Wirtschaft : In Rußland sucht die Führungsspitze hektisch nach Lösungen

ELKE WINDISCH

MOSKAU .Der jüngste Börsencrash in Rußland kam nicht aus heiterem Himmel.Ins Rollen brachte die Lawine ein Gesetz der Duma, die Anfang Mai beschlossen hatte, den Anteil ausländischer Investoren an staatlichen russischen Unternehmen auf 25 Prozent zu begrenzen.Eigentlich hatten die Abgeordneten mit dem Gesetz den verhaßten Ex-Vizepremier Anatolij Tschubais in die Bredouille bringen wollen.Ihn hatte Boris Jelzin zum Regierungsbevollmächtigten in Rußlands Stromgiganten Rao Jees ernannt, in dem ausländisches Kapital mit 28 Prozent vertreten ist.

Nicht bedacht hatte das Parlament dabei offenbar, daß die Verunsicherung ausländischer Anleger sich zwangsläufig auf den gesamten russischen Wertpapiermarkt niederschlagen würde, denn die Strom-Aktien machen 17 Prozent aller im Umlauf befindlichen russischen Wertpapiere aus.Erste Einbrüche verzeichnete die Börse daher bereits Mitte Mai.Am Mittwoch dann sank der Kurs im Durchschnitt um 13 Prozent und am Donnerstag in der ersten Tageshälfte um weitere sieben Punkte.Selbst Spitzenunternehmen notierten bei Börsenschluß unter dem Niveau von Dezember 1996.Investoren reagierten mit Panikverkäufen.

Der Rückzug ausländischen Kapitals brachte auch die für Donnerstag geplante Privatisierung des staatlichen Ölkonzerns Rosneft zum Scheitern.Russische Unternehmen können aufgrund ihres geringen Eigenkapitals bei Giganten wie Rosneft nur mit ausländischen Partnern im Rücken bieten.Das Rosneft-Desaster droht den ohnehin defizitären Haushalt zu sprengen, für den die Erlöse aus dem Deal bereits fest eingeplant waren.

Um zu retten, was zu retten ist, versprach Premier Sergej Kirijenko, der Startpreis für eine neue Auktion im August werde mit 1,7 Mrd.Dollar deutlich niedriger ausfallen.Nach einer Krisensitzung zur Verbesserung der Finanzdisziplin mit Kirijenko, Finanzminister Michail Sadornow und Zentralbankchef Sergej Dubinin unterzeichnete Boris Jelzin Mittwoch abend einen Erlaß, der die Steuerpolizei ermächtigt, Eigentum notorischer Steuersünder zu beschlagnahmen.Schwarze Listen soll die Freitag tagende "außerordentliche Steuerkommission" zusammenstellen.Zudem sollen die Möglichkeiten zentraler Behörden, Auslandskredite aufzunehmen, rigoros beschnitten und die Steuerschraube weiter angezogen werden."Das Schicksal der Regierung Kirijenko hat Zentralbankchef Dubinin in der Hand", titelte die Tageszeitung "Kommersant" bereits.Aus gutem Grund: Zwar schließt die Zentralbank eine mögliche Rubel-Abwertung bisher kategorisch aus.Experten meinen jedoch, daß der Kursverfall der nationalen Währung, die durch den Run auf den Dollar nach dem jüngsten Börsencrash schwer unter Druck steht, lediglich eine Zeitfrage sei.Zur Stützung des Rubels hatten Moskaus Währungshüter im Mai zwei Mrd.Dollar und damit ein Achtel ihrer Devisenreserven auf den Markt geworfen.Allein am Dienstag mußten sie mit 400 Mill.intervenieren.

Dazu kommt, daß die Zentralbank den Diskontsatz innerhalb einer Woche zunächst von 30 auf 50 und dann auf bis zu 150 Prozent erhöhte.Offenbar in der Hoffnung, ausländisches Kapital mit der Aussicht auf Superrenditen zum Bleiben zu bewegen.Eine pure Verzweiflungstat, die - frühere Finanzkrisen beweisen es - wirkungslos ist: Die Fondsmanager bezweifeln, daß die Regierung ihre Schulden bedienen kann, weil der Gesamtwert staatlicher Wechsel die Summe russischer Aktiva mittlerweile um 35 Prozent übersteigt und der Haushalt lediglich von einem Zinssatz von 25 Prozent ausgeht.Dazu kommt, daß die Rekordzinsen jedwede Hoffnungen auf Wirtschaftswachstum zunichte machen.

Sollte Kirijenko nicht mit Erfolgen aufwarten können, dürfte Jelzin ihn spätestens zum Jahresende in die Wüste schicken.Der Internationale Währungsfond hat das Krisenmanagement begrüßt und will am Freitag über einen Kredit entscheiden.

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