Wirtschaft : In Entwicklungsländer fließt so viel privates Geld wie noch nie

Banken befürchten neue Schieflagen. Vor allem Hedgefonds könnten das Risiko unterschätzen

Rolf Obertreis

Washington - Banken und andere Privatinvestoren werden in diesem Jahr so viel Geld in Entwicklungs- und Schwellenländer überweisen wie nie zuvor. Insgesamt wird der Geldstrom von privater Seite rund 345 Milliarden Dollar erreichen, schätzt die private Bankenvereinigung IIF. Diese Überweisungen, die weltweit überreichlich vorhandene Liquidität, das niedrige Zinsniveau und zu geringe Risikoaufschläge könnten möglicherweise zu neuen finanziellen Schieflagen führen, weil Institute und vor allem Hedgefonds zu große Risiken eingehen, hieß es am Rande der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank in Washington.

Klaus-Peter Müller, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken und zugleich Chef der Commerzbank, forderte deshalb in der US-Hauptstadt endlich mehr Einblick in die Aktivitäten milliardenschwerer amerikanischer und britischer Hedgefonds. „Dass wir von diesen Marktteilnehmern nicht mehr kennen als die Postanschrift, ist kein Zeichen für Transparenz.“

Allerdings sperren sich vor allem die USA und Großbritannien gegen solche Maßnahmen, obwohl dies, so Müller, nichts mit Regulierung zu tun habe. Citibank-Chef und IIF-Vizepräsident William Rhodes wies in Washington darauf hin, dass 1996 mit 323 Milliarden Dollar der alte Rekord beim privaten Kapitalzufluss in die ärmeren Länder verzeichnet worden war. „Dann kam 1997, dann 1998 und dann die Asienkrise“, umschrieb er sein Unbehagen im Blick auf die neuen Rekord-Überweisungen.

Der Zusammenbruch der Immobilienmärkte und die Schieflage von Banken vor allem in Thailand und Indonesien hatten Ende der neunziger Jahre eine globale Finanzkrise ausgelöst und besonders Lateinamerika und Russland in Mitleidenschaft gezogen.

42 Prozent des privaten Kapitals, das in diesem Jahr in Entwicklungs- und Schwellenländer fließt, entfällt auf Asien und davon wiederum der allergrößte Teil auf China. 2006 soll dieser Anteil weiter auf 46 Prozent steigen.

Die privaten Gelder und die gestiegene staatliche Entwicklungshilfe 2005 können nicht verhindern, dass die ärmeren Länder auf Grund von Zins- und Tilgungszahlungen netto mehr Geld an den Norden überweisen, als sie erhalten. „Das zeigt die zentrale Bedeutung von privaten Kapitalströmen für die Weltwirtschaft“, sagte Rhodes.

Angesichts des Umfeldes müsse Vorsicht derzeit die oberste Maxime für Risiko-Manager, Investoren und Finanzinstitutionen sein, sagt nicht nur der Citibank-Chef. „Wir schreien nicht Alarm, aber wir haben Sorge über mögliches unbesonnenes Verhalten“, betonte Banken-Präsident Müller. Von einer „Liquiditätsblase“ sprechen sogar schon andere Banker. „Da werden möglicherweise falsche Risiken zu falschen Preisen in die Bücher genommen“, beschrieb Müller die Lage. Allerdings warnt er auch vor einer Dramatisierung. „Das kann zum Unglück für das eine oder andere Institut werden, nicht aber für das ganze System.“ Das Weltfinanzsystem sei heute in einer bedeutend stabileren Lage als im Vorfeld der Asienkrise. Ähnlich argumentiert der IWF in einer unlängst vorgelegten Analyse.

Auch Bundesbank-Präsident Axel Weber wie auch die Europäische Zentralbank (EZB) betrachten die Entwicklung mit gewissem Unbehagen. Die Notenbanken müssten alles tun, um die weltweit überreichlich vorhandene Liquidität einzudämmen, sagt Weber. Was das für die Geldpolitik bedeutet, ließ der Bundesbank-Präsident in Washington aber offen.

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