Wirtschaft : Indonesien steuert auf eine Katastrophe zu

DIETMAR PETERSEN (HB)

KUALA LUMPUR .Präsident Jusuf Habibie hat alle überrascht: als ein Politiker mit demokratischen Ambitionen.Die berühmten hundert Tage hat er noch nicht einmal zu zwei Dritteln abgearbeitet.Dennoch ist es dem neuen Staatschef - als Exzentriker und Technokrat mit politischer Realitätsferne etikettiert - in kurzer Zeit gelungen, internationale Reputation zu gewinnen.Wenige Tage nach seinem Machtantritt entließ er politische Gefangene.Die Arbeiter dürfen wieder Gewerkschaften gründen.Der gewaltsam angeschlossenen Provinz Osttimor hat er mehr Autonomie zugesagt, auch wenn er der ehemaligen portugiesischen Kolonie die Unabhängigkeit nicht zugestehen will.Jüngst hat er in der herrschenden Partei Golkar, die Jahrzehnte von Alleinherrscher Suharto dominiert war, seinen Protegé als Parteichef durchgesetzt.

Das alles waren mutige Schritte nach seiner Inthronisierung an der Spitze des Staates, die eigentlich gegen den Willen Suhartos erfolgte.Auch die Militärs, die wirkliche Macht im Staate, akzeptierten ihn nur mangels Alternative als reine Notlösung.Habibies Wagemut ließ den Abgang des ungeliebten Autokraten noch schmählicher erscheinen.Ob Habibie endgültig mit dem Suharto-Regime gebrochen hat, wird spätestens dann offenbar, wenn es zum Schwur kommt - der Abhaltung demokratischer Wahlen nach dem von ihm selbst vorgeschlagenen Zeitplan.Indonesiens dritter Präsident ist nicht durch Wahlen demokratisch legitimiert an die Staatsspitze gelangt.

Doch weitere, unvermeidliche Opfer kann eigentlich nur der dem heute schon leidenden Volk abverlangen, der auch demokratisch legitimiert ist.Politisch haben sich Habibie und Indonesien - zunächst einmal - konsolidieren können.Die Wirtschaft hingegen steuert auf eine Katastrophe zu, wenn es nicht gelingt, die sausende Talfahrt noch zu bremsen.In der Wirtschaft werden die Entscheidungen fallen, über Habibies und Indonesiens Schicksal.Die Produktion steht praktisch still.Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) befindet sich im Sturzflug.Nach dem regierungsamtlich festgestellten Rückgang des BIP um 12,2 Prozent im ersten Halbjahr 1998 wollen Volkswirte eine Schrumpfung um 25 Prozent in diesem Jahr nicht ausschließen.Daß der sonst so strenge Internationale Währungsfonds (IWF) jetzt aus seinem Sanierungspaket eine Tranche von einer Mrd.Dollar sofort auszahlt, zeigt den Ernst der Lage.

Ende des Jahres dürften fast 100 Millionen Indonesier unter der Armutsgrenze leben, beinahe die Hälfte der 202 Millionen Einwohner.Dem gläubigen Muslim Habibie mag es nicht als Zynismus erscheinen, wenn er seinen Landsleuten, dem größten muslimischen Volk der Erde, rät, zwei Fastentage in der Woche einzulegen, um die Reisvorräte zu schonen.

Anfang des Monats hatte die Weltbank bereits eine Mrd.Dollar aus einem Dreijahrespaket zugesagt.Ungeachtet humanitärer Erfordernisse mag Indonesien als ein Faß ohne Boden erscheinen.Aber: Die Weltbank - und damit auch die westliche Gemeinschaft - steht in dem Verdacht, Milliarden an Hilfsgeldern in die korrupte Suharto-Wirtschaft gepumpt zu haben - wissend, wohin das Geld versickert.Und ein in ethnische Minderheiten zerfallendes Indonesien kann viel größere Summen zur Befriedung erfordern.Wenn das indonesische Fernsehen die ersten Bilder von verzweifelten Hungernden zeigen wird, dann dürfte es die Studenten wieder zum massenhaften Protest auf die Straßen treiben.Habibie hat alle Unterstützung verdient.Aber er sitzt auf einer Zeitbombe.

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