Wirtschaft : Industriekonjunktur: Die Stimmung wird schlechter

Wenn die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit heute die Zahl der Arbeitslosen für den Monat Juli bekannt gibt, dann werden sich Experten-Prognosen bewahrheiten, die eine deutliche Verschlechterung der Lage am deutschen Arbeitsmarkt vorausgesagt haben. Nicht nur die um saisonale Einflüsse bereinigte Erwerbslosenzahl dürfte nach ihrem Urteil wie bislang in jedem Monat dieses Jahres steigen, sondern im Vergleich mit dem Vormonat erstmals seit Februar auch der unbereinigte Wert. Die Arbeitsmarktexperten des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) sowie Volkswirte rechnen bei Abrechnung rein saisonaler Einflüsse durchschnittlich mit rund 20 000 Erwerbslosen mehr. Die unbereinigte Zahl könnte laut BDA um bis zu 110 000 steigen.

Typische saisonale Einflüsse sind im Juli zum Beispiel Kündigungen zur Jahresmitte und die Ferienflaute. Der Arbeitsmarkt schwächelt im Juli daher traditionell. Jedoch könnte die Entwicklung im Zeichen der gegenwärtigen Konjunkturschwäche in diesem Juli besonders drastisch ausfallen. Die BDA-Arbeitsmarktexpertin Ilka Houben schließt nicht aus, dass die unbereinigte Arbeitslosenzahl erstmals in diesem Jahr über dem Stand des gleichen Vorjahresmonats liegen könnte. Houben hält bis zu 3,81 Millionen Arbeitslose für möglich nach 3,694 Millionen im Juni. Im Juli 2000 waren 3,80 Millionen Arbeitslose registriert worden. Die tendenziell schlechtere Entwicklung halte an, sagte Houben. "Dieser Trend setzt sich mit leichter Verstärkung fort.

Es ist auch zu befürchten, dass das in der zweiten Jahreshälfte so weiter gehen wird", stimmte der DGB-Arbeitsmarktexperte Johannes Jakob zu. Er rechnet bereinigt mit 15 000 bis 25 000 Arbeitslosen mehr, unbereinigt mit etwa 100 000.

"Die Frage ist, ob man kurzfristig überhaupt gegensteuern kann", sagte Jakob zu den Einwirkungsmöglichkeiten auf den Arbeitsmarkt. Für die Konjunkturlage gelte: "Es gibt im Moment keine Branche, die das Zugpferd machen könnte." Auch das von Wirtschaft und Opposition vielfach geforderte Vorziehen der nächsten Stufen der Steuerreform könnte sich erst im nächsten Jahr auswirken. Wichtig sei, dass der Staat jetzt nicht mit Ausgabenkürzungen gegen die Konjunkturentwicklung anspare. Houben empfahl als kurzfristig wirkende Impulse für den Arbeitsmarkt bessere Möglichkeiten zum Abschluss befristeter Beschäftigungsverhältnisse und für Zeitarbeit.

Alle Hoffnungen auf eine anziehende Industriekonjunktur zur Jahresmitte haben am Montag einen deutlichen Dämpfer erfahren. Nach einem unerwartet starken Auftragseinbruch im Juni übertraf die Nachfrage im Verarbeitenden Gewerbe im ersten Halbjahr ihr Vorjahresniveau nur um 0,9 Prozent. Wie das Bundesfinanzministerium mitteilte, gingen die Bestellungen im Juni preis- und saisonbereinigt gegenüber dem Vormonat um 2,5 Prozent zurück - nach einem starken Anstieg im Mai um 4,6 Prozent. Das Ministerium bezog sich auf Angaben des Statistischen Bundesamtes und der Deutschen Bundesbank.

Vergleichsweise stabil erwies sich bei diesem konjunkturellen Frühindikator der Industriekonjunktur wiederum der Export. Während mit minus 4,5 Prozent die Einbußen bei den Inlandsbestellungen besonders groß waren, gingen die Order aus dem Ausland "dank weiterer massiver Großaufträge" nur um 0,4 Prozent zurück. Besonders betroffen von dem schlechten Ergebnis sind mit minus 8,9 Prozent der Osten Berlins und die neuen Bundesländer. Im Westen fielen die Bestellungen um 2,2 Prozent niedriger aus als im Mai.

Hinzu kommt, daß die Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe laut ifo im Juni weiter rückläufig war. Gegenüber der letzten Erhebung im März sank sie von 87,1 Prozent auf 85,7 Prozent im Westen und von 82,8 Prozent auf 82,4 Prozent in den neuen Bundesländern. Der ifo-Konjunkturtest zeigt denn auch einen inzwischen ausgeprägten Pessimismus im Verarbeitenden Gewerbe. Im Juni verschlechterte sich das Geschäftsklima nochmals drastisch von -6,6 auf -12,3 Punkte im Westen und von 4,7 auf -3,5 Punkte im Osten. Dabei werden die Geschäftsaussichten für die kommenden sechs Monate in beiden Teilen Deutschlands noch wesentlich schlechter eingeschätzt als die aktuelle Geschäftslage, die zumindest in den neuen Ländern im Saldo noch leicht positiv gesehen wird.

Das Wirtschaftswachstum wird im gesamten Jahr nach Einschätzung des Bremer Wirtschaftswissenschaftlers Rudolf Hickel nur bei maximal einem Prozent liegen. Selbst die interne Prognose des Sachverständigenrats von 1,4 Prozent, die am Wochenende veröffentlicht wurde, sei "noch zu optimistisch", sagte Hickel am Montag.

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