eine weiße sitzt, dann sind sie doch noch immer in einem Sack", meint er.Polen, so Paga, müsse dem Westen noch beweisen, daß seine Wirtschaft von der russischen unabhängig ist.

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