Wirtschaft : Inflation: Kommunikation der EZB irritiert die Fachwelt

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Nicht nur wegen der vorerst weiter hohen Inflationsrate, sondern auch wegen des schwachen Euros sehen die Wissenschaftler des renommierten "Centre for European Policy Studies" (CEPS) keinen Grund für die Europäische Zentralbank (EZB), die Geldpolitik weiter zu lockern. "Es gibt derzeit keine Notwendigkeit für aggressive Zinssenkungen", sagte Daniel Gros, Direktor des Brüsseler Instituts am Dienstag in Frankfurt bei der Vorstellung des CEPS-Jahresberichtes. Der schwache Euro und die Zinsen seien ein starker Impuls für die Wirtschaft. Das Urteil der Wissenschaftler über die Arbeit der EZB fällt allerdings zwiespältig aus. In der Geldpolitik habe sie zwar keine größeren Fehler gemacht, ihre Kommunikationspolitik weise aber erhebliche Mängel auf. "Die EZB schafft es mit viel Kommunikation wenig zu sagen. Man steht ratlos vor einer Masse von Verlautbarungen." Die Arbeit, die im Frankfurter Eurotower verrichtet werde, sei weniger transparent als bei anderen Notenbanken.

Besonders deutlich geworden ist diese Schwäche nach Ansicht der Wissenschaftler bei den Erläuterungen zur letzten Zinssenkung Anfang Mai. Damals begründete EZB-Präsident Duisenberg die Lockerung mit neuen Erkenntnissen über Verzerrungen der Geldmengenentwicklung nach oben und mit günstigeren Inflationsaussichten. In den Wochen davor hatte die EZB immer wieder vor steigenden Preisen und einem zu starkem Geldmengenwachstum gewarnt. "Die Maßnahmen der EZB lassen sich mit ihrer offiziellen Strategie generell nicht überzeugend erklären." Für Gros ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer Neuausrichtung der Notenbank: Die EZB soll ihre Zwei-Säulen-Strategie aufgeben, auf die Betrachtung der Geldmenge für ihre Geldpolitik verzichten und sich allein auf die Preisentwicklung beschränken.

Das Kommunikations- und damit auch Glaubwürdigkeitsproblem der EZB führt Gros im Übrigen auch auf ihre heterogene Struktur zurück. "Ihre Organisation ist viel diffuser als die der US-Notenbank Fed. Duisenberg hat eine schwächere Stellung als Greenspan." Europas Wirtschaft sieht CEPS derzeit an einer Wachstumsgrenze angelangt. "Das Wachstumstempo in Europa ist weiter begrenzt, das Limit dürfte unter 2,5 Prozent liegen", sagt Gros. Der Produktivitätszuwachs in Europa sei nicht mit der Entwicklung in den USA vergleichbar, weil die "New Economy" nicht das Gewicht habe wie jenseits des Atlantiks.

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