Wirtschaft : Indien: Das Land kämpft gegen das Image der Armut

Ulrike Fokken

Es zählen nicht nur die Taten, sondern auch die Worte. Zum Beispiel die deutsche Version der Green Card, die die deutsche Regierung zunächst angeblich für die indischen IT-Spezialisten erlassen hat. "Das war das wichtigste Ereignis für uns im vergangenen Jahr", sagte der Vorsitzende der deutsch-indischen Handelskammer, Suraj Mehta, in Neu Delhi zu Finanzminister Hans Eichel. Die Green-Card-Initiative habe den Indern gezeigt, dass Indien in Deutschland als hoch entwickeltes Land, mit gut ausgebildeten und kultivierten Menschen gesehen werde. Wie viele Fachkräfte dann später tatsächlich nach Deutschland gehen ist dafür nicht wichtig.

Das sieht Udo Land, oberster Repräsentant von Babcock Borsig in Indien, ebenso. Denn so wie die Green Card das indische Selbstbewusstsein gestärkt habe, werde Indien nun in Deutschland nicht mehr nur als das Land vom Taj Mahal und Armut angesehen, sagt Land.

Die deutsche Bundesregierung weiß das seit langem. Finanzminister Hans Eichel ist am Donnerstag daher zum vierten Mal mit seinem indischen Amtskollegen Sinha in Delhi zusammengetroffen, um die gemeinsamen Interessen der internationalen Wirtschafts- und Finanzpolitik abzustimmen. Sie pflegen außerdem einen regen Gedankenaustausch über die Finanzreform in den beiden Ländern, die Finanzbeziehungen in einem föderalen Staat und vor allem über die Privatisierungen in Indien. Deutsche Beamte beraten seit zwei Jahren ihre indischen Kollegen bei der Dezentralisierung der staatlichen Behörden und der Unternehmen.

Eine Milliarde Kunden

Dafür interessiert sich insbesondere die deutsche Wirtschaft, die große Hoffnungen mit dem indischen Markt verbindet. Immerhin leben hier rund eine Milliarde Menschen, die auf zuverlässige Versicherungen und Banken, alle Arten von Konsum- und Investitionsgüter und nicht zuletzt eine funktionierende Stromversorgung warten. Eichel hat daher auch die aus deutscher Sicht unzureichenden Privatisierungsbemühungen der Inder bei seinem Besuch angesprochen. Bislang gestattet die indische Regierung den ausländischen Investoren nur eine Beteiligung von 26 Prozent an den zahlreichen staatlichen Unternehmen. Das ist vor allem den Finanz- und Versicherungskonzernen zu wenig, wird aber auch den Autokonzernen, die sich bald um den indischen Autohersteller Maruti bewerben können, zu wenig. Eichel hat bei Finanzminister Sinha zudem dafür geworben, die Flugverbindungen zwischen den beiden Ländern auszubauen. Die Lufthansa klagt seit Jahren darüber, dass sie lediglich 15 Landegenehmigungen pro Woche für Indien besitzt. Über 6000 Unternehmen sind Mitglied der deutsch-indischen Handelskammer. Die deutschen Konzerne von der Allianz über Baiersdorf bis zum Softwarehersteller SAP und die Banken sind in Indien vertreten.

Aber auch Mittelständler hätten dort eine Chance, sagt Udo Land. Die aufgeblähte Bürokratie dürfe nicht erschrecken, ebenso wenig die weit verbreitete Korruption. "Bitte die Mitarbeiter in diesem Gebäude nicht bestechen" steht zwar auf einer Tafel am Eingang zum Finanzministerium in Neu Delhi. Der Bitte dort und in anderen Ministerien kommen viele der Unternehmer nicht nach und zahlen. "Aber es geht auch ohne", hat Land erfahren. Selbst wenn einige behaupten, dass jeder geschmierte indische Staatsbedienstete noch einen weiteren mit aufgehaltener Hand bringt. Aber seitdem die indischen Bundesstaaten selbst über Industrieansiedlungen entscheiden dürfen, konkurrieren sie untereinander um ausländische Investoren. Alle wollen die Erfolgsgeschichte der Stadt Bangalore nachmachen, die zum Silicon Valley des Subkontinents geworden ist. Land hat erfahren, dass seitdem die Beamten die Anträge schneller bearbeiten und auf Bakschisch verzichten.

Udo Land ist seit fünf Jahren für Babcock Borsig in Indien. Er leitet ein Ingenieurbüro mit 130 Ingenieuren, die Aufträge für die verschiedenen Sparten des Mutterkonzerns ausarbeiten. Von Indien aus schickt Land seine Mitarbeiter in der ganzen Welt herum. "Das ist doch viel billiger als ein deutscher Ingenieur", sagt Land, der begeistert von den Möglichkeiten auf dem Subkontinent ist. Ein indischer Ingenieur koste zwischen 300 und 500 Mark am Tag, ein deutscher hingegen bis zu 2000 Mark. "Jeder, der über 30 Prozent Personalkosten in Deutschland hat, sollte sich überlegen, ob er nicht in Indien produzieren kann", sagt Land. "Bei über 40 Prozent Personalkosten ist es geradezu Schwachsinn, nicht einen Teil nach Indien zu verlagern", findet Land.

Neben den gut ausgebildeten Fachkräften bietet Indien einen Vorteil, den Eichel trotz Steuerreform nicht ausgleichen kann. Ausländische, auf den Export ausgerichtete Unternehmen zahlen in Indien keine Zölle und zehn Jahre lang keine Steuern. Für Land und die anderen deutschen Geschäftsleute in Indien gilt die Erkenntnis: "Wer Autobahn fahren will, geht nach China, wer Geld verdienen will, geht nach Indien".

0 Kommentare

Neuester Kommentar