Wirtschaft : Infineon-Aktionäre kritisieren Vorstand scharf

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Die Aktionäre der Infineon Technologies AG haben das Management des Münchner Halbleiterherstellers massiv wegen zu langsamer Reaktion auf die derzeitige Branchenkrise gerügt. "Eine gute Unternehmensführung zeichnet sich nicht durch Rennfahrer-Mentalität aus", sagte eine Aktionärssprecherin auf der Hauptversammlung an die Adresse von Infineon-Chef und Hobby-Rennsportler Ulrich Schumacher. Er habe um des eigenen Ruhmes willen Gas gegeben, als hätte gebremst werden müssen, und falsche Prognosen verbreitet.

Das will sich Schumacher offenbar nicht noch einmal nachsagen lassen. Für das Geschäftsjahr 2001/02, das bis Ende September läuft, halte er die Schätzungen von Analysten über einen Verlust von 1,4 Milliarden Euro vor Zinsen und Steuern (Ebit) für "realistisch", bekannte der Konzernchef vor rund 3400 Aktionären, damit könne er "gut leben". Damit würde das Minus sogar über die gut eine Milliarde Euro Defizit (Ebit) des Vorjahres steigen. Daraufhin hatte der Hersteller von Bausteinen für Computer, Handys oder Autos 5000 Stellen abgebaut.

Die Infineon-Anteilseigner bescheinigten dem Management indes, sich gründlich verschätzt zu haben. Infineon habe Mitte 2001 noch "fröhlich" Personal eingestellt, obwohl ein Sanierungsprogramm in Vorbereitung gewesen sei, rügte eine Aktionärin. Ein IG Metall-Vertreter kündigte Schadenersatzklagen von Ex-Mitarbeitern an, die noch bis Juni 2001 von der Konkurrenz abgeworben, kurz nach Arbeitsantritt bei Infineon aber gekündigt worden seien.

Seit Dezember 2000 seien entgegen den Beteuerungen des Infineon-Managements erste Warnzeichen eines Preisverfalls auf den Chipmärkten unübersehbar gewesen, kritisierte ein Belegschaftsaktionär. Der Infineon-Vorstand habe sich im Gegensatz zu Konkurrenten zu lange geweigert, eigene Prognosefehler einzugestehen. Sowohl das Ausmaß des Personalabbaus als auch des Absturzes der Infineon-Aktie hätten begrenzt werden können, wenn der Vorstand nicht "zu lässig" mit der Marktkrise umgegangen wäre, rügten Aktionäre. Dieses Verhalten grenze an Täuschung der Anleger. Mitarbeiter sehen die Motivation der Belegschaft nach dem derzeitigen Aderlass "im Keller", was eine Bewältigung der Krise erschwere, sagte der Mitarbeiter-Vertreter.

Angesichts dieser Kritik räumte Vorstandschef Schumacher eine Teilschuld ein. Massive Bestellrückgänge im Geschäft mit Chips für Computer und Mobiltelefone im Januar 2001 habe der Vorstand als vorübergehende Bestandskorrektur der Kunden fehlinterpretiert. Davon abgesehen habe der Vorstand richtig reagiert, als Mitte 2001 der Verfall des Chipgeschäfts auf andere Bereiche wie Bauteile für Autos oder Chipkarten übergegriffen habe, wehrte sich Schumacher. Keinesfalls habe man "hemdsärmlig" Personal abgebaut. Anleger seien auf Risiken im Chipgeschäft hingewiesen worden.

Für die nähere Zukunft rät Schumacher zur Vorsicht. Zwar spreche Einiges dafür, dass Ende 2001 die Talsohle erreicht worden sei. Rückschläge seien aber möglich. Aus eigener Kraft sei dennoch eine Erhöhung des Infineon-Marktanteils bei Speicherchips für Computer von heute 14 auf 17 bis 20 Prozent möglich. Auch ein Schulterschluss mit Konkurrenten ist für Schumacher denkbar.

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