Wirtschaft : „In Sachen Transparenz können wir mehr tun“

Allianz-Leben-Chef Maximilian Zimmerer über Kundenfreundlichkeit der Versicherer und die Angst vor dem neuen Gesetz

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Die Lebensversicherer haben kräftig Prügel bezogen. Die höchsten deutschen Gerichte, der Bundesgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht, werfen Ihnen vor, kundenunfreundlich zu sein. Zu Recht?

Beide Urteile betreffen ein wichtiges Thema, nämlich die Transparenz. Hier können die Lebensversicherer sicher mehr tun, und das werden wir auch.

Der Versicherungsverband hat eine Transparenzoffensive für das Jahr 2008 angekündigt. Ist das nicht ein bisschen spät?

Beabsichtigt ist, den Kunden die wichtigsten Informationen einschließlich der Abschluss- und Verwaltungskosten auf einer Seite klar und verständlich darzustellen. Dafür müssen wir allerdings noch die EDV umstellen, wobei wir dann gleich noch die für 2008 vorgesehenen gesetzlichen Änderungen berücksichtigen können.

Viele Kunden werden sich schwer tun zu erklären, wie eine Lebensversicherung funktioniert.

Die Lebensversicherung ist eigentlich ein einfaches Produkt. Durch den Risikoausgleich zwischen den Versicherungsnehmern ist die interne Kalkulation allerdings kompliziert und einem Nichtfachmann nicht leicht zu erklären.

Das Bundesverfassungsgericht hat aber nicht nur die mangelnde Transparenz Ihrer Verträge bemängelt, sondern ist auch der Meinung, dass die Kunden nicht genug an den stillen Reserven teilhaben.

Das Verfassungsgericht hat gerügt, dass es für die Gewinnverteilung – also für die Verteilung der Überschüsse zwischen den Versicherten – nur aufsichtsrechtliche Vorschriften gibt und keine Regelungen im Versicherungsvertragsrecht. Das Urteil richtet sich daher nicht an uns, sondern an den Gesetzgeber.

Und der handelt jetzt. Bundesjustizministerin Zypries will die Versicherer verpflichten, die Kunden stärker an den stillen Reserven zu beteiligen. Wie hoch sind Ihre stillen Reserven?

Bei der Allianz Leben sind es rund zehn Milliarden Euro. Das entspricht einem Risikopuffer von acht Prozent auf unsere Kapitalanlagen.

Und wie werden Sie die Kunden künftig an diesem Geld teilhaben lassen?

Im Entwurf steht, dass der Kunde alle zwei Jahre einen Teil der stillen Reserven seinem Vertrag gutgeschrieben bekommen soll, aber das wird nicht gehen. Wir brauchen in gewissem Umfang stille Reserven als Puffer gegen die Schwankungen am Kapitalmarkt. Sonst können wir die Garantien, die ein essenzieller Bestandteil unserer Lebensversicherungen sind, nicht mehr darstellen.

Und wenn Sie die Garantien senken?

Für bereits bestehende Versicherungen geht das ja gar nicht. Die einmal zugesagte Garantieverzinsung gilt bis zum Ende eines Vertrages und kann nicht zurückgenommen werden. Für unseren Versicherungsbestand beträgt die durchschnittliche Garantieverzinsung 3,5 Prozent. Das ist der Mindestsatz, den wir den Kunden jedes Jahr gutschreiben müssen Selbst wenn wir nur in festverzinsliche Wertpapiere anlegen würden, also keine Aktien hielten, könnten wir ohne die stillen Reserven keine Garantien mehr geben, weil Zinserhöhungen zu Kursverlusten unserer Papiere führen würden.

Also soll alles so bleiben wie bisher?

Nein. Wir haben vorgeschlagen, dass wir die Kunden an den stillen Reserven in Form einer Schlusszahlung beteiligen. Wenn der Kunde seinen Vertrag beendet, teilen wir ihm die stillen Reserven zu.

Und wenn es im Jahr des Vertragsendes nichts zu verteilen gibt?

Dann bekommt der Kunde seine jährliche Gewinnbeteiligung und den Schlussgewinn, aber keine Sonderzahlung. Läuft der Vertrag dagegen in einem Jahr mit hohen stillen Reserven aus, erhält er eine zusätzliche Schlusszahlung.

Können die Kunden bald wieder mit steigenden Überschussbeteiligungen rechnen?

Wir geben derzeit 4,5 Prozent plus 0,6 Prozent auf den Schlussgewinn, also insgesamt 5,1 Prozent auf den Sparanteil. Das ist mehr, als man mit einer vergleichbar sicheren Anlage derzeit am Kapitalmarkt erreichen kann. Im letzten Jahr lagen die Kapitalmarktzinsen bei 3,5 Prozent, jetzt sind sie endlich wieder über vier Prozent. Wir legen die Gewinnbeteiligung so fest, dass wir sie möglichst lange stabil halten können. Erhöhen würden wir die Überschussbeteiligung dann, wenn die Zinsen nachhaltig weiter steigen. Aber auch so haben wir schon eine sehr attraktive Gesamtverzinsung. Deshalb habe ich auch selbst verschiedene Lebensversicherungen von der Allianz.

Wie viele haben Sie denn?

Zusammen mit meiner Frau sechs oder sieben.

Da geht ein ordentlicher Teil Ihres Gehaltes allein für die Prämien drauf.

Sie müssen keine Angst um mich haben.

Der Dax ist in den letzten Wochen gefallen. Ab wann wird es für Sie gefährlich?

Wir haben unsere Aktienanlagen international breit gestreut, so dass sich die Risiken verteilen. Für uns ist aber vor allem das Zinsniveau am Rentenmarkt wichtig. Selbst wenn die Aktienkurse einbrechen sollten, wäre das normalerweise kein Grund, die Gewinnbeteiligung zu senken. Ein schlechtes Aktienjahr allein hat keinen Einfluss auf die Gewinnbeteiligung. Zwei, drei schlechte Jahre in Folge, wie wir sie zwischen 2000 und 2002 hatten, dagegen schon.

Der Bundesgerichtshof hat im vergangenen Jahr entschieden, dass viele Kunden, die ihren Vertrag in den ersten Jahren gekündigt haben, Geld zurückverlangen können. Wie setzen Sie das Urteil um?

Der BGH hat in seinem Urteil einen Mindestrückkaufwert aufgestellt, der den Kunden zustehen soll. Wir wollen das jetzt umsetzen, indem wir die Vertreterprovision nicht mehr wie bisher vor allem mit den Prämien des ersten Jahres verrechnen, sondern über fünf Jahre strecken. Aber man muss ganz klar sagen: Das ist eine Umverteilung, die nur dem nutzt, der vorher geht. Der Kunde, der bei der Stange bleibt, wird durch das Urteil nicht profitieren.

Wie viele Entschädigungen haben Sie bisher gezahlt?

Bis heute sind es bei uns 7500 Fälle. Die Durchschnittssumme liegt bei knapp 300 Euro. Allerdings gilt das Urteil ja nicht nur für Kunden, die den Vertrag komplett storniert haben, sondern auch für die, die ihre Beitragszahlung nur unterbrochen haben. Auch hier hatte es Stornoabschläge gegeben, die wir wieder rückgängig machen. Die Leistung wird sich bei der Auszahlung entsprechend erhöhen. Das geschieht automatisch. Allein hierfür hat es bei uns zusätzliche Rückstellungen von 90 Millionen Euro gegeben. Das ist allerdings auch der größere Teil gewesen.

Berufen Sie sich auf Verjährung, wenn die Kündigung länger als fünf Jahre zurückliegt?

Nein, das handhaben wir anders als viele unserer Konkurrenten. Es gibt bisher auch keine Klagen gegen uns. Allerdings melden sich auch viele Kunden, die sich auf das Urteil gar nicht berufen können. Die BGH-Entscheidung gilt ja nur für Verträge, die zwischen 1995 und 2001 abgeschlossen worden sind.

Außer dem Versicherungsgesetz steht Ihnen auch noch das neue Gleichbehandlungsgesetz bevor. Bisher zahlen Frauen in der Lebensversicherung höhere Beiträge als Männer, weil sie länger leben. Ist damit bald Schluss?

Nein. Im Gesetzentwurf steht nur, dass man einen nachvollziehbaren sachgerechten Grund für eine Differenzierung haben muss – etwa Sterbetafeln. Dennoch bin ich nicht sehr glücklich darüber, dass Versicherungen überhaupt in das Gesetz einbezogen worden sind. In der EU-Richtlinie sind sie nämlich ausdrücklich ausgenommen worden. Außerdem haben wir bereits Vorschriften, die eine Diskriminierung von bestimmten Gruppen – etwa Ausländern – verbieten. Das neue Gesetz erhöht das Risiko, dass wir nur noch mehr Prozesse bekommen. Ob das im Sinne der Kunden ist?

Das Interview führte Heike Jahberg.

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