Wirtschaft : In Peking kostet der neue Harry-Potter-Film nur 1,10 Euro

Harald Maass

Der Mann bemüht sich gar nicht erst zu flüstern. "Mister! DVD, CD, VCD!", ruft er den Passanten vor dem Pekinger Freundschafts-Kaufhaus zu. Aus einer Plastiktüte zieht er seine Ware hervor. Den neuen "Hali bote"-Film (Harry Potter) auf DVD gibt es für acht Yuan - rund 1,10 Euro. Britney Spears neueste CD kostet zehn Yuan (1,40 Euro). Hunderte Hollywood-Filme und Musik-CDs werden hier zu Spottpreisen angeboten.

Die Filme und CDs sind Raubkopien. Südchinesische Hinterhoffabriken produzieren jährlich Millionen Raubkopien von Filmen und Musik-CDs, die von Straßenhändlern, auf Märkten und manchmal sogar in den staatlichen Kaufhäusern verkauft werden. Ausländische Filmstudios und Plattenfirmen gehen bei dem illegalen Handel leer aus. Und mit ihnen ein Großteil der westlichen Industrie. Von hochwertigen Industriegütern, über Markenkleidung bis hin zu Haarwaschmitteln - in China wird alles gefälscht. Die Firma Unilever deckte 1998 in China mehr als 100 Fabriken auf, die gefälschte Unilever-Produkte herstellten. Ein Jahr später waren es bereits 214 illegale Fabriken.

Der mangelnde Schutz der Urheberrechte ist einer der wirtschaftlichen Streitpunkte, die US-Präsident George W. Bush bei seinem Besuch in Peking beschäftigen. In vergangenen Jahren hatte Washington mit Handelssanktionen gedroht, falls Peking die Urheberrechte der US-Firmen nicht schütze. 1995 hatten die beiden Staaten ein Abkommen zum Schutz des geistigen Eigentums geschlossen. Verbessert hat sich seitdem nichts. China habe noch einen "langen Weg" vor sich, um die WTO-Kriterien zum Patentschutz einzuhalten, erklärte der Vize-Handelsbeauftragte der US-Regierung, Joseph Papovich, im Januar in Peking.

Auffälligstes Beispiel sind raubkopierte Kinofilme und Musik-CDs, deren Handel von der einer Mafia im industriellen Maßstab organisiert wird. Die illegalen DVD sind in China so verbreitet und so billig, dass kaum noch jemand ins Kino geht. Auch chinesische Musiker und Filmemacher klagen über die Piraterie.

Der Markenschwindel hat sämtliche Industriezweige erfasst. Ein Großteil der verkauften Autoersatzteile sind Fälschungen. Die Chemiefirma Henkel schätzt, dass 30 Prozent der in chinesischen Supermärkten angebotenen Seifen und Cremes der Marke "Fa" gefälscht sind. Henkel wollte deshalb seine Produkte mit einem Hologramm schützen. Aber: Noch vor der Einführung des Hologramms tauchten in Supermärkten gefälschte Henkelprodukte auf - mitsamt dem gefälschten Hologramm.

Mindestens 90 Prozent der in China verwendeten Computerprogramme sind Raubkopien, schätzen Branchenkenner. Selbst in chinesischen Regierungsbüros wird zum Teil mit illegalen Windows-Kopien gearbeitet. "In ganz Asien gibt es Software-Piraterie, aber hier ist es entschieden schlimmer als in den anderen Ländern", erklärte US-Vertreter Papovich. Peking müsse endlich mehr gegen die gegen die Markenpiraten unternehmen und schärfere Sanktionen verhängen.

Allerdings rechnet man auch in der US-Regierung nicht damit, dass sich in absehbarer Zeit etwas in China verbessert. Chinas Markenpiraten sitzen oft in ehemaligen Staatsfabriken, manchmal auch in den Kasernen der Volksbefreiungsarmee, und verfügen über enge Kontakte zu politischen Führern. Pekings Zentralregierung hat nur wenig Einfluss, um den illegalen Handel zu stoppen. Als im vergangenen November der Harry Potter-Film in London seine Kinopremiere feierte, tauchten bereits drei Tage später in China die ersten Raubkopien auf. Die Fälscher hatten den Film in einem Kino mit einer Digitalkamera abgefilmt und - mitsamt den Publikumslachern - auf DVD gepresst.

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