Wirtschaft : Infineon sagt Umzug in die Schweiz ab

Nach Schumachers Rauswurf dementiert Finanzvorstand Bilanzprobleme – Palastrevolution im Vorstand

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Berlin (mot). Der Halbleiterkonzern Infineon sorgt nach der überraschenden Ablösung von Vorstandschef Ulrich Schumacher für Verwirrung an der Börse. Finanzvorstand Peter Fischl dementierte zwar am Freitag Spekulationen, wonach Unregelmäßigkeiten in der Bilanz die Ursache für den abrupten Führungswechsel gewesen seien. Zugleich verdichteten sich aber Hinweise darauf, dass es im Vorstand seit Wochen heftigen Streit über Schumachers Führungsstil und öffentliches Auftreten gab. Die Aktie pendelte um ihren Vorta geswert bei elf Euro.

Die Ablösung Schumachers habe „nichts zu tun mit der aktuellen Geschäftslage“, versicherte Fischl in einer kurzfristig einberufenen Telefonkonferenz mit Investoren und Analysten. Infineon stehe zu seinen Prognosen, im laufenden Quartal werde weiterhin mit schwarzen Zahlen gerechnet. „Wir sind auf gutem Weg“, sagte Fischl. Die umstrittene Auslagerung einzelner Konzernteile werde weiter geprüft, Infineon nehme allerdings Abschied von Plänen, den Konzernsitz ins Ausland zu verlagern: „Es wird keinen Umzug in die Schweiz geben.“

Schumacher hatte eine solche Abwanderung erwogen und mit Kritik am Standort Deutschland verbunden. Seit längerem ist der Konzern dabei, Verwaltungsabteilungen ins Ausland auszugliedern. So wird die Lohnbuchhaltung inzwischen von Portugal aus gemacht. Kritiker bemängeln, die Abteilung arbeite zu langsam. „Die kennen sich mit den deutschen Regularien nicht aus“, heißt es.

Der mit der Auslagerung verbundene Stellenabbau in Deutschland sorgte überdies für scharfe Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften. Mit Kündigungen in der Probezeit und dem Versuch, ein Mitarbeiter-Leistungsprogramm zu etablieren, das die schwächsten Mitarbeiter aussortieren sollte, machte sich Schumacher unbeliebt. Sein rigider Sparkurs verunsicherte aber offenbar auch Kunden, Investoren und den Großaktionär Siemens. Am Donnerstag hatte der Aufsichtsrat Schumacher deshalb auf einer außerordentlichen Sitzung einstimmig zum Rücktritt aufgefordert.

„Schumachers polarisierende Art und seine unbedachten Prognosen haben in den vergangenen drei Jahren viel Porzellan zerschlagen“, sagte Aufsichtsratsmitglied Dieter Scheitor dem Tagesspiegel. Der Infineon-Chef sei „berüchtigt für seinen selbstherrlichen Führungsstil“, so der IG Metall-Vertreter. Zuletzt habe sich die Lage zu einer „echten Führungskrise“ zugespitzt. „Es war die Pflicht des Aufsichtsrates, zu handeln.“ Ein Nachfolger des kommissarischen Vorstandschefs Max Dietrich Kley müsse „professioneller und ausgewogener“ agieren. Kley habe bereits „ein oder zwei“ Kandidaten im Blick. Großaktionär Siemens – der Konzern hält 20 Prozent der Kapitalanteile und verfügt über 50 Prozent der Stimmrechte – hat nach Meinung von Insidern die Ablösung Schumachers hinter den Kulissen aktiv mitbetrieben. „Die haben nicht zugeschaut“, sagte Aufsichtsrat Scheitor. Treibende Kraft für den Rauswurf Schumachers war nach Informationen aus unternehmensnahen Kreisen die Nummer zwei im Infineon-Vorstand, Andreas von Zitzewitz. Der promovierte Elektrotechniker sitzt seit 1999 als Chief Operating Officer im Vorstand und war zuvor bei Siemens in leitender Funktion tätig.

„Die Vorstandskollegen haben eine Art Palastrevolution ausgelöst“, interpretiert Infineon-Analyst Günther Hollfelder von der Hypo-Vereinsbank den Rauswurf. Schumachers Kommunikationspolitik sei ein Problem gewesen – auch für Investoren. „Die Aktie wird im Vergleich zu anderen Chipwerten unter anderem deshalb mit einem deutlichen Abschlag gehandelt.“ Auf das operative Geschäft werde Schumachers Rücktritt aber keine Auswirkungen haben.

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