Wirtschaft : "In Krankenhäusern warten riesige Aufgaben auf uns"

HENRIK MORTSIEFER

Dienstleister haben den Gesundheitsmarkt entdeckt/Kostendruck zwingt Kliniken zum OutsourcingVON HENRIK MORTSIEFER

"Ich muß wie ein Unternehmer denken, aber mir fehlen die Instrumente, um mich am Markt behaupten zu können." ­ Wenn Bernhard Motzkus seine Aufgaben als Krankenhaus-Manager beschreibt, schwankt er zwischen Resignation und Aufbruchstimmung.Als Leitender Direktor ist Motzkus für die Verwaltung der Berliner Virchow Klinik und der Charité verantwortlich.Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen und die Konkurrenz privater Kliniken haben auch in der Verwaltung der renommierten Berliner Häuser Fragen der Wirtschaftlichkeit und Effizienz der Krankenbetreuung auf die Tagesordnung gesetzt."Wir sind zwar keine Gesundheitsbehörde mehr", betont Motzkus und verweist auf die Klinik-Bereiche, die inzwischen in der Regie privater Dienstleistungsfirmen wie kleine Unternehmen betrieben werden."Das öffentliche Dienstrecht verhindert aber, daß wir auch in der Verwaltung konsequent rationalisieren." Die Bezahlung nach dem Bundesangestelltentarif biete keine Leistungsanreize, wenig Flexibilität, die Fehlquote liege bei 30 Prozent.Motzkus klagt, "alle erwarten, daß wir Weltmeister beim Kostensparen sind, aber das Dienstrecht wird wie eine heilige Kuh behandelt". Dort, wo das Gesetz keine Grenzen zieht, bedienen sich viele öffentliche Krankenhäuser mittlerweile wie Wirtschaftsunternehmen des Outsourcings, also der Auslagerung aller Klinik-Bereiche, die in Eigenregie zu kostspielig geworden sind und die den öffentlichen Versorgungsauftrag nicht berühren.Externe Dienstleister haben so vielerorts die Verpflegung der Patienten und Mitarbeiter übernommen, waschen die Wäsche oder sorgen für Sauberkeit und Sicherheit auf dem Gelände.Auch Labordienste und die zentrale Sterilisation werden oftmals außer Haus erledigt. Im Berliner Virchow-Klinikum hat mit Pedus Service, einem Geschäftsbereich der Peter Dussmann GmbH & Co.KG., einer der Großen der Branche die Vollverpflegung übernommen.Dussmann, der weltweit insgesamt mehr als 37 000 Mitarbeiter beschäftigt, machte im vergangenen Jahr allein im Bereich Gesundheit und Senioren einen Umsatz von 343 Mill.DM.Mit dem Catering in Krankenhäusern und Seniorenzentren, Betriebs- und Schulrestaurants erwirtschaftete der Dienstleister 486 Mill.DM.Die zuständige Geschäftssparte Pedus Service, deren Aufgabenspektrum auch den Flugzeug-Service und das Gebäude-Management umfaßt, trug 78 Prozent zum Gesamtumsatz der Dussmann-Gruppe bei ­ 1996 über 1,2 Mrd.DM.Pedus koche im Virchow-Klinikum täglich 1300 Patienten-Essen, darunter auch Diät-Kost, und 600 bis 800 Mahlzeiten für die Krankenhaus-Mitarbeiter, erklärt der Berliner Niederlassungsleiter Walter Schilling.Zudem werden zwei Cafeterien und ein Mini-Shop bewirtschaftet."Wir produzieren just in time", so Schilling. Spardiskussion und Gesundheitsreform machen sich freilich auch beim Pedus-Ergebnis bemerkbar.So sank der Anteil am Gesamtumsatz des Bereichs Gesundheit und Senioren im vergangenen Jahr um zwei Prozent.Kein Grund für Geschäftsführer Hans-Herbert Nebel auf lange Sicht pessimistisch zu sein: "Im Krankenhaus-Bereich warten riesige Aufgaben auf uns." Vor allem bei der kaufmännischen Führung vieler Häuser sieht Nebel große Potentiale für Rationalisierungen und mehr Effizienz."Die Kostenstruktur der Kliniken ist bis dato nicht transparent gemacht worden", so der Pedus-Chef.Die Zuordnung von Betriebskosten, die Datenverwaltung, das Vertrags- und Rechnungswesen ­ Nebel macht eine lange Liste von Versäumnissen im Krankenhaus-Management auf.Die Lösungen, die der Dienstleister anbietet, sind im Detail ausgefeilt und reichen bis in den letzten Winkel der Krankenhaus-Organisation.Optimal, so Nebel, wäre die Bündelung aller Service-Aufgaben in den Händen eines Anbieters."Interne Konzentration" lautet das Schlagwort. Ein Modell, das auch Virchow-Manager Motzkus attraktiv findet, das sich aber in die Realität der öffentlichen Kliniken nicht übertragen läßt."Wir sind bei der externen Auftragsvergabe zur öffentlichen Ausschreibung verpflichtet", erklärt er.Die Konzentration aller ausgelagerten Bereiche bei einem privaten Anbieter sei im Wettbewerb nicht möglich, eine Vergabekommission wache zudem über die Verteilung.Das Procedere habe freilich auch einen großen Vorteil: Es verhindere, daß die Klinik "mit einer einzigen Dienstleistungsfirma verheiratet ist" und von deren Wohlergehen abhänge.Qualität habe für die Klinik oberste Priorität, unabhängig davon, wer sie liefere. "Qualitätsmanagement ist in den Krankenhäusern eine feste Größe geworden", weiß auch Bernhard Rappenhöner vom Institut für empirische Gesundheitsökonomie in Odenthal bei Köln."Nach 20 Jahren Kostendämpfung ist das System an die Grenzen seiner Finanzierbarkeit gelangt", so der Experte.Viele Krankenhäuser könnten aufgrund des enormen Kostendrucks gar keine betriebswirtschaftliche Kreativität mehr entfalten.Um die Organisationen effizienter zu machen, seien zudem vielfach erst Investitionen notwendig, für die das Geld fehle.An ein vernünftiges Marketing sei gar nicht zu denken.Private Dienstleister seien hier an den richtigen Stellen sinnvolle Partner der Kliniken. Berhard Motzkus warnt gleichwohl vor einer Gefahr, die auf einem expandierenden Dienstleistungsmarkt ­ "den jetzt viele entdecken" ­ auf die Kliniken zukommen könnte.In Zeiten knapper Budgets machten sich zunehmend Billig-Anbieter breit, die mit attraktiven Dumping-Angeboten aber zweifelhafter Qualität lockten."Wenn wir uns darauf einlassen, könnte das Modell Outsourcing irgendwann umkippen", warnt Motzkus.

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