Wirtschaft : Industrie klagt über hohe Energiepreise

Verband: Strom und Gas haben sich in diesem Jahr um 20 Prozent verteuert – zahlreiche Jobs in Gefahr

Anselm Waldermann

Berlin - Industrieunternehmen müssen derzeit bis zu 20 Prozent mehr für Strom und Erdgas bezahlen als noch zu Beginn des Jahres. Das erklärte der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK), der die Interessen großer Energiekunden vertritt. „Durch die gestiegenen Rohstoffkosten allein ist das nicht mehr zu begründen“, kritisierte der Geschäftsführer des Verbands, Alfred Richmann. Vielmehr würden die großen Energiekonzerne ihre Marktmacht missbrauchen. „Da schlägt das Oligopol voll durch“, sagte Richmann.

Die Fernübertragungsnetze für Strom sind in Deutschland zwischen den vier Konzernen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW aufgeteilt. Auch rund 80 Prozent der Stromerzeugungskapazitäten befinden sich in den Händen der großen Vier. Ähnlich sieht es auf dem Gasmarkt aus: Hier gibt es mit Eon-Ruhrgas, RWE Energy, Wingas, VNG und EnBW nur fünf Unternehmen, die Erdgas nach Deutschland importieren. Allein auf Eon-Ruhrgas entfallen 54 Prozent des Marktes.

Allerdings geraten diese Strukturen immer mehr in die Kritik. So stellte das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einer aktuellen Studie fest, dass die deutschen Strompreise zu den höchsten in Europa gehören. Demnach müssen Privathaushalte in Dänemark für eine Kilowattstunde Strom ohne Steuern nur 9,27 Cent bezahlen, in Deutschland sind es dagegen 13,34 Cent. Bei Industriekunden sind die Preisunterschiede sogar noch größer: So sind in Schweden bei einem Jahresverbrauch von 24 Gigawattstunden nur 3,82 Cent je Kilowattstunde fällig, in Deutschland dagegen 6,76 Cent. Laut IW sind die Preisunterschiede ein Zeichen dafür, dass die Energiemärkte in Europa noch längst nicht zusammengewachsen sind.

Das sieht man auch beim VIK so. „Wir müssen den Markt öffnen und mehr Anbieter aus dem Ausland zulassen“, forderte Richmann. Geschehe nichts, seien zahlreiche Arbeitsplätze in energieintensiven Unternehmen gefährdet. Der VIK selbst vertritt Unternehmen mit insgesamt mehr als 600000 Arbeitnehmern.

Ähnlich äußerte sich der Gesamtverband der Aluminiumindustrie (GDA). „Auf dem gegenwärtigen Energiepreisniveau ist ein wirtschaftlicher Betrieb nicht mehr möglich“, sagte GDA-Präsident Gerhard Buddenbaum. Für Aluminiumhütten machten die Energiekosten rund 40 Prozent der Gesamtkosten aus.

Der VIK fordert daher eine Belebung des Wettbewerbs. Dazu gehöre auch eine stärkere Kontrolle des Emissionshandels. Die Stromkonzerne dürften die Kosten für CO2-Zertifikate nicht mehr in den Strom einpreisen. „Schließlich haben sie die Zertifikate umsonst zugeteilt bekommen“, sagte Richmann. Dennoch verteuere der Emissionshandel eine Megawattstunde Strom derzeit um zehn Euro. Darüber hinaus forderte er eine Beschränkung der Kosten durch die erneuerbaren Energien. Außerdem müsse sich die Politik zu einem breit angelegten Energiemix bekennen – „inklusive Kernkraft und Braunkohle“, sagte Richmann.

Die etablierte Strombranche widersprach der Darstellung des VIK. „Wir haben in Deutschland eine sehr vielfältige Struktur mit mehr als 1000 Unternehmen“, sagte Patricia Nicolai vom Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) dem Tagesspiegel. Neben den großen vier Konzernen gebe es zahlreiche Stadtwerke und Regionalversorger, daneben spiele auch die Eigenerzeugung der Industrie eine Rolle. Außerdem kämen bei den erneuerbaren Energien noch viele private Erzeuger hinzu. „Angesichts dieser Situation kann man mitnichten von einem Oligopol sprechen“, sagte Nicolai. Sie verwies auf Länder wie Frankreich, wo es nicht vier große Konzerne, sondern nur einen einzigen gebe.

Auch die Kritik am Emissionshandel wies Nicolai zurück. „Die CO2-Zertifikate haben einen Wert, und der spiegelt sich in den Stromkosten wider.“ Das habe die Politik so gewollt, als sie das Gesamtangebot an Zertifikaten bewusst verknappt habe.

Auch der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft (BGW) übte Kritik. So sei die hohe Nachfrage aus China und Indien die Hauptursache für steigende Energiepreise. Dennoch seien die Erdgaspreise für große Industriekunden in Deutschland im europäischen Vergleich vor Steuern immer noch die zweitbilligsten nach Finnland.

Der Bundesverband Erneuerbare Energien teilte hingegen die Kritik des VIK an der Preispolitik der Stromkonzerne. Allerdings widersprach er der Darstellung, dass die regenerativen Energien eine Belastung bedeuteten. Langfristig könnten nur sie die Strompreise stabilisieren.

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