Indien : Hunger und Hightech

Indien gehört die Zukunft. Doch kurz vor den Wahlen zeigt sich: Nicht alle profitieren davon. Der Subkontinent gerät in den Strudel der Wirtschaftskrise.

Carsten Brönstrup

BerlinRamya hat jetzt keine Zeit. "Biologie", antwortet sie knapp auf die Frage nach dem aktuellen Lernstoff und beugt sich wieder über ihr Buch. Es hat viele bunte Bilder, noch mehr Eselsohren und ist ziemlich zerfleddert. Die Neunjährige sitzt mit ihren 20 Mitschülern auf dem fleckigen Betonfußboden, Stühle und Tische gibt es in ihrer Schule nicht. Ihre Eltern schuften als Tagelöhner auf einer der zahllosen Baustellen in der wuchernden Metropole Hyderabad.

Für Shobhana Bhartia ist das sehr weit weg. Sie sitzt in einem Hochhaus in der Hauptstadt Neu-Delhi und sagt, dass sie stolz ist auf Indien. "Wir sind besser dran als viele andere Länder", sagt sie in gewähltem Englisch. Bhartia, 52, ist Verlegerin einer der größten Zeitungen Indiens, der "Hindustan Times", und Mitglied im Oberhaus. Am rechten Ringfinger glitzert ein Edelstein. Bhartia trägt immer ein kleines graues Kästchen bei sich, das aussieht wie ein betagtes Babyfon. Wenn sie auf den einzigen Knopf drückt, huscht kurz darauf eine Assistentin herein und erkundigt sich nach den Wünschen der Verlegerin.

Ein paar Häuser weiter, in einem nach frischen Blüten duftenden Fünf-Sterne- Hotel, reicht Raju den Hotelgästen kleine Handtücher, wenn sie sich nach dem Toilettengang ihre Hände gewaschen haben. Zuvor hat er ihnen den Wasserhahn aufgedreht. "Das ist ein guter Job, Sir", sagt Raju leise und lächelt. Seine cremefarbene Uniform sitzt makellos, die polierten Knöpfe glänzen. Ich kann mich nicht beschweren.

Welten trennen die Schicksale dieser drei Menschen, niemals werden sie sich auch nur annähernd auf Augenhöhe begegnen. Bettelarm und steinreich, Armut und Luxus - Gegensätze wie diese prägen die 1,1 Milliarden Bürger zählende Nation Indien. Trotzdem hält etwas die weltgrößte Demokratie auf unerklärliche Weise zusammen. Wie sehr, werden die Parlamentswahlen zeigen, die an diesem Donnerstag beginnen und sich über vier Wochen hinziehen werden. Vom Ergebnis hängt ab, wie tief der Subkontinent in die Krise rutschen wird und wann der ebenso märchenhafte wie beschwerliche Aufstieg zur ökonomischen und politischen Weltmacht weitergeht.

Indien, das ist nach Ansicht vieler Ökonomen längst die nächste große Wachstumsstory der Globalisierung. Um knapp neun Prozent ist die Wirtschaftsleistung im Schnitt der vergangenen sechs Jahre gewachsen. Nur China war noch dynamischer. Schon in 15 Jahren könnte Indien die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt sein, nach den USA und China, vor Japan und Deutschland. Steigender Wohlstand ist unentbehrlich, allein schon wegen der hohen Geburtenrate. "Pro Jahr müssen bei uns mindestens zehn Millionen neue Jobs entstehen", sagt Utkarsh Palnitkar, Partner bei der Wirtschaftsprüferfirma Ernst & Young. Wachstumsraten von fünf Prozent, für deutsche Politiker eine paradiesgleiche Vorstellung, bringen Indien in die Klemme.

An dieser Schwelle steht das Land angesichts der globalen Krise. Lange Zeit dachte die Regierung in Neu-Delhi, der boomende Subkontinent sei immun gegen den Absturz. Die Binnennachfrage zog Indiens Wirtschaftsleistung, die einst quasi-staatliche Bankenbranche ist noch immer stark reguliert, der Kauf riskanter Papiere, die nun als toxisch gelten, war ihr verboten. Doch nun bricht der Export ein wie seit zehn Jahren nicht, die Börsen sind abgestürzt, Kredite werden kaum noch vergeben, ausländische Investoren ziehen ihr Kapital ab und setzen Indiens Währung, die Rupie, unter Druck.

Nun rücken die immensen Probleme wieder ins Zentrum, die Indien trotz aller Aufstiegseuphorie prägen. Ramya, die Neunjährige auf dem Betonfußboden in Hyderabad, ist eine Ausnahme. Der Staat schafft es nicht, Kindern wie ihr die nötigste Schulbildung zukommen zu lassen. Jedes zweite Kind in Ramyas Alter kann weder schreiben noch lesen. Die staatlichen Schulen sind verrufen, manchmal erscheint der Dorflehrer drei Monate lang einfach nicht zum Unterricht. Ramya hatte Glück, ihre Schule wird von einer Stiftung des Pillenproduzenten Dr. Reddy's finanziert. In einer offenen Garage lernen die Kinder, für die Nacht legen sie Matratzen auf den Boden. "Das Versagen des Bildungssystems ist unsere nationale Schande", sagt die Bildungsaktivistin Rohini Nikelani, die Bücher an arme Kinder verteilt. Dabei ist fehlende Bildung nur eine von vielen sozialen Katastrophen. Nicht einmal die Hälfte der Inder hat Zugang zu sauberem Trinkwasser oder Strom, jedes zweite Kind ist unterernährt, Millionen von ihnen müssen trotz gesetzlicher Verbote täglich schuften - als Teppichknüpfer, Diamantschleifer, Baumwollspinner. In den Städten wachsen vor allem die Slums. Ein Drittel der 15 Millionen Einwohner Neu-Delhis kampiert in Zelten aus Plastikplanen am staubigen Straßenrand oder in Hütten aus Zweigen und Schlamm - Landflüchtige, Bauarbeiter, Bettler.

Oft liegt zwischen Dritter und Erster Welt nicht einmal ein Steinwurf: Nur eine Mauer und ein mit 8000 Volt aufgeladener Elektrozaun trennen in der Hightech-Hochburg Bangalore ein Elendsquartier vom funkelnden Campus des Softwareriesen Infosys. Star-Architekten haben marmorne Gebäude entworfen, dazwischen macht sich gepflegtes Grün breit. Den 25 000 Angestellten stehen ein Fitnessstudio, mehrere Kantinen und sogar ein Firmentheater zur Verfügung. Auf dem Parkplatz stehen dicht an dicht Luxuskarossen, während ein Viertel der Inder von nur einem Dollar am Tag leben muss.

Mit zahllosen Ausgabenprogrammen hat die Regierung von Ministerpräsident Manmohan Singh, 76, in den vergangenen fünf Jahren versucht, der sozialen Frage Herr zu werden. Vor allem für die 700 Millionen Menschen zählende Landbevölkerung, die in oft noch archaischen Umständen lebt. Deepak Sandhu, eine von Singhs Beraterinnen, schwärmt wortreich von Programmen zur Arbeitsbeschaffung, Rentenzahlungen für Witwen, Schulspeisungen oder Geld für den Bau von Toiletten in Slums. Doch auch Sandhu weiß, dass dies ein Tropfen im Ozean ist, wie die Inder sagen: Von hundert Rupien aus der Staatskasse kommen in der Regel nur zehn bei den armen Leuten an. Der Rest versickert im Wirrwarr von Bürokratie und Korruption.

"Die Programme der Regierung sind ineffektiv", beklagt Rahul Bose, einer der bekanntesten und sozial engagiertesten Schauspieler des Landes. Für ihn steht die Nation an einer Wegscheide. "Die Parlamentswahl ist entscheidend für die Zukunft Indiens. Dieses Land muss endlich realisieren, wie groß das Armutsproblem ist und dass die Gegensätze zwischen den Kulturen wachsen." Hindus, Moslems, Sikhs, Christen, Juden, Buddhisten und viele andere Religionen leben in dem Multikulti-Staat zusammen, kommunizieren in mehr als 100 Sprachen und verteilen sich auf hunderte Kasten. Das vereinfacht das Regieren nicht gerade. Zumal Regionalparteien eine immer wichtigere Rolle spielen. Ihr Zusammenschluss zur Dritten Front ist die große Unbekannte bei der anstehenden Wahl zur Lok Sabha, dem Unterhaus. Gegen sie tritt an eine von der säkularen Kongresspartei geführte Koalition mit Regierungschef Singh sowie die hindu-nationalistische Bharatiya Janata (BJP). Der Ausgang ist offen, Wahlforscher und ihre Prognosen gelten wenig in dem riesigen Land. "Wer behauptet, das Ergebnis schon zu kennen, der lügt", urteilt das Magazin India Today.

Unberechenbar sind die Wähler auch deshalb, weil sie viele ihrer Politiker für kriminell und unfähig halten. Nicht wenige haben ein stattliches Vorstrafenregister, anderen fehlt der Kontakt zur Realität. "Wir haben viel erreicht", erzählt Shiela Dikshit, die Ministerpräsidentin von Delhi, in kleiner Runde selbstbewusst. Wenige Tage später berichten die lokalen Zeitungen, dass über Jahre tausende Kinder der Stadt einfach verschwunden seien - offenbar ohne Wissen der zuständigen Politiker.

Die nächste Regierung erbt nicht nur die Krise, ein immenses Staatsdefizit und zugleich eine Infrastruktur auf Dritte- Welt-Niveau. Sie übernimmt nicht nur ein Land mit Spannungen zwischen Arm und Reich, Stadt und Land. Indien ist zusätzlich durch die Dauerfehde mit Pakistan und die Terroranschläge von Mumbai im November 2008, bei denen 165 Menschen starben, stark verunsichert. Die Sicherheitskontrollen an öffentlichen Gebäuden, Flughäfen und Hotels wurden seither noch einmal verschärft, überall wacht schwer bewaffnetes Personal. "Unsere Sicherheit ist stark bedroht", sagt Brahma Chellany, einer der führenden Politikwissenschaftler des Landes. "Gescheiterte Staaten, die die Atombombe besitzen, gab es bislang nicht", sagt er mit Blick auf Pakistan, wo Islamisten, Demokraten und das Militär um die Macht streiten.

Chellany ist schon froh, dass mit einer neuen Regierung überhaupt wieder etwas passieren wird. Denn während des Wahlkampfs durfte Neu-Delhi keine wichtigen Entscheidungen treffen. Dieses Verbot soll kostspielige Wahlgeschenke von Politikern kurz vor dem Urnengang verhindern. Dass aber ausgerechnet jetzt, mitten in der Krise, die Exekutive wochenlang gelähmt war, war aus seiner Sicht alles andere als hilfreich.

Doch trotz der Krise ist Indiens Lage besser, als es scheint. Im Vergleich zu anderen Schwellenländern steht das Land noch gut da. Zudem ist das Konsumklima weiterhin gut, was nicht erstaunt angesichts einer kaufkräftigen Mittelschicht, die bereits auf 250 Millionen Menschen angewachsen ist. Das entspricht der Bevölkerung Mittel- und Westeuropas zusammen. Daher glaubt auch die Hindustan-Times-Verlegerin Bhartia, dass ihr Land besser dran ist als der Rest der Welt. 2010 schon, so erwarten Bank- Analysten, könnte es bereits wieder die gewohnten Wachstumsraten geben.

Den langfristigen Aufstieg sehen sie ohnedies intakt: Bereits heute kommt der größte Stahlproduzent der Welt, Lakshmi Mittal, aus Indien. Das billigste Auto, den Tata Nano, haben indische Ingenieure ersonnen. Das Mekka der IT-Industrie liegt nicht mehr in Kalifornien, sondern in Bangalore. Schon bald soll ein Roboter auf dem Mond landen. Und in der Mitte des Jahrhunderts wird Indien in puncto Bevölkerungszahl sogar am Rivalen China vorbeiziehen. "1820 standen China und Indien noch für die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung", sagt Politologe Chellany. Jetzt, glaubt er, ist Asien dabei, seine alte Stärke zurückzugewinnen. "Die westliche Dominanz der Wirtschaft war möglicherweise nur die Ausnahme, nicht die Regel."

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