Wirtschaft : Information für Milliarden

Open-Data-Angebote von Behörden und Firmen verheißen gute Geschäfte - vor allem für App-Entwickler.

Morten Freidel
App zum Ziel.
App zum Ziel.

Berlin - Am Anfang war alles illegal. Vor vier Jahren programmierte Jonas Witt eine App, die Bus- und Bahnverbindungen anzeigte und dafür auf die Internetseite des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) zugriff – ohne Genehmigung. Das Programm erfreute sich großer Beliebtheit. Innerhalb eines Monats stiegen die Nutzeranfragen bei der VBB von 800 auf 50 000. Schließlich fragte Witt nach, ob Apple mit dem Programm „ein bisschen Werbung“ machen dürfe. „Da haben wir uns damals nichts bei gedacht“, sagt Alexander Pilz, Abteilungsleiter Fahrgastinformation bei der VBB. Witt bekam die Erlaubnis, Pilz ging pünktlich in den Feierabend und schaltete um kurz vor acht den Fernseher ein. Es lief ein Werbeclip von Apple. Mit dem iPhone falle einem das Leben leichter, lautete die Botschaft des Spots, man könne sich zum Beispiel spielend von A nach B navigieren lassen – dann erschien auf dem Bildschirm die App von Jonas Witt.

Was folgte, ist ein Musterbeispiel für „Open Data“, also „frei zugängliche Daten“. Die Verantwortlichen der VBB erkannten, wie nützlich es sein kann, wenn Programmierer ungehinderten Zugriff auf ihre Daten haben. Diesen November gab der VBB daher einen Teil seiner Geheimnisse preis – neben detaillierten Fahrplänen die Koordinaten von Haltestellen und Echtzeitinformationen, zum Beispiel Verspätungen. Programmierer können damit an mobilen Anwendungen basteln.

Eine von EU-Kommissarin Neelie Kroes letztes Jahr in Auftrag gegebene Studie schätzt das wirtschaftliche Potenzial von Open Data in der Europäischen Union auf 40 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Die Regierungen der USA und Großbritanniens haben diese Chance längst erkannt. Schon vor drei Jahren richteten sie zentrale Datenportale ein. Hier können Nutzer zahlreiche Daten der öffentlichen Verwaltung einsehen, vor allem Geodaten. Den Programmierern nützen sie nur in maschinenlesbarer Form und an einem zentralen Ort – nicht im toten Winkel einer Behördeninternetseite. Jetzt will auch die deutsche Regierung liefern. Mit dem Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme arbeitet das Innenministerium an einem deutschlandweiten Portal für Daten von Bund, Ländern und Kommunen. Es soll vor der nächsten Cebit im März 2013 online gehen.

Branchenkenner wollen sich zur Zahl von Kommissarin Kroes zwar nicht offen äußern, die Mehrheit beurteilt sie aber skeptisch. „Da kommt man mit relativ wenigen Annahmen zu großen Zahlen“, sagt Lars Luck, Marketing-Experte bei Roland Berger. Trotzdem ist er optimistisch, auch im Hinblick auf das Potenzial von Open Data in Deutschland – insbesondere Geodaten hätten einen erheblichen Wert. Sie seien vergleichbar mit Investitionen in das Schienen- und Straßennetz und damit eine Art virtuelle Infrastruktur.

Bisher ist die Mitarbeit der Behörden freiwillig und die Gesetzeslage verworren. Die Ämter sollen bestimmte Datenpakete veröffentlichen – die meisten jedoch nur, wenn jemand explizit nachfragt. „Das ist sicher nicht ausreichend“, sagt Peter Schaar, Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit. Wären die Daten frei verfügbar, käme niemand auf die Idee, sie illegal zu beschaffen. „Wenn Transparenz zur Regel und Geheimhaltung zur Ausnahme geworden ist, dann entlastet das auch ein Stück weit. Daten werden in einer Informationsgesellschaft immer wichtiger. Und zwar auch als wirtschaftliche Ressource.“

Aber es gibt Grenzen bei der Informationsfreiheit, vor allem wenn es um Persönlichkeitsrechte geht. 2011 wurde auf farmsubsidy.org eine detaillierte Auflistung aller EU-Agrarsubventionen veröffentlicht, bis ein Bauer aus Bayern klagte. Es behagte ihm offenbar nicht, dass die gesamte Netzgemeinde einsehen konnte, wie viel Geld er von der EU kassierte. Der Europäische Gerichtshof gab dem Bauern Recht. Seitdem dürfen Informationen über Einzelpersonen, die EU-Gelder erhalten, nicht mehr veröffentlicht werden.

Pionier Witt hat sich inzwischen als App-Entwickler selbstständig gemacht. Und zahlreiche Nachahmer gefunden, zum Beispiel Stefan Wehrmeyer. Seine App „Mapnificent“ zeigt auf einer Karte an, wie weit man von einem beliebigen Standort aus in 15 Minuten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt. Auch Unternehmensdaten sind begehrt, etwa Messungen aus der Industrie. Im Dezember hat Vattenfall ein Datenportal eröffnet. Dort kann man unter anderem erfahren, wann und wie viel grüner Strom ins Netz eingespeist wird. Wer will, kann seinen Strom mit diesen Informationen ökologischer verbrauchen. Morten Freidel

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