Informations- und Kommunikationstechnik : Wie sich der Markt wandelt

Die Geschäftsmodelle der Hightechindustrie wandeln sich radikal. Doch Europa droht den Anschluss zu verlieren.

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Anschlussprobleme. In den kommenden Jahren wird der Datenverkehr weiter stark wachsen.
Anschlussprobleme. In den kommenden Jahren wird der Datenverkehr weiter stark wachsen.Foto: dipego Fotolia

Die Summen sind schwindelerregend. Vodafone erhält 130 Milliarden Dollar (98 Milliarden Euro) für seinen Anteil von 45 Prozent am US- Mobilfunkanbieter Verizon Wireless. Gleichzeitig stehen die Briten kurz vor der Übernahme des Netzbetreibers Kabel Deutschland. Der Wert der Transaktion: 10,7 Milliarden Euro. Microsoft wiederum zahlt 5,4 Milliarden Euro für das Handygeschäft von Nokia. Das Volumen an Übernahmen und Fusionen im Telekommunikationssektor ist seit Jahresbeginn bereits um mehr als zwei Drittel auf 448 Milliarden Dollar gestiegen – es ist der höchste Wert seit 2007.

Und es kommt noch mehr: Telecom Italia gilt als Übernahmekandidat, Blackberry bietet sich sogar als solcher an, die Deutsche Telekom will sich von der Scout-Gruppe trennen. In den Führungsetagen der IT- und Kommunikationsunternehmen geht es derzeit um mehr als Schuldenabbau oder kleinere Verschiebungen – es geht um große strategische Entscheidungen und Transaktionen, die die gesamte Branche verändern.

Getrieben werden die Veränderungen dabei von zwei Entwicklungen: dem technischen Fortschritt und der Marktdynamik. Die technische Entwicklung führt dazu, dass IT- und Kommunikationstechnik immer stärker zusammenwachsen, ebenso Hard- und Software. Mit seinem Strategiewechsel von einem Softwareentwickler zu einem Anbieter von Geräten und Diensten folgt Microsoft mit dem Kauf der Handysparte von Nokia nur dem, was Apple und Google bereits vorgemacht haben. Mit ihren Betriebssystemen, den dazugehörenden Anwendungen und Geräten, bauen die Konzerne eigene Welten auf. Wenn alles läuft wie geplant, bleibt der Kunde für immer in einer dieser Welten. Dieser Logik folgend müsste eigentlich Samsung als Nächstes mit einem eigenen Betriebssystem kommen. Und tatsächlich arbeitet der südkoreanische Konzern derzeit an einem eigenen Betriebssystem namens Tizen. Doch für Samsung ist das ein Drahtseilakt, sagen Experten. Bisher nutzt Samsung das Betriebssystem Android von Google, das nach Berechnungen der Marktforschungsfirma Gartner weltweit auf rund 80 Prozent aller Smartphones installiert ist. Samsung kann es sich nicht leisten, es sich mit Google zu verscherzen, denn Android sorgt für das große Volumen.

Mit dem Verkauf der Handysparte gibt Nokia jetzt als letztes europäisches Unternehmen die Produktion von Mobiltelefonen auf. Siemens, Philips, Alcatel, Ericsson – sie alle bauen schon lange keine Handys mehr. Schaut man auf die Liste der größten Hersteller von Hardware, tauchen fast nur noch asiatische Unternehmen auf, im Internet- und Softwarebereich sind die Amerikaner noch stark. Aber wenn Vodafone seinen Anteil an Verizon Wireless abgegeben und den Großteil des Erlöses an seine Aktionäre ausgezahlt haben wird, schrumpft das Unternehmen, das einmal der weltgrößte Mobilfunkkonzern war, signifikant. Und es gibt unter den einflussreichsten Unternehmen wieder einen europäischen Konzern weniger (siehe Grafik).

Zwar gibt es auch in Europa noch Wachstum – vor allem was die Nachfrage nach mobilen Daten betrifft. Deswegen haben unter anderem die Telekom und Vodafone gerade angekündigt, dass sie Milliarden in den Ausbau ihrer Netze stecken wollen. „Das große Interesse an Smartphones bringt Wachstum, macht aber auch hohe Investitionen in die Netze nötig“, sagt Axel Freyberg von der Unternehmensberatung AT Kearney.

Aber in anderen Regionen der Welt sind die Wachstumsraten noch größer – und die Marktbedingungen günstiger. Während es etwa in den USA mit ihren rund 300 Millionen Einwohnern nur vier große Mobilfunkanbieter gibt, konkurrieren in der EU etwa 100 Anbieter um die Gunst der 500 Millionen Bürger. „Der europäische Markt ist zu stark fragmentiert“, sagt Freyberg. „Die Unternehmen müssen sich konsolidieren, um hier Größenvorteile realisieren zu können.“ Und um sich gegen die Konkurrenz aus den USA und Asien behaupten zu können.

„Große Teile der deutschen Industrie basieren heute auf der Informations- und Kommunikationstechnik“, sagt der Berater. „Doch die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen in diesem Umfeld sinkt immer weiter. Das ist keine gute Entwicklung.“ Hiesige Unternehmen vom Maschinenbauer bis zum Automobilhersteller machen sich so immer abhängiger von Entwicklungen und Innovationen, die von außerhalb Europas kommen. „Kommunikationsnetze sind kritische Infrastrukturen“, betont Freyberg. „Daher beschäftigen sich auch die Regierungen inzwischen mit der Frage, ob es ratsam ist, sie allein mit Technik aus Asien oder den USA aufzubauen.“ Durch die NSA-Abhöraffäre ist die Sensibilität auf jeden Fall gewachsen.

Noch gibt es Hightechfirmen in Europa, die mithalten können. Chancen sieht Freyberg vor allem in der Halbleiterindustrie und nennt als Beispiele Infineon oder STMicroelectronics. Auch gibt es noch zwei europäische Netzwerkausrüster: Ericsson oder die bei Nokia verbliebene NSN. „In diesen Bereichen haben wir noch Kompetenzen“, sagt Freyberg. Die gelte es zu stärken. Chancen sieht er auch bei jungen Unternehmen, die in der Regel die technologischen Innovationen hervorbringen. Denn: „Wer eine führende Marktposition hat, der ändert nicht so einfach sein Geschäftsmodell.“

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