Wirtschaft : Inflation: Hoffnung auf sinkende Zinsen wächst

Rückläufige Kraftstoffpreise haben den Anstieg der Teuerung in Deutschland kräftig gebremst. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vom Montag sank die jährliche Inflation im Juni nach vorläufigen Daten aus sechs Bundesländern von 3,5 Prozent auf 3,1 Prozent. Für den Euro-Raum wird mit einem Rückgang von 3,4 auf 3,1 Prozent gerechnet. Damit hat sich auch der Zinssenkungsspielraum der EZB vergrößert. Der Euro stieg über 86 Cent.

Seit vergangenem Dezember war die jährliche Teuerungsrate hier zu Lande fast von Monat zu Monat gestiegen. Im Mai hatte der Zuwachs gegenüber April auf Grund der deutlichen Preisschübe bei Benzin, Heizkosten und Fleisch 0,5 Prozent betragen. Von Mai auf Juni aber stiegen die Preise für die Lebenshaltung aller privater Haushalte nun nur noch um 0,2 Prozent. Entscheidend dafür ist die jüngste Entwicklung der Kraftstoffpreise. Die lagen im Juni zwischen drei und 4,1 Prozent höher als vor zwölf Monaten. Im Mai mussten die Autofahrer für Benzin und Diesel hingegen noch zwischen 13,1 und 17,1 Prozent mehr ausgeben als vor Jahresfrist. Grafik: Inflation im Juni Bundesbank und Europäische Zentralbank (EZB) gehen davon aus, dass sich der Preisanstieg in den kommenden Monaten weiter beruhigt. Auch der Einfluss von Sonderfaktoren wie BSE und Maul- und Klauenseuche, die für höhere Lebensmittelpreise sorgten, soll geringer werden. "Wir halten es für nicht unwahrscheinlich, dass wir den Höhepunkt schon erreicht haben, von dem aus es mit der Inflation wieder abwärts geht", hatte EZB-Präsident Wim Duisenberg in der vergangenen Woche erklärt. Ein Zeichen für weitere Entspannung signalisieren die Erzeugerpreise, deren Anstieg sich bereits abgeschwächt hat: Im Mai lagen die Erzeugerpreise für gewerbliche Produkte um 4,6 Prozent über dem Vorjahresstand. Im April hatte der Anstieg noch fünf Prozent betragen.

Ein weiteres Indiz könnten sinkende Ölpreise sein. Der Preis für Öl der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) fiel innerhalb einer Woche deutlich. Ein Barrel (159 Liter) Opec-Öl habe in der vergangenen Woche im Schnitt 25,60 Dollar nach 27,08 Dollar eine Woche zuvor gekostet, berichtete das Opec-Sekretariat am Montag in Wien. Im Mai hatte der Opec-Ölpreis bei durchschnittlich 26,25 Dollar gelegen.

Mit der rückläufigen Teuerungsrate in Deutschland, der gewichtigsten Volkswirtschaft im Euro-Raum, haben sich auch die Hoffnungen auf eine neue Zinssenkung der EZB wieder etwas verstärkt. Nach der überraschenden Zinssenkung der EZB Anfang Mai hatten die bisher steigenden Teuerungsraten die Wahrscheinlichkeit dafür eher gering erscheinen lassen. Jetzt aber steigt der Spielraum der EZB wieder. Viele Beobachter rechnen nun noch vor der Sommerpause im August mit einem entsprechenden Zinsschritt.

Auch in den USA deutet alles auf eine baldige weitere Zinssenkung durch die US-Notenbank Fed hin. Nach einem Prozent Wachstum im letzten Quartal 2000 wuchs die US-Wirtschaft im ersten Quartal dieses Jahres zwar um 1,3 Prozent, doch Anzeichen einer Erholung sind noch nicht in Sicht. Von der optimistischen Prognose, es gehe spätestens in der zweiten Jahreshälfte mit der US-amerikanischen Konjunktur wieder bergauf, haben sich die meisten Volkswirte schon wieder verabschiedet.

Angesichts dessen wird bereits von der am heutigen Dienstag beginnenden zweitägigen Sitzung der Fed, auf der die Zinsleitlinien neu bestimmt werden sollen, eine weitere Zinssenkung erwartet. Uneinig scheinen sich die Experten lediglich darin zu sein, ob die Fed die Zinsen dieses Mal um nur einen viertel oder einen halben Prozentpunkt senkt. Seit Jahresbeginn hat der Offenmarktausschuss der Notenbank die Zinsen in fünf Schritten um jeweils einen halben Prozentpunkt gesenkt - von 6,5 Prozent auf zuletzt vier Prozent. Das ist der tiefste Stand seit sieben Jahren.

Anhaltende Sorgen über die weiterhin schwache US-Wirtschaft und die Hoffnung auf neue Zinssenkungen im Euro-Raum haben unterdessen den Euro etwas beflügelt. Die Gemeinschaftswährung kletterte am Montag über 0,86 Dollar und nahm den wichtigen Widerstand bei 0,8675 Dollar in Angriff. Die Europäische Zentralbank stellte ihren Referenzkurs mit 0,8607 Dollar fest nach 0,8528 Dollar am Freitag. Ein Konjunkturbericht des National Bureau of Economic Research habe Rezessionsfurcht aufkommen lassen. Dies habe den Dollar belastet, sagten Analysten. Auch zum Yen schwächte sich der Dollar ab, was Händler zum Teil auf den Wahlerfolg der regierenden Liberaldemokraten bei der Tokioter Kommunalwahl zurückführten.

Mehr zum Thema im Tagesspiegel: Mehr als nur Pech
Lohnnebenkosten belasten Rot-Grün

0 Kommentare

Neuester Kommentar