Wirtschaft : In Europa gibt es keinen Fall Enron – noch nicht

Nationale Eigenarten, fehlende Kontrollinstanzen und Mängel bei den Bilanzierungsrichtlinien verhindern nötige Transparenz

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Von Daniel Schwammenthal

Ein Zusammenbruch wie bei Enron ist Europa bislang erspart geblieben, wenngleich das nicht, wie die Wirtschaftsprüfer meinen, auf die strengen Bilanzierungsrichtlinien zurückzuführen ist. Der Grund dafür ist vielmehr, dass die Behörden Unregelmäßigkeiten, wie sie bei dem amerikanischen Energiegiganten aufgedeckt wurden, wahrscheinlich gar nicht bemerken würden.

„In Europa wäre Enron niemals aufgeflogen. Der Konzern wäre immer noch auf dem Markt und würde satte Gewinne melden“, sagt James Leisenring, Mitglied des Gremiums, das in London die Internationalen Bilanzierungsrichtlinien (International Accounting Standards: IAS) festlegt. Die Bilanzierungsrichtlinien in Europa weisen erhebliche Mängel auf. Jedes Land hat seine eigenen Bestimmungen. Dabei haben manche Länder noch nicht einmal eine Behörde, die Bilanzen prüft. Und der Bilanzierungsdschungel des Kontinents könnte noch undurchsichtiger werden, wenn in zwei Jahren neue Mitglieder der Europäischen Union beitreten.

Offiziell wird von der EU auf die Internationalen Bilanzierungsrichtlinien verwiesen. Die Schwächen würden beseitigt, sobald diese Richtlinien 2005 verbindlich akzeptiert würden. Die Regeln sind streng. Sie verbieten Tricks, wie Enron sie praktiziert hat, zum Beispiel Schulden vor den wachsamen Augen der Anleger als Sonderinvestitionen zu kaschieren.

Aber bis dahin bleiben die schwächeren nationalen Bestimmungen in Kraft. Die italienischen Unternehmen beispielsweise können Gründungs- und Forschungskosten unter Aktiva verbuchen. Und in Italien, Deutschland und bis zu einem gewissen Grade auch in Frankreich können Firmen wie Enron immer noch Schulden als Sonderinvestitionen deklarieren.

Auch bei Aktienoptionen und Pensionsverbindlichkeiten gibt es Probleme. Nach den Internationalen Bilanzierungsrichtlinien müssen Optionen wie Geschäftskosten behandelt werden. Aber in Deutschland, Italien, Frankreich und anderen europäischen Ländern müssen sie bislang in der Bilanz nicht auftauchen. Die Internationalen Bilanzierungsrichtlinien schreiben auch die präzise Bewertung der Pensionsverbindlichkeiten vor. Das geltende nationale Recht erlaubt den europäischen Unternehmen dagegen oft, diese Belastungen unterzubewerten.

Auch wenn die neuen Regeln in Kraft getreten sind, wird es in Europa vielleicht weiterhin an einer effektiven Durchsetzbarkeit mangeln. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC prüft die Bilanzen der Unternehmen und weist sie an, nicht korrekte Erklärungen neu auszufüllen. Europa hat keine entsprechende Behörde, und nur wenige der nationalen Einrichtungen verfügen über so weit reichende Kompetenz.

Fast die Hälfte der europäischen Länder aber hat überhaupt keine Behörde, die Bilanzen prüft. Darunter sind Deutschland, die Niederlande, Österreich, Irland, Finnland und Luxemburg. In den meisten anderen Ländern findet nur eine stichprobenartige Überprüfung statt. Diese Mängel werden sich noch verschlimmern, wenn im Jahre 2004 bis zu zehn Länder der EU beitreten werden. Es handelt sich hierbei meist um frühere kommunistische Länder, die keine große Erfahrung mit Börsen und Bilanzen haben.

Die nahe liegende Lösung wäre die Schaffung einer europäischen Börsenaufsicht. Doch dazu wird es kaum kommen. Die Traditionen der Aufsicht sind in Europa zu unterschiedlich und daher nur schwer in Einklang zu bringen. Und die nationalen Behörden geben nur ungern Kompetenzen an Brüssel ab.

Helfen könnte eine strengere Umsetzung des nationalen Rechts bei gleichzeitig enger Koordinierung in Europa. Doch Regeln à la carte würden es den Unternehmen ermöglichen, sich nach dem Land mit den geringsten Anforderungen umzusehen. Hinzu kommt, dass ein deutscher Buchprüfer die Dinge nicht genauso sehen wird wie ein griechischer.

Und während Europa noch zögert, haben die USA gehandelt. Der Kongress hat in der vorvergangenen Woche ein Gesetzespaket verabschiedet, das als Meilenstein gilt und die Bilanzierungsrichtlinien und die Strafen für Bilanzdelikte deutlich verschärft, ein Paket, das diese Woche von Präsident Bush unterzeichnet werden soll.

Die Texte wurden übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Einschlag), Svenja Weidenfeld (Enron), Christian Frobenius (Bertelsmann), Gregor Hallmann (Manager) und Matthias Petermann (Agrarreform).

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