Wirtschaft : Indonesiens Krise gefährdet Affen, Tiger und Wälder

PETER WALDMANN

BITUNG .Am Kai eines abgeschiedenen Hafens, 2400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Jakarta, schlemmen Fischer aus Taiwan große Fledermäuse in Curry, essen fritierte Waldratten und gegrillte Schlangen.Für ausländische Urlauber sind die Delikatessen in der indonesischen Währung inzwischen fast kostenlos.Die Bestellungen sind reichlich: Der Kapitän eines großen Thunfischdampfers bestellt ein Dutzend junger schwarzer Makaken.Die gefährdete Affenart wird ihm lebendig aufs Boot geliefert.

Der Weg der Bestellungen ist direkt.Er geht über palmenbewachsene Hügel unmittelbar in das Dorf Bingaguminan.Der Flecken liegt am Rande des Naturschutzgebietes Tangkoko, das die meisten Güter liefern kann, die an der Küste nachgefragt werden.Trapper dringen auf mehrtägigen Trecks tief in den Dschungel vor, um die seltenen Tiere zu erbeuten.Um die Affenjungen lebendig fangen zu können, erschießen sie die Mütter.Auf dem Fischdampfer werden die Arme und Füße der Affen zusammengebunden, die Tiere werden bei lebendigem Leib geschlachtet, das Gehirn roh verzehrt.Ausländer sind nicht die einzigen Affenesser in der überwiegend christlichen Provinz.Auch für einheimische Gaumen wurden die verspielten Makaken so intensiv gejagt, daß sie jetzt vom Aussterben bedroht sind.Die Natur wird geplündert, weil die von wirtschaftlicher Not getroffene Bevölkerung auf Land und See zurückgeworfen ist, um zu überleben.

"Wir sind dabei, noch viel mehr Arten auszurotten, daran besteht kein Zweifel," sagt Tony Sumampau, ein führender indonesischer Tierschützer."Es ist schlimmer als Geld zu verlieren, denn die Tiere bekommen wir nicht zurück."

Indonesiens Krise ist inzwischen auch zu einer Krise des ökologischen Gleichgewichts geworden.Selbst zu wirtschaftlich guten Zeiten hat man sich auf dieser riesigen Inselgruppe wenig um Umweltschutz gekümmert.Doch in den letzten Jahren gab es Fortschritte, sagen Umweltschützer.Eine wachsende Mittelschicht sei sich der überwältigenden biologischen Vielfalt in Indonesien bewußt geworden und habe Schritte zur Rettung unternommen.

Indonesien hat eine größere Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten als jedes andere Land der Welt mit Ausnahme Brasiliens.Doch was für Umweltschützer besonders zählt, ist die große Anzahl von Spezies, die ausschließlich in Indonesien leben können.Von den 515 Säugetierarten in Indonesien sind 36 Prozent auf das Ökosystem des Landes angewiesen, bei den 1519 Vogelarten sind es 28 Prozent.

"Die Zerstörung der indonesischen Ökosysteme ist eine biologische Tragödie ohne Beispiel", sagt der Wissenschaftler Timothy Jessup."Was das Aussterben von Spezies betrifft, ist seit der Auslöschung der Dinosaurier vor 60 Millionen Jahren durch den Aufschlag eines Asteroiden nichts diesen Ausmaßes passiert."

Auf der Insel Sumatra greifen immer häufiger Tiger Menschen an - ein Zeichen für den zunehmenden Kampf um Nahrung zwischen Menschen und den gefährdeten Raubkatzen.Auch das Wildern bei Tigern ist gestiegen.Erst kürzlich wurde ein Polizeichef festgenommen - und nach 21 Tagen wieder freigelassen, weil er Tiger gejagt hatte.Sumatrische Elefanten und Rhinozerosse - beide gehören zu den letzten wilden Dickhäutern in Asien - sind extrem bedroht.Die riesigen Tiere leben heute nur noch in einer Handvoll von Reservaten, nachdem Kautschuk- und Ölpalmpflanzungen sie verdrängt haben.

Auf dem Meer zerstören Fischer die Korallenriffe, die Indonesiens 17 000 Inseln umgeben - nach Angaben von Wissenschaftlern die reichsten Meeresressourcen der Welt.Das Fischen mit Dynamit nimmt Überhand.Fischer verwüsten ganze Ansiedlungen von Korallen, um volle Fischnetze zu bekommen.Größere Fische betäubt man mit einer Spritze, weil sie in Ausstellbehältern in Restaurants in Hongkong und Singapur landen sollen.Doch das Gift vernichtet im Gefolge auch kleinere Fische und Korallen."Die Korallenriffe sind so stark gefährdet wie nie zuvor", sagt der australische Meeresbiologe John Veron.

An der nordöstlichen Spitze der Insel Sulawesi, sind Makaken und andere Tiere für die in Not geratenen Dorfbewohner ein Sicherheitsnetz.Während höhere Preise für Gewürznelken, Muskatnuß und andere heimische Feldfrüchte in diesem Jahr vielen Sulawesi-Farmern geholfen haben, sind arme Bauern in abgelegenen Gegenden auf geschützte Wälder angewiesen.

Überall sind Kettenreaktionen sichtbar.Fischer, die angesichts einer 80prozentigen Inflationsrate um ihre Existenz kämpfen, benutzen wieder Kanus.Kanuhersteller auf der Suche nach größeren Bäumen dringen immer tiefer in die Wälder vor.Wellbech fürs Dachdecken ist unerschwinglich geworden.Deshalb schneiden Dorfbewohner Palmenblätter am Rande der Regenwälder ab und setzen so den üppigen Dschungelboden dem verdorrenden Sonnenlicht aus.Ausländer bieten hohe Beträge für Affen, so daß Trapper sich in der Dämmerung an die Makakennester in den Baumkronen heranmachen, durch Fällen der umliegenden Bäume alle Fluchtwege versperren und darauf warten, daß die Affen ihnen in den Schoß fallen.

Die Lebensmittelmärkte in Nord-Sulawesi bieten eine reiche Auswahl gefährdeter Spezies, tot und lebendig.Außerhalb eines Marktes in Manado, der Provinzhauptstadt, zischen und betteln drei an ein Geländer gekettete Makaken um Nahrung, winken Vorbeigehenden mit menschenähnlichen Händen und einem breiten Lächeln, das die Zähne zeigt, zu.Ihr Eigentümer, ein Vogelhändler, verlangt den für Ortsverhältnisse unverschämt hohen Preis von 100 000 Rupiah (13 Dollar) pro Affe.Doch er ist sich sicher, ihn zu bekommen; philippinische Fischer haben erst kürzlich nach diesen Affen gefragt, sagt er.

Übersetzt, redigiert und gekürzt von Karen Wientgen (London, Indonesien), Kathrin Spoerr (US-Raumfahrt) und Ursula Weidenfeld (Malaysia).

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