Industrie : Berlins Fabriken bei Nacht besuchen

Mercedes, Siemens, Bayer oder Jacobs Kaffee - sie alle produzieren in Berlin. Bei der langen Nacht der Industrie sind aber auch Familienbetriebe dabei. Das Interesse ist größer als die Zahl der freien Plätze.

Bojan Jurczyk
Auch der Regierende war schon mal da: Klaus Wowereit war bei einem Jacobs-Werksbesuch 2011.
Auch der Regierende war schon mal da: Klaus Wowereit war bei einem Jacobs-Werksbesuch 2011.Foto: dpa

Rauchende Schornsteine, Fließbandarbeit und lärmende Produktionsanlagen – deutsche Industriebetriebe hatten lange Zeit mit einem schlechten Image zu kämpfen. Die Industrie von heute, zumindest die in Berlin, kann sich offenbar vor Interessenten an ihren Fabriken kaum noch retten. „Alle Touren sind ausgebucht und auch die Wartelisten sind schon sehr lang“, sagt Jürgen Henke, Organisator der zweiten Langen Nacht der Industrie in Berlin. Rund 1700 Menschen erhielten den Zuschlag für eine der zwanzig Unternehmenstouren am 15. Mai. Per Bus werden je zwei Industriestandorte angefahren und besichtigt. Unter den 33 teilnehmenden Unternehmen sind Weltkonzerne wie Mercedes, Siemens und Bayer, aber auch mittelständische Familienbetriebe und Zulieferer, die der Öffentlichkeit kaum bekannt sind.

Ob groß oder klein – für die teilnehmenden Firmen ist die Veranstaltung direkte Imagepflege. Sie hoffen auf eine stärkere Wahrnehmung und können sich in Zeiten des Fachkräftemangels als attraktiver Arbeitgeber präsentieren. So wie der Lebensmittelkonzern Mondelez, der bis 2012 Kraft Foods hieß und seit seiner Umbenennung eher unbekannt ist. „Viele wissen gar nicht, dass wir in Berlin seit 1961 den bekannten Jacobs-Kaffee produzieren“, sagt Unternehmenssprecherin Tanja Scheil. Beim Fabrikrundgang werde man von der Röstung über das Mahlen bis zur Verpackung den gesamten Produktionsprozess des Kaffees kennenlernen – Verkostung inklusive.

Ein Problem mit mangelnder Bekanntheit haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) dagegen nicht. Trotzdem sei die Teilnahme an der Langen Nacht der Industrie wichtig, sagt BVG-Sprecher Klaus Wazlak: „Viele kennen uns nur als Fahrgast, und insbesondere junge Leute wissen oft nicht, was wir als Unternehmen zu bieten haben.“ Hauptzweck sei es daher, die BVG als spannenden Arbeitgeber ins Gespräch zu bringen – vor allem für technische Berufe. „Eine U-Bahn, die am Kran durch die Werkstatt schwebt, ist ganz schön beeindruckend“, wirbt Wazlak für die Tour.

Beeindrucken möchte auch der Energiekonzern Vattenfall. Mit dem Heizkraftwerk Mitte, der Fernkältezentrale am Potsdamer Platz und der Stromleitwarte, wo die Stromversorgung der ganzen Stadt gesteuert wird, öffnet der Konzern gleich drei Standorte für die Besucher. „Wir wollen zeigen, dass wir wichtige Teile der Berliner Infrastruktur betreiben, die unverzichtbar für das gesamte Stadtleben sind“, heißt es aus der Unternehmenszentrale. Über Teilnehmer, die sich für Vattenfall als Arbeitgeber interessieren, würde man sich aber auch hier sehr freuen. Mitarbeiter der Personalabteilung stünden bereit.

Kurzentschlossenen macht Organisator Jürgen Henke keine Hoffnungen mehr: „Es gab hunderte weitere Anmeldungen, aber mehr als vierzig Besucher pro Rundgang sind nicht drin.“ Busse gebe es genug, aber der Platz in den Fabriken sei begrenzt.

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