Wirtschaft : In seine Arme

Der kalifornische Internetkonzern sticht die Großen im Online-Geschäft aus. Seine Macht verunsichert alte und neue Branchen – aber die Börse feiert

Henrik Mortsiefer,Rita Neubauer

Berlin/Miami - Auf dem Marktplatz der Gerüchte wird eine Schlacht der Giganten vorausgesagt. Die größten Internet- und Technologiekonzerne der Welt, so heißt es, seien dabei, sich gegenseitig zu übernehmen, zu zerschlagen oder in den Ruin zu treiben. Am Freitag wurde das jüngste Gerücht verbreitet: „Microsoft hat Interesse an Yahoo“, meldete die „New York Post“. Möglicher Kaufpreis: 50 Milliarden Dollar. „Bill’s Hard Drive“ überschrieb das Boulevardblatt seinen Artikel – und spielte damit doppeldeutig auf harte Zeiten für Microsoft-Gründer Bill Gates an. Dessen größte Sorge sei zurzeit nicht, wie er die Weltmacht seines Softwarekonzerns noch vergrößern könne, sondern wie er verhindere, hinter eine zweite, noch größere Weltmacht zurückzufallen: Google. Später meldete das „Wall Street Journal“, die Gespräche mit Yahoo seien abgebrochen.

Es ist eine Serie von Niederlagen, die Gates’ Sorgen verständlich machen. Es begann 2005, als Google für schätzungsweise eine Milliarde Dollar fünf Prozent am Online-Portal AOL erwarb und sich so eine exklusive Such- und Werbepartnerschaft sicherte. Microsoft ging leer aus. Im Sommer 2006 zahlte Google 900 Millionen Dollar, um auf der beliebten Social-Networking-Plattform Myspace.com für Suchtechnik und Werbung sorgen zu dürfen. Microsoft ging leer aus. Ende 2006 kaufte Google mit eigenen Aktien im Wert von 1,65 Milliarden Dollar die angesagte Video-Website Youtube. Microsoft ging leer aus. Vor drei Wochen schluckte Google die Onlinewerbefirma Double-Click für 3,1 Milliarden Dollar. Auch hier ging Microsoft wieder leer aus.

Google, so scheint es, greift schneller und aggressiver zu als der vermeintlich allmächtige Microsoft-Konzern – oder irgendein anderer großer Name im Netz wie Yahoo, Ebay oder Amazon. Und Google gewinnt Marktanteile auf dem am schnellsten wachsenden Werbemarkt im Internet, der 2007 auf ein Volumen von weltweit knapp 30 Milliarden Dollar geschätzt wird.

Wie immer auch die Suchmaschine dieser Tage bezeichnet wird, Googles Akquisitionen schrecken die Konkurrenz ebenso auf wie Marketingexperten, Medienmanager oder Datenschützer. Noch macht Google seinen Umsatz (2006: knapp elf Milliarden Dollar) fast vollständig mit der Platzierung reiner Suchwort- Anzeigen, die passend zu gefundenen Begriffen auf der Website eingeblendet werden. Doch das Unternehmen aus Mountain View hat Größeres vor. Verdient werden soll künftig auf allen Kanälen – auch offline: an der Vermarktung von TV- und Radiowerbung, an personalisiertem Onlinemarketing per Grafik oder Video, am Verkauf von Software und Netzdiensten oder an Gebühren. „Der Konzern kann sich durchaus in eine Art Concierge für digitalen Lifestyle entwickeln, der den Nutzer nicht mehr aus den Fingern lässt“, sagt Alexander Mogg, Branchenexperte bei Roland Berger. Mit der Übernahme von Double-Click, dem Erfinder zielgerichteter, grafikbasierter Onlinewerbung, mache sich Google zudem „noch unverzichtbarer für Werbekunden“, sagt Mogg. Zu Hilfe kommt Google der technische Fortschritt. Je schneller sich leistungsfähige Internetzugänge verbreiten, desto effizienter kann komplexe Internetwerbung eingesetzt werden. „Googles Kauf von Double-Click wird das Online-Marketing verändern“, glaubt David Pasternack, Präsident von Did-it.com, einem New Yorker Marketing-Spezialisten. „Eines ist schon jetzt sicher: Googles Versuch, seine Rolle in dieser Branche auszubauen, wird nicht ohne Widerstand bleiben.“

Mit dem jüngst in den USA gestarteten Experiment, auch Werbeplätze im Fernsehen und Radio (US-Volumen: 70 Milliarden Dollar) oder in Zeitungen und Magazinen zu vermarkten, formuliert Google eine weitere Kampfansage. Sie gilt der traditionellen Werbe- und Medienbranche. „Google mischt mit seinem Vorstoß in die Offline-Märkte die Geschäftsmodelle der klassischen Medien auf. Das ist clever“, sagt Martin Fabel vom Beratungsunternehmen A.T.Kearney. „Die Markenhersteller prüfen immer genauer, wie effizient ihre Werbung ist. Mit theoretischen Reichweiten-Versprechen geben sie sich nicht mehr zufrieden.“

Ob online oder offline: Google wird von einer Mischung aus Ehrfurcht und Misstrauen begleitet. Allein die Börse feiert: Mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet mehr als 100 Milliarden Euro ist Google so wertvoll wie Daimler-Chrysler und VW zusammen. Doch der märchenhafte Anstieg der seit 2004 notierten Aktie, ist manchen unheimlich. „Die Frage ist, wie lange das Wachstum der Suchmaschinen noch anhält“, sagt Martin Fabel. „Stößt Google hier an Grenzen, wird die Börse schnell reagieren. Die Bewertung könnte dann in sich zusammenfallen – und Google hätte eine weniger starke Akquisitionswährung.“ Die Zeiten des „funny money“ könnten auch im Googleplex, der Konzernzentrale des Internet- Highflyers, zu Ende gehen.

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