Indus : Unzurechnungsfähig an der Spitze?

Der Aufsichtsratschef von Indus verspekulierte sich und erkrankte schwer. Der Fall ist ohne Beispiel in der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Sönke Iwersen (HB)
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Abgestürzt. Erst verlor der Unternehmer Winfried Kill Millionen an der Börse, dann fiel er in Depressionen. -Foto: Teichmann/laif

Düsseldorf Der renommierte deutsche Mittelstandsinvestor Indus soll monatelang von einem schwer depressiven und arzneimittelabhängigen Aufsichtsrat geführt worden sein. Winfried Kill, der heute 70-jährige Gründer und langjährige Chef des Unternehmens, war nach Einschätzung seiner Familie und seiner Ärzte geistig kaum noch aufnahmefähig. Dies geht aus einem psychiatrischen Gutachten hervor, das dem „Handelsblatt“ vorliegt. Demnach war der Indus-Aufsichtsratsvorsitzende Kill spätestens ab Mai 2008 unzurechnungsfähig. Weil er in verschiedenen Aktiengeschäften rund 100 Millionen Euro verloren hatte, sei er in Panikzustände gefallen. Trotzdem blieb Kill bis November 2008 Aufsichtsratschef der Indus AG, einem Geflecht aus 41 Unternehmen mit insgesamt mehr als 5000 Mitarbeitern und fast einer Milliarde Euro Umsatz.

Der Fall ist ohne Beispiel in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. In einer Zeit, in der Kill laut Gutachten nicht geschäftsfähig war und an Schuld- und Verarmungswahn litt, leitete er mehrere Aufsichtsratssitzungen und die Hauptversammlung 2008. Kill blieb monatelang im Amt, obwohl er nach Angaben seiner Familie schon Anfang 2008 oft „teilnahmslos vor sich hinstarrte“. Sein Neffe gab bei einer ärztlichen Befragung zu Protokoll: „Auch wenn man über einen einfachen Sachverhalt sprach, musste man daran zweifeln, ob Dr. Kill überhaupt verstanden hatte, um was es jeweils ging.“ Der Zustand sei immer dann eingetreten, wenn sich Kill mit seiner eigenen Vermögenssituation konfrontiert sah. Deshalb verweigert nun seine Familie verschiedenen Gläubigern die Zahlung von zweistelligen Millionenbeträgen. Begründung: Winfried Kill sei bei Vertragsabschluss nicht geschäftsfähig gewesen.

Die Gläubiger halten dieses Argument für vorgeschoben und werfen der Familie vor, die Krankheit des Firmengründers zu missbrauchen, um wenigstens einen Teil des verspekulierten Vermögens zu retten. Der Chef des englischen Audley-Fonds, Michael Treichl, sagte auf Anfrage: „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Herr Kill das Vorgehen seiner Familie im Detail kennt und billigt.“ Kill selbst ist für seine Gläubiger nicht mehr zu erreichen.

Juristen zeigen sich angesichts der Vorgänge bei der Indus AG vollkommen perplex. Ein Aufsichtsrat hat nach Paragraph 111 des Deutschen Aktienrechts wichtige Aufgaben. Vor allem muss er die Geschäftsführung überwachen. Um diese Funktion zu erfüllen, müsse ein Aufsichtsrat geschäftsfähig sein, sagt Aktienrechtler Stefan ten Doornkaat.

Das Gutachten könnte zur Steilvorlage für leidgeprüfte Indus-Aktionäre werden. Der Aktienkurs des Unternehmens ist zwischen Beginn der Geschäftsunfähigkeit Kills im Mai und seinem Rücktritt im November um bis zu 50 Prozent gefallen. „Jeder Aktionär kann doch jetzt sagen: ,Wenn ich gewusst hätte, dass der Aufsichtsratschef nicht ganz bei sich war, hätte ich meine Aktien sofort verkauft’“, sagt Doornkaat. „Sollte sich herausstellen, dass Vorstand oder Aufsichtsrat Kenntnis von der Geschäftsunfähigkeit von Dr. Kill hatten, sind Schadenersatzklagen Tür und Tor geöffnet.“

Die Indus AG ist anderer Meinung. Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit, man kenne das ärztliche Gutachten. Aber: „Die darin behauptete nicht vorhandene Geschäftsfähigkeit konnte von uns nicht wahrgenommen werden.“

Kill ist derzeit nicht zu erreichen, seine Familie lehnte eine Stellungnahme ab. Nach Angaben seiner Ärzte wurde Kill im Oktober 2008, immer noch als Aufsichtsratsvorsitzender von Indus, wegen einer Medikamentenabhängigkeit in eine Spezialklinik eingewiesen. Dort verschlimmerte sich sein Befinden.

Die Ursache für Kills Zustand ist eine Reihe fehlgeschlagener Aktiengeschäfte. Im Sommer 2007 beteiligte sich der Indus-Gründer am Erwerb von knapp 19 Prozent der Aktien des Telekomdienstleisters Freenet. Kill verlor in der Folge 75 Millionen Euro – sein eigenes Geld, aber auch das seiner Frau und seines Sohnes. Um den Verlust wieder auszugleichen, erwarb er im Juli 2008 von der NordLB ein 25 Millionen Euro schweres Aktienpaket an RemoteMdx. Auch dieses Geschäft ging völlig schief. Die Aktien sind aktuell noch drei Millionen Euro wert. Kill hat aber erst einen Teil bezahlt und schuldet der norddeutschen Landesbank noch immer zwölf Millionen Euro.Sönke Iwersen (HB)

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