Wirtschaft : In Salzgitter formieren sich die Truppen

BERLIN ."Die Eigentümer der Salzgitter AG müssen jetzt Farbe bekennen", sagt Richard Hartwig, Kleinaktionär des in Turbulenzen geratenen zweitgrößten deutschen Stahlunternehmens und Geschäftsführer der Braunschweiger Spedition Nelke-Hartwig."Vorstandschef Selenz muß bleiben, wir finden keinen besseren Stahlmanager." Um den schwer unter Beschuß geratenen Vorstandsvorsitzenden schwelt eine Führungskrise, die am kommenden Sonnabend ihren Höhepunkt finden könnte, wenn der Aufsichtsrat auf Antrag der Arbeitnehmer zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenkommt, um über die Ablösung von Hans-Joachim Selenz zu befinden.

Der Großteil der Vertreter der Anteilseigner im Aufsichtsgremium - die Mehrheit an der Salzgitter AG halten das Land Niedersachsen und die Norddeutsche Landesbank (NordLB) - lehnt die Entlassung zwar ab.Hinter den Kulissen wächst gleichwohl die Nervosität, Selenz könne stürzen.Fürsprecher und Gegner des angeschlagenen Vorstands formieren sich.Selenz selbst ist auf Tauchstation gegangen, sein Sprecher Ulrich Bieger hält sich bedeckt.Auch das Land und die NordLB kommentieren die Vorgänge einsilbig: "Das Unternehmen braucht jetzt Ruhe", erklärt Wolfgang Römisch, stellvertretender Regierungssprecher in Hannover."Die NordLB gibt zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellungnahme ab", so Unternehmenssprecher Arnd Fitzemeier.

Um den Stahlmanager einstweilen aus der Schußlinie zu nehmen, hat Richard Hartwig, der Spediteur mit guten Kontakten zu den Salzgitter-Eignern, der am 16.März tagenden Hauptversammlung einen Antrag vorgelegt, der die Ablösung von Horst Schmitthenner vorsieht, des schärfsten Selenz-Kritikers und stellvertretenden Vorsitzenden des Aufsichtsrates.Ob das Manöver gelingt und die Aufregung sich legt, weiß auch Hartwig nicht.Am Ende könne es nur die Radikallösung geben: "Entweder Selenz bleibt, oder der gesamte Vorstand muß gehen."

In der Vorstandsetage brodeln die Querelen seit langem.Die heißen Diskussionen zwischen Belegschaft und Vorstand über die Informationspolitik im Gefolge der Gespräche der Mehrheitseigner mit dem Luxemburger Arbed-Konzern werden von Beobachtern nur als willkommener Anlaß für ein reinigendes Gewitter in der Chefetage interpretiert.Es geht um die strategische Ausrichtung des Stahlkonzerns, der die Flaute auf dem Stahlmarkt immer stärker zu spüren bekommt und dem ein Alleingang inzwischen nicht mehr uneingeschränkt zugetraut wird.

Das war im vergangenen Jahr noch ganz anders gewesen.Nachdem der Preussag-Konzern im Frühjahr 1998 seine Verkaufsabsichten für die Stahlsparte präsentiert hatte und das Land Niedersachsen und die NordLB einstiegen, um den Verkauf an die österreichische Voest-Alpine zu verhindern, wurde - mitten im Wahlkampf Gerhard Schröders - in Salzgitter gefeiert.Die Geschäfte liefen glänzend - auch ohne einen starken Partner.Keine Entscheidungen über Salzgitter außerhalb der Region, lautete damals das Motto.Vorstandschef Selenz, der das Unternehmen schon als Preussag-Bereichsvorstand führte und die Unabhängigkeit der Salzgitter AG auch nach dem Börsengang beschwor, ist inzwischen skeptischer geworden.Er strebt eine Allianz an, zumal das Land und die NordLB nicht dauerhaft engagiert bleiben wollen.Selenz gilt seitdem bei den Arbeitnehmern als "Mann von gestern", der die Interessen des Standortes verraten hat.

An den "Geheimgesprächen" mit Arbed und der anschließend unglücklich verlaufenen Unterrichtung der Belegschaft entzündet sich nun der Streit.Auf einer turbulenten Betriebsversammlung, auf der Beobachter eine regelrechte "Pogromstimmung" festgestellt haben wollen, entlädt sich der Zorn der Belegschaft.Selenz wird vorgeworfen, er habe hinter dem Rücken der Mitarbeiter den Ausverkauf des Standortes verhandelt.Im Unternehmen sieht man das freilich anders."Selenz soll abgeschossen werden", heißt es.

Die Verhandlungen mit Arbed, die zwischenzeitlich nur ausgesetzt wurden, sollen dem Vernehmen nach bald wieder aufgenommen werden."Das ergibt sich aus dem Gang der Dinge", sagt Regierungssprecher Römisch.Andere analysieren die verfahrene Situation drastischer: "Bei Salzgitter muß erstmal ausgemistet werden, bevor über die Zukunft gesprochen werden kann." HENRIK MORTSIEFER

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